was be­deu­tet uns Mut?

… mit 50, 60, 70?

Meins - - Inhalt -

Et­was zu wa­gen macht ein­fach fRei und glück­lich

Nach der Schu­le hat­te ich den Traum, ins Aus­land zu ge­hen. Das war da­mals noch nicht so an­ge­sagt wie heu­te – wo ja ge­fühlt je­der fünf­te Abitu­ri­ent Au-pair oder Work and Tra­vel macht. Dem­ent­spre­chend wa­ren mei­ne El­tern, vor al­lem mei­ne Mut­ter, we­nig be­geis­tert von der in ih­ren Au­gen aus­ge­fal­le­nen Idee. Aber selbst wenn sie mich un­ter­stützt hät­ten, ich hät­te mich gar nicht ge­traut. Den Mut, al­lein in die Welt zu zie­hen, in ei­ner mir un­be­kann­ten Fa­mi­lie als Au-pair zu le­ben, hat­te ich ein­fach nicht. Ob­wohl ich kon­takt­freu­dig und selbst­be­wusst war – aber eben nur in Be­rei­chen, die ich über­schau­en konn­te. Lan­ge ha­be ich ge­dacht, es lä­ge vi­el­leicht da­ran, dass ich da­zu er­zo­gen wur­de, auf Num­mer si­cher zu ge­hen. Da­ge­gen spricht, dass mei­ne Schwes­ter das kras­se Ge­gen­teil ist. Kein Aben­teu­er, das sie nicht wa­gen wür­de!

Aber mit den Jah­ren, den Er­fol­gen im Be­ruf und der Er­fah­rung, dass ich Job und Fa­mi­lie wup­pe (da hat­te ich schon mei­ne Zwei­fel), ha­be ich mich im­mer stär­ker ge­fühlt. Und schließ­lich – mit 46 – so­gar den Mut auf­ge­bracht, die Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen und mei­nen fes­ten Job zu kün­di­gen. Ein ei­ge­nes Ar­chi­tek­tur­bü­ro – das war mein Traum. Ein gro­ßes Ri­si­ko! Gut, ich ha­be noch ei­nen Mann im Hin­ter­grund, aber ich bin auch fi­nan­zi­ell gern un­ab­hän­gig. Man weiß ja nie, was kommt!

Mein ei­ge­ner Herr zu sein und das Ge­fühl, es ge­wagt zu ha­ben, macht mich rie­sig glück­lich. Es ist, als sei ei­ne Last von mir ab­ge­fal­len. Ja, ich den­ke so für mich: Yes, I can! Ich muss mich nur ent­schei­den. Das ha­be ich auch mei­nen Kin­dern ver­mit­telt. Und eins ist klar: Das Aus­lands­jahr ho­le ich nach. Ich könn­te mir gut vor­stel­len, als Gran­ny-Au­pair die Welt zu be­rei­sen – vi­el­leicht fällt mir auch noch was an­de­res ein. Al­les ist mög­lich! Uta, 52

Mut zei­gen macht uns mu­ti­geR , egal, wie’s aus­geht

Mut heißt für mich vor al­lem, Angst zu über­win­den. Ängst­lich und mu­tig wer­den ja als Ge­gen­satz ge­se­hen, aber das ist nicht ganz rich­tig. Ich kann ei­ne Angst im­mer be­hal­ten, je­den­falls bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad, aber auch den Mut ha­ben, sie je­des Mal zu über­win­den. Und das fängt schon bei klei­nen Din­gen an. Wenn ich mich zum Bei­spiel in ei­ne Si­tua­ti­on be­ge­be, die mir un­an­ge­nehm ist. Weil ich mei­ne Mei­nung ver­tei­di­ge, aber weiß, das ich mich da­mit in die Nes­seln set­ze. Oder wenn ich je­man­dem ei­ne Nach­richt über­brin­gen muss, die für ihn schmerz­lich ist. Wenn ich schüch­tern bin und mich trotz­dem vor die Klas­se oder ein Se­mi­nar stel­le, um ei­nen Vor­trag zu hal­ten.

Oder auch, wenn ich in ein Flug­zeug stei­ge, ob­wohl ich Flug­angst ha­be. Es gibt un­zäh­li­ge Si­tua­tio­nen im All­tag, in de­nen wir Mut auf­brin­gen müs­sen. Das Schö­ne ist aber: Mit je­dem Mal, in dem wir das ge­schafft ha­ben – und sei es auch nur ein Müüüt­chen, wer­den wir ein ganz klein biss­chen mu­ti­ger. Auch weil wir ja die Er­fah­rung ma­chen, dass uns am En­de nicht wirk­lich et­was pas­siert. Au­ßer, dass man sich ei­nem Wech­sel­bad der Ge­füh­le aus­lie­fert, in dem nicht je­der gleich gut schwimmt. Das ha­be ich in mei­ner lang­jäh­ri­gen Ar­beit als The­ra­peu­tin be­ob­ach­tet.

Und man­che mei­ner Kli­en­ten ha­be ich re­gel­recht be­wun­dert. Weil sie in wirk­lich schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen nie den (Le­bens-)Mut ver­lo­ren ha­ben. Selbst un­heil­bar kran­ke Pa­ti­en­tin­nen, die auch aus der letz­ten Pha­se ih­res Le­bens et­was ma­chen und nicht le­thar­gisch da­hin­ve­ge­tie­ren woll­ten. Da­zu ge­hört ei­ne enor­me Kraft.

Nun mag man­cher den­ken, wenn ich ei­ne The­ra­pie ma­chen muss, kann es so weit her mit dem Mut und dem Selbst­be­wusst­sein ja nicht sein. Aber das ist der fal­sche

An­satz. Al­lein zu­zu­ge­ben, dass man al­lein nicht wei­ter­kommt und Hil­fe braucht, er­for­dert ja ei­nen ge­wis­sen Mut – gera­de in ei­ner Ge­sell­schaft, in der er­war­tet wird, dass wir funk­tio­nie­ren, mög­lichst per­fekt und gut drauf sind. Bir­git, 62

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