„Dau­er­haf­ten Stress mö­gen un­se­re Fas­zi­en gar nicht“

Meins - - Meine Gesundheit -

Kaum je­mand von uns kennt sie, je­der hat sie: Fas­zi­en. Sie bil­den ein Netzwerk, das den ge­sam­ten Kör­per durch­dringt. Dum­mer­wei­se kann un­ser Bin­de­ge­we­be durch Über- oder Un­ter­be­an­spru­chung ver­kle­ben – und das hat Fol­gen. MEINS: Herr Dr. Schleip, wor­an mer­ken wir ei­gent­lich, dass un­se­re Fas­zi­en schwä­cheln?

Dr. Schleip: Ein Test ver­rät, wie es um Ih­re Fas­zi­en steht. Bü­cken Sie sich so weit wie mög­lich nach vorn. Kom­men Sie mit den Hän­den nur bis zu den Kni­en, ist es nicht be­son­ders gut um Ihr Bin­de­ge­we­be be­stellt. Auch wenn man das Ge­fühl hat, dass sich der Kör­per sprö­de oder tei­gig an­fühlt, ist das kein gu­tes Zei­chen. Bei Rü­cken­schmerz-Pa­ti­en­ten se­hen wir bei Ope­ra­tio­nen oft, dass die Len­den­fas­zie aus­sieht wie ein Schlacht­feld. MEINS: lst al­so un­ser Bin­de­ge­we­be schuld am Volks­lei­den „Rü­cken“? Bei im­mer mehr Men­schen ver­sagt die Len­den­fas­zie, weil dem Bin­de­ge­we­be Kraft und Elas­ti­zi­tät feh­len. Die Fol­gen sind Rü­cken- oder Ge­lenk­schmer­zen, Ba­lan­ce­stö­run­gen, Taub­heits­ge­füh­le so­wie Be­we­gungs­ein­schrän­kun­gen. MEINS: War­um ver­här­ten sich un­se­re Fas­zi­en über­haupt?

Dr. Schleip: Das ist ver­mut­lich evo­lu­tio­när be­dingt. Denn frü­her war es wich­tig, dass ich beim Kampf oder bei der Flucht ei­ne ho­he Grund­span­nung ha­be, um zu über­le­ben. Die Ver­stei­fung bie­tet dann ei­nen Schutz­ef­fekt vor Ver­let­zun­gen. Das spü­ren wir heu­te noch, et­wa wenn der Na­cken sich ver­här­tet. Kurz­fris­tig macht das nichts – dau­er­haf­ter Stress schä­digt aber die Fas­zi­en. MEINS: Wie­so? Dr. Schleip: Un­ter stän­di­ger An­span­nung schüt­tet der Kör­per Bo­ten­stof­fe aus, die zu ei­ner lang­fris­ti­gen Ver­här­tung des Bin­de­ge­we­bes füh­ren. MEINS: Was hilft den Fas­zi­en bei dau­er­haf­ter An­span­nung? Dr. Schleip: Schla­fen zum Bei­spiel. Denn dann schüt­tet der Kör­per Wachs­tums­hor­mo­ne aus, die dem Bin­de­ge­we­be hel­fen, neu­es Kol­la­gen auf­zu­bau­en. Da­durch ver­hin­dern wir, dass die Fas­zi­en dün­ner wer­den. Be­son­ders wich­tig für den Kollagenaufbau ist auch die Ami­no­säu­re LAr­gi­nin, die z. B. in Wal­nüs­sen steckt. MEINS: Wenn ich ge­nü­gend Sport trei­be, wer­den die Fas­zi­en dann nicht au­to­ma­tisch mit­trai­niert?

Dr. Schleip: Nicht un­be­dingt. Bei den meis­ten Men­schen muss es ein Übungs­pro­gramm sein, das den Kör­per or­dent­lich durch­dehnt. Yoga, Pi­la­tes oder Tai-Chi sind des­halb so gut, weil sie durch die Deh­nung die Fas­zi­en sti­mu­lieren. Die­se re­gel­mä­ßi­ge Zug­be­las­tung führt da­zu, dass die lang ge­streck­ten Fa­ser­zel­len elas­tisch blei­ben und nicht ver­kle­ben. MEINS: Wie oft soll­te ich mein Bin­de­ge­we­be trai­nie­ren? Dr. Schleip: Ein- bis zwei­mal die Wo­che ge­nügt voll­kom­men. MEINS: Und wer kein Yoga-Fan ist?

Dr. Schleip: Der kann al­le drei, vier Ta­ge sport­li­che Hüp­fer ma­chen wie Seil­sprin­gen – die fe­dern­den Be­we­gun­gen ma­chen die Fas­zi­en wie­der ge­schmei­di­ger. Oder Sie schla­gen ab und zu Pur­zel­bäu­me. Durch die Vor­wärts­rol­le wird die Len­den­fas­zie op­ti­mal aus­ge­dehnt und bleibt elas­tisch.

DR. Ro­BERt ScHlEIp Pio­nier der Fas­zi­en­for­schung und Hum­an­bio­lo­ge

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