Ko­lum­ne

Bis Car­la Be­cker sich ih­re Seh­schwä­che ein­ge­ste­hen konn­te, ver­gin­gen mot­zi­ge Mo­na­te. Und zehn Le­se­bril­len min­des­tens

Meins - - Inhalt -

„Ich seh’ wohl nicht rich­tig“

Ma­the war nie mein Lieb­lings­fach. Das meis­te von dem, was ich über In­te­gral­rech­nung oder Glei­chun­gen ge­lernt ha­be, brauch­te ich spä­ter nie wie­der. Nur das The­ma „Pro­por­tio­na­le Zu­ord­nun­gen“ist ge­ra­de wie­der sehr ak­tu­ell ge­wor­den. Mir fiel näm­lich auf, dass sich der Ab­stand zwi­schen ei­ner Spei­se­kar­te und mei­nem Au­ge pro­por­tio­nal zu mei­nem Le­bens­al­ter ver­hält. Al­so kurz ge­sagt: je äl­ter, des­to grö­ßer. Ir­gend­wann reich­te mein Arm nicht mehr aus, und ich fing an, nach lo­gi­schen Er­klä­run­gen für mei­ne op­ti­schen Pro­ble­me zu su­chen. Ich me­cker­te über das schumm­ri­ge Licht im Re­stau­rant oder über die­se läs­ti­ge Ma­rot­te, Spei­se­kar­ten von Hand zu schrei­ben. Die ver­schnör­kel­te Klaue kann ja kein Mensch le­sen! Als Über­gangs­lö­sung ka­men mein Mann und ich auf die Idee, die ei­ge­ne Me­nü­kar­te um­zu­dre­hen, so­dass der Ge­gen­über­sit­zen­de sie quer über den Tisch hin­weg le­sen konn­te. Das sah zwar ko­misch aus, aber we­nigs­tens stimm­te der Ab­stand.

ei­ne Wei­le konn­ten wir mit un­se­rem selbst­be­trug le­ben.

Aber es kam der Mo­ment, in dem die ers­te Le­se­bril­le in un­se­rem Haus auf­tauch­te. So ei­ne vom Su­per­markt, mit der man aus­sieht wie ei­ne schlecht ge­laun­te Leh­re­rin beim Dik­ta­te­kor­ri­gie­ren. Wir mach­ten ein paar Scher­ze über die Bril­le, aber je­der ver­such­te plötz­lich, der Ers­te am Früh­stücks­tisch zu sein, um sich die Bril­le zu si­chern. Wer zu spät kam, konn­te beim Zei­tungs­le­sen nur noch die Schlag­zei­len er­ken­nen.

Al­so kauf­ten wir wei­te­re Le­se­bril­len und ver­teil­ten sie an stra­te­gisch wich­ti­gen Punk­ten im Haus. Im Bad, in der Spei­se­kam­mer, ne­ben dem Si­che­rungs­kas­ten. Als gut se­hen­der Mensch glaubt man ja gar nicht, wie oft man ir­gend­et­was viel zu klein Ge­schrie­be­nes le­sen muss. Na­tür­lich nerv­te das stän­di­ge Auf- und Ab­set­zen, das pein­li­che Ver­tip­pen auf dem Han­dy, der ver­zwei­fel­te Ver­such, ei­nen Bus­fahr­plan zu durch­schau­en, wenn die Le­se­bril­le mal wie­der ir­gend­wo war, aber nicht in der Hand­ta­sche. Mit an­de­ren Wor­ten:

es wur­de Zeit für die ers­te Gleit­sicht­bril­le!

Ein Wort, das sich für mich ge­nau­so se­xy an­hör­te wie But­ter­fahrt, Ge­biss­rei­ni­ger oder Se­nio­ren­tel­ler. Und we­nig spä­ter ein Ge­fühl, als wür­de ich die Erd­krüm­mung er­ken­nen, so­bald ich nach un­ten guck­te. Mein Op­ti­ker mein­te, dar­an wür­de man sich ge­wöh­nen. Das Ge­hirn müs­se erst ler­nen, die neu­en Ein­drü­cke in die ver­trau­ten Seh­ge­wohn­hei­ten um­zu­rech­nen. Aha, schon wie­der Ma­the. Wenn ich ge­ahnt hät­te, dass das spä­ter noch mal so wich­tig wird, hät­te ich in der Schu­le ver­mut­lich bes­ser aufgepasst. •

Kei­nen DuRch­blick mehR? Bleib Ru­hig – und kauf ’ne coo­le BRil­le

Un­se­re Ko­lUm­nis­tin Car­la Be­cker, 55, liebt schnel­le Au­tos, Kat­zen und ih­ren Mann. Und fühlt sich kei­nen Tag äl­ter als 39

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