Frau­en wie wir

Ein al­tes Bau­ern­haus und ein Oli­ven­hain: Schon als Stu­den­tin träum­te Do­ret­te Deutsch, 63, vom Le­ben am Mit­tel­meer. Dann hat sie es aus­pro­biert

Meins - - Inhalt - VON AN­KE GAP­PEL

Do­ret­te, 63, lebt ih­ren Ita­li­en-Traum

Schon beim ers­ten Be­such wuss­te ich: Hier ge­hö­re ich hin!

Ge­nua, Ra­pal­lo, Chia­va­ri, Se­stri Le­van­te, Ver­naz­za – Dio mio – das klingt wie ein Lie­bes­rei­gen aus ei­ner ita­lie­ni­schen Oper. Herr­lich!“Knapp hun­dert Ki­lo­me­ter lang schwelgt Do­ret­te Deutsch, 63, qua­si im Ou­ver­tü­ren-Rausch, wenn sie von Ge­nua aus die zau­ber­haf­te Land­schaft mit den klang­vol­len Orts­na­men durch­fährt, bis sie nach ein­ein­halb St­un­den ihr Häu­schen in Cin­que Terre er­reicht. An der Küs­te Li­gu­ri­ens, hoch überm azur­blau­en Meer, hat sie sich ein klei­nes Pa­ra­dies ge­schaf­fen. „Jetzt im Früh­som­mer duf­tet es be­tö­rend nach Gins­ter, Ma­gno­li­en, Zi­tro­nen­blü­ten, da­zu die sal­zi­ge See­luft – das ist für mich Glück pur, und ich bin für je­den Mo­ment dank­bar, den ich hier er­le­ben darf.“

Cin­que Terre, fünf Dör­fer, die sich auf ei­nen zwölf Ki­lo­me­ter lan­gen Küs­ten­strei­fen an der ita­lie­ni­schen Ri­vie­ra schmie­gen, ent­deckt Do­ret­te En­de der 60er-Jah­re, als sie zum ers­ten Mal als Stu­den­tin in die­ser Re­gi­on Ur­laub macht. „Schon da­mals hat­te ich das Ge­fühl: Hier ge­hö­re ich her, hier möch­te ich ei­nes Ta­ges le­ben.“

Die lie­be zu der re­gi­on wächst mit je­dem Be­such.

Wie auch die Lie­be zu den Men­schen. „Durch die far­ben­fro­he Op­tik der Häu­ser spürt man hier so ein Ge­fühl der Leich­tig­keit und der Ge­las­sen­heit. Aber bei­des ist hart er­ar­bei­tet“, weiß Do­ret­te heu­te. „Denn das Kli­ma ist bis­wei­len ganz schön rau, der Bo­den fel­sig und karg. Ge­schenkt wird ei­nem hier nichts.“

Und doch er­liegt sie dem her­ben Charme der Ge­gend, der Gast­freund­lich­keit und der Herz­lich­keit der Ein­hei­mi­schen, die man häu­fig erst auf den zwei­ten Blick er­kennt. „Die Men­schen sind wie die Oli­ven­bäu­me, die hier seit Jahr­hun­der­ten wach­sen: Sie ha­ben ei­ne har­te Scha­le, un­ter der sich ein gol­de­nes Herz ver­birgt.“

Li­gu­ri­en ist be­kannt für sein ex­qui­si­tes Oli­ven­öl, das hier in ur­al­ter Tra­di­ti­on ge­won­nen wird. Als die Jour­na­lis­tin, die in Deutsch­land beim Rund­funk ar­bei­tet, An­fang der 90er ihr

win­zi­ges Bau­ern­häus­chen et­was au­ßer­halb des Or­tes Ver­naz­za kauft, er­steht sie we­nig spä­ter auch ei­nen klei­nen Oli­ven­hain. „Ich ha­be nach bei­dem lan­ge ge­sucht – aber dann war es Lie­be auf den ers­ten Blick.“

in­zwi­schen ist sie ei­ne pas­sio­nier­te oli­ven­bäue­rin – mit 160 Bäu­men auf 4000 Qua­drat­me­tern. Le­arning by do­ing ist ihr Prin­zip. Aber: „Ich ha­be von mei­ner Nach­ba­rin Da­nie­la vie­le wert­vol­le Tipps be­kom­men – über die Pfle­ge, die Ern­te und die Zu­be­rei­tung des Öls.“

