Neu­an­fang Lie­be

Manch­mal wohnt das Glück ne­ben­an

Meins - - Inhalt - VON J. MEYERDIERCKS

Heu­te frag’ ich ihn ein­fach mal. Ge­gen ei­nen Kaf­fee ist ja wohl nichts ein­zu­wen­den. Los, An­ge­li­ka, du schaffst das!“Mit die­sen Ge­dan­ken im Hin­ter­kopf steht An­ge­li­ka Haa­se vor ih­rem lang­jäh­ri­gen Nach­barn Ernst Suhl. Auf­ge­regt wie ein Te­enager. Mit Herz­klop­fen, feuch­ten Hän­den und Kloß im Hals. „Ich weiß gar nicht, was mit mir los war. Ich woll­te doch nur mal ei­nen Kaf­fee mit mei­nem Nach­barn trin­ken, und plötz­lich war da so ein Krib­beln im Bauch“, sagt die Ho­tel­fach­frau. Auch heu­te er­in­nern sich bei­de noch ganz ge­nau an den Mo­ment, der al­les ver­än­der­te. Sie strah­len wie frisch ver­lieb­te Ju­gend­li­che, als sie von dem Be­ginn ih­rer Lie­be er­zäh­len. Ei­ner Lie­be, der ein schwe­rer Schick­sals­schlag vor­her­ging …

Von ei­nem auf den an­de­ren Tag än­dert sich ihr Le­ben.

Als An­ge­li­ka mit­ten in der Nacht auf­wacht, ist das Bett ne­ben ihr leer. Zu­nächst denkt sie sich nichts da­bei. Doch als ihr Mann Bern­hard kur­ze Zeit spä­ter im­mer noch nicht zu­rück ist, geht sie run­ter und fin­det ihn. Tot. Ein Herz­in­farkt. „Es war ein Schock. Für so et­was gab es doch nie An­zei­chen. Er war erst 50 und im­mer ge­sund ge­we­sen.“28 Jah­re war An­ge­li­ka mit Bern­hard ver­hei­ra­tet. Drei Kin­der (heu­te 38, 33 und 29) ha­ben sie groß­ge­zo­gen. „Bern­hard war mei­ne ers­te gro­ße Lie­be. Un­ser Haus in Krem­pe ha­ben wir selbst um­ge­baut, es war un­ser gan­zer Stolz.“

In der ers­ten Trau­er­pha­se ste­hen Fa­mi­lie, Freun­de und Nach­barn ihr bei. Aber abends, wenn sich die Tür hin­ter al­len schließt, über­kommt An­ge­li­ka die Ein­sam­keit. „Ich war noch nie in mei­nem Le­ben al­lein ge­we­sen. Das war für mich kaum aus­zu­hal­ten. Die Ein­sam­keit hat mich über­rollt. Und dann ha­be ich zu mir ge­sagt: Ich bin doch erst 48. Ich will nicht al­lein blei­ben. Das kann doch jetzt nicht schon al­les ge­we­sen sein?“

Nur ein paar Tü­ren wei­ter quält sich noch ein ein­sa­mes Herz. Auch Ernst ist seit ei­ni­gen Jah­ren Sing­le und un­glück- lich. Sei­ne Schei­dung vor fünf Jah­ren hat ihn stark mit­ge­nom­men. „Am Wo­che­n­en­de ha­be ich mir mein Mo­tor­rad ge­schnappt und bin raus­ge­fah­ren. Als An­ge­li­ka frag­te, ob wir nicht mal ei­nen Kaf­fee trin­ken wol­len, ha­be ich mir nichts wei­ter ge­dacht. Schließ­lich kann­ten wir uns seit Jahr­zehn­ten, un­se­re Kin­der ha­ben oft zu­sam­men ge­spielt. Es tat uns gut, den Kum­mer zu

Ich war über­wäl­tigt von den Ge­füh­len

tei­len und sich im Leid des an­de­ren wie­der­zu­fin­den.“Im Ok­to­ber 2007 ma­chen sie ih­ren ers­ten Aus­flug – nach Bü­sum. „Ich war vor­her noch nie mit ei­nem an­de­ren Mann weg­ge­fah­ren. Ei­ne ganz neue Er­fah­rung für mich. Ich war so auf­ge­regt, dass ich mir die Kaf­fee­sah­ne über die Blu­se ge­kippt ha­be“, er­in­nert sich An­ge­li­ka la­chend.

al­les fühlt sich so neu und un­ge­wohnt an.

Mo­tor­rad fah­ren, den Son­nen­un­ter­gang ge­nie­ßen – An­ge­li­ka ist über­wäl­tigt von den Ge­füh­len, die da so un­er­war­tet auf sie ein­pras­seln. Am Abend schreibt sie Ernst so­fort ei­ne SMS: „Es war ein sehr net­ter Nach­mit­tag – vie­len Dank!“Und als prompt ei­ne Ant­wort zu­rück­kommt, ist sie über­rascht. Be­son­ders von die­sem woh­lig war­men Glücks­ge­fühl im Bauch. „Da flat­ter­ten auf ein­mal Schmet­ter­lin­ge wie wild her­um“, sagt sie. „Doch an­de­rer­seits ha­be ich mich auch schlecht ge­fühlt. Der Tod mei­nes Man­nes war erst ein hal­bes Jahr her …“

An­ge­li­ka ver­traut sich ih­ren Kin­dern an. „Mir war es wich­tig, dass sie ein­ver­stan­den sind, dass ich mich wei­ter mit Ernst tref­fe. Ich woll­te un­be­dingt ih­ren Se­gen.“Den be­kommt sie! Die Kin­der sind froh, dass ih­re Mut­ter wie­der so glück­lich ist – und in gu­ten Hän­den. „Nur im Dorf wa­ren wir Ge­sprächs­the­ma Num­mer eins.“Mo­na­te hält das Ge­re­de im Su­per­markt oder beim Bä­cker an. Bis Ernst ei­ne Idee hat: „Wol­len wir uns ver­lo­ben?“, fragt er An­ge­li­ka. In ei­ner knall­ro­ten Zei­tungs­an­zei­ge ma­chen sie ih­re Lie­be öf­fent­lich, zei­gen dem Dorf und der gan­zen Welt: „Wir ge­hö­ren von nun an zu­sam­men und las­sen uns nicht mehr los!“Das ist jetzt zehn Jah­re her. •

Im Dorf wa­ren wir lan­ge das The­ma Num­mer eins!

zwei­rad-Fans Mit ei­ner Spritz­tour nach Bü­sum fing al­les an

Mit­ten ins Herz Das Glück von An­ge­li­ka und Ernst war nur ein paar Me­ter ent­fernt

Lus­ti­ger Lie­bes-taLk Das Paar schnackt gern über sein Ken­nen­ler­nen

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