Neu­an­fang

Clau­dia Schä­ferTrumm, 52, schaff­te sich Platz für ih­re Träu­me

Meins - - Inhalt - VON JU­LIA MEY­ER­DIERCKS

Mit­ten im Nir­gend­wo, um­ge­ben von Wie­sen und Fel­dern, liegt ein klei­nes Pa­ra­dies für Gour­mets: „Die klei­ne Fro­ma­ge­rie“im rhein­land­pfäl­zi­schen Ober­rod. Als wir das mit his­to­ri­schen St­ei­nen und Fens­tern neu er­bau­te Haus be­tre­ten, scheint es, als wä­re die Zeit ste­hen ge­blie­ben. Und genau dar­in liegt auch das Ge­heim­nis von Clau­dia Schä­fer-Trumms Er­folg. Die Teil­zeit-Zie­gen­bäue­rin und Fein­schme­cke­rin nimmt sich, wo­von es in der in­dus­tri­el­len Mas­sen­pro­duk­ti­on zu we­nig gibt: Zeit.

Mit An­na, Em­ma und Paul fing das Aben­teu­er an.

Vor zehn Jah­ren will die gern be­wusst es­sen­de Clau­dia ih­ren ei­ge­nen Kä­se für den Ei­gen­be­darf her­stel­len. Und kauft sich drei wei­ße Deut­sche Edel­zie­gen, die auf ei­ner Wie­se mit Gän­se­stall un­ter­ge­bracht wer­den. Wie man Kä­se macht? Kei­ne Ah­nung. „Aber kann ja nicht so schwer sein!“, sagt sie sich. Vie­le Ver­su­che und ein Kä­se­se­mi­nar in Frank­reich brin­gen sie dann auf den rich­ti­gen Ge­schmack – und die Idee,

Ist viel Lie­be da, ge­sellt sich schnell Glück da­zu

ei­nen al­ten Ci­tro­ën HY aus der Pro­vence zu ho­len und zum fei­nen, klei­nen fah­ren­den Re­stau­rant zu re­stau­rie­ren. Sie möch­te „Pro­duk­te mit Lie­be, Hand und Herz her­stel­len“und „das ur­sprüng­li­che Le­ben auf dem Land wie­der aus­gra­ben“. Der Be­ginn ei­nes gro­ßen Aben­teu­ers, in dem sich ein St­ein zum an­de­ren fügt.

In­zwi­schen ge­hört zur Fro­ma­ge­rie (www.klei­ne-fro­ma­ge­rie.de) ein Hof­la­den, und aus dem rol­len­den Re­stau­rant ist die „Sin­fo­nie der Sin­ne“ge­wor­den, ei­ne Kä­se­ver­kos­tung der be­son­de­ren Art. Ge­mü­se baut Clau­dia mitt­ler­wei­le selbst an, auch Hüh­ner, Gän­se und En­ten sol­len ein­zie­hen. „Wir sind im­mer noch da­bei, uns un­se­ren Traum zu er­fül­len. Und die Ide­en ge­hen uns nicht aus“, lacht sie.

Für ih­ren Mut, ei­nen Zie­gen­hof ganz oh­ne land­wirt­schaft­li­che Kennt­nis­se auf­zu­bau­en, wur­de die 52-Jäh­ri­ge Be­triebs­wir­tin ge­ra­de vom Lan­dFrau­en­ver­band zur Un­ter­neh­me­rin des Jah­res ge­wählt. Ei­ne Aus­zeich­nung, auf die sie stolz ist. „Viel wich­ti­ger ist mir aber, dass es mei­nen Zie­gen gut geht. Man kann nur gu­ten Kä­se ma­chen, wenn man auch der Zie­ge Gu­tes gibt. Qua­li­tät ist wich­ti­ger als Quan­ti­tät.“35 ver­schie­de­ne Sor­ten hat sie kre­iert. Mit Blü­ten, Kräu­tern oder Heu – mal in Pi­ni­en­a­sche ge­reift, mal mit Trüf­feln, Blü­ten, Nüs­sen, Bier oder Scho­ko­la­de ver­edelt. Frisch­kä­se, Ca­mem­bert, Brie, Weich­kä­se. Im Wes­ter­wald wird er so ge­macht, wie die Bau­ern in Frank­reich ihn frü­her her­stell­ten. „Bei un­se­rem Kä­se schmeckt man noch die Jah­res­zei­ten her­aus, je nach­dem, was die Zie­gen fres­sen“, schwärmt Clau­dia. „Zie­gen­bäue­rin zu wer­den“, gibt sie aber zu, „war ein har­ter, mit viel Ar­beit ge­pflas­ter­ter Weg und ist es noch im­mer. Aber ich be­reue kei­ne Mi­nu­te! Es hat sich ge­lohnt.“

Mor­gens um sechs klin­gelt der We­cker,

„da­mit der Tag reicht“. Dann geht es – ins Bü­ro. Denn Clau­dia, Mut­ter zwei­er er­wach­se­ner Söh­ne und ei­nes Te­enagers, ar­bei­tet wei­ter­hin als Per­so­nal­che­fin. Mit­tags tauscht sie Pumps ge­gen Gum­mi­stie­fel, Com­pu­ter ge­gen For­ke. Be­ackert das Land, pflegt die Tie­re, macht Kä­se. Na­tür­lich von Hand. In den letz­ten Wo­chen sind vie­le Zick­lein ge­bo­ren wor­den. Bei je­der ein­zel­nen Ge­burt ist sie mit im Stall. „An Schlaf ist kaum zu den­ken. Aber es ist nicht schlimm. Ich bin gern bei mei­nen Zie­gen. Und er­le­be je­de Ge­burt als klei­nes Wun­der.“170 Tie­re hat sie in­zwi­schen, und sie kennt je­de Zie­ge beim Na­men.

Un­ter­stützt wird sie von zwei Mit­ar­bei­tern, vier bis sechs Aus­hilfs­kräf­ten und ih­rem Mann, der aber wie sie auch noch ei­nen Be­ruf hat. Dar­auf wür­de sie auch nicht ver­zich­ten wol­len. Sie liebt ih­ren Be­ruf und weiß in­zwi­schen si­cher: „Per­so­nal­che­fin und Zie­gen­bäue­rin, Le­ben wie frü­her mit un­se­rer Fa­mi­lie und mit den Zie­gen heu­te – es geht bei­des“, sagt Clau­dia. „Man muss sich Platz für sei­ne Träu­me schaf­fen. Wenn man et­was mit Lie­be an­geht, ­ge­sellt­sich­schnell­das­Glück­da­zu.“­•

Mir ge­hen die Ide­en be­stimmt nicht aus!

Grü­ne Wie­sen

und viel Lie­be – da gibt es für die 170 Zie­gen nichts zu me­ckern

Al­les nA­tur Das Ge­mü­se für den sa­lat zieht Clau­dia selbst

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