Car­pe diem – nut­ze den Tag! Die­sen wei­sen Spruch von Horaz be­her­zi­gen die Li­gu­ri­er. So auch Do­ret­te! „Vor den Er­folg ha­ben die Göt­ter den Schweiß ge­setzt“, sagt sie und lacht. „Noch so ei­ne Re­dens­art, die hier ge­lebt wird.“En­de Mai müs­sen die Oli­ven­bäu­me be­schnit­ten wer­den, da­mit sie im No­vem­ber reich­lich Früch­te tra­gen. Da­für ist Do­ret­te schon früh am Mor­gen auf den Bei­nen, vol­ler Ta­ten­drang und Ener­gie. Für die­sen Spät­herbst ist die Hob­by­bäue­rin zu­ver­sicht­lich. „Ich rech­ne mit ei­ner gu­ten Ern­te bis zu 80 Li­tern.“Gro­ße Net­ze legt sie dann un­ter den Bäu­men aus, je­de ein­zel­ne, von Hand ge­ern­te­te Frucht ist kost­bar. Mit der Ern­te fährt Do­ret­te spä­ter in die na­he ge­le­ge­ne Öl­müh­le. Kalt ge­presst (bis 30 Grad) wird das dick­flüs­si­ge Pflan­zen­gold in gro­ße Fla­schen ab­ge­füllt. „Mei­ne Oli­ven rei­chen für den Ei­gen­be­darf und als Mit­bring­sel für gu­te Freun­de in Deutsch­land.“

Ge­müt­lich hat sie sich ihr 65 Qua­drat­me­ter gro­ßes Häu­schen ein­ge­rich­tet. „Als ich es kauf­te, war es in ei­nem er­bärm­li­chen Zu­stand. Ich ha­be es im Lau­fe der Zeit im li­gu­ri­schen Stil re­stau­riert.“Jetzt schmü­cken die Zim­mer ein gro­ßer Ka­min und al­te Mar­mor­wasch­be­cken, die Wän­de sind in tra­di­tio­nel­len Far­ben, von Oran­ge bis Dun­kel­ro­sa, ge­stri­chen. „Stück für Stück wird mei­ne Ca­set­ta zu mei­nem Zu­hau­se, zu mei­ner Wohl­fühl-Oa­se.“

Do­ret­te hat sich ihr Le­ben zwi­schen Deutsch­land und Li­gu­ri­en ein­ge­rich­tet. „Ein hal­bes Jahr woh­ne ich in Mün­chen, ar­bei­te vor­wie­gend als Au­to­rin, schrei­be Bü­cher und Fea­tu­res fürs Ra­dio. Und die an­de­ren sechs Mo­na­te le­be ich mei­nen ita­lie­ni­schen Traum in Li­gu­ri­en.“

Die Zeit wird ihr nie lang. „Ach, es gibt so viel zu tun“, sagt sie. Auf dem Grund­stück wach­sen Nuss-, Bir­nen­und Zi­tro­nen­bäu­me, de­ren Früch­te ver­ar­bei­tet wer­den müs­sen. „Aber zum Glück ha­be ich Da­nie­la, die mir in­zwi­schen ei­ne gu­te Freun­din ge­wor­den ist.“Von ihr hat sie ge­lernt, Sar­di­nen und Kir­schen ein­zu­le­gen, Li­mon­cel­lo, Zi­tro­nen­li­kör, her­zu­stel­len. Zu­sam­men ha­ben die bei­den Frau­en ei­ne Per­go­la aus Ki­wi­bäu­men ge­baut. „Un­ser gro­ßer Stolz – und ganz oh­ne Män­ner!“

Apro­pos Män­ner – wie sieht es denn mit Amo­re aus?

Do­ret­te lä­chelt fein, wäh­rend ihr Blick weit übers Meer schweift, wo man bei kla­rer Sicht bis El­ba gu­cken kann. „Es gibt da schon lan­ge ei­nen sehr net­ten Ge­nue­ser, mit dem mich ei­ne in­ni­ge Lie­be ver­bin­det.“Ein Mann, der ihr Herz noch ein biss­chen fes­ter bin­det – an Bel­la Li­gu­ria, ih­ren wun­der­schö­nen ita­lie­ni­schen Le­benstraum. •

CAR­PE DIEM, NUT­ZE DEN TAG – DAS HA­BE ICH HIER GE­LERNT

Stück für Stück wird mei­ne Ca­set­ta zu mei­nem Zu­hau­se …

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