Mit 50 bin ich reif für ei­nen Neu­an­fang Meins: sie wa­ren lan­ge nicht mehr in deutsch­land und hat­ten nach ih­rer letz­ten tour­nee ein Burn-out … Patri­cia Kaas: In den zehn Jah­ren da­vor war emo­tio­nal ein­fach zu viel pas­siert in mei­nem Le­ben, was ich nie­mals

Patri­cia Kaas, 50, fei­ert be­ruf­lich Er­fol­ge. Pri­vat läuft es nicht rund. Ein Burn-out und Schick­sals­schlä­ge ver­än­dern sie. Und ha­ben sie stark ge­macht

Meins - - Star - VON CHRIS­TI­NE STAAB

Sie ist das, was man oh­ne Zö­gern ei­nen Su­per­star nen­nen kann: Patri­cia Kaas ist ei­ne der we­ni­gen Künst­le­rin­nen, die mit fran­zö­sisch ge­sun­ge­nen Lie­dern in ganz Eu­ro­pa Er­folg hat­te. Seit mehr als 30 Jah­ren steht die Blon­di­ne auf der Büh­ne. Noch bis Herbst ist sie auf Tour­nee. Wir tref­fen die 50-Jäh­ri­ge am Tag nach ei­nem Kon­zert zum In­ter­view. Patri­cia wirkt ent­spannt, sie lä­chelt viel und fährt sich durch die halb­lan­gen Haa­re. Im Ge­spräch lässt die Sän­ge­rin, die zur­zeit Sing­le ist, sehr schnell tief in ih­re See­le bli­cken. Of­fen spricht sie über ihr Burn-out, das Äl­ter­wer­den und ih­ren Weg zu ei­nem ganz neu­en Le­bens­ge­fühl.

rich­tig ver­ar­bei­tet hat­te: mein Buch, in dem ich mei­ne Le­bens­ge­schich­te auf­ge­ar­bei­tet ha­be. Der Film, in dem ich ei­ne Mut­ter ge­spielt ha­be, die ihr Kind ver­lo­ren hat. Das Piaf-Pro­gramm war al­les an­de­re als ein­fach. Und dann ha­be ich auch noch mei­nen Bru­der ver­lo­ren … puh … Es war al­les zu viel! Meins: wie füh­len sie sich heu­te?

Patri­cia Kaas: Der Zu­sam­men­bruch hat mir viel Gu­tes ge­bracht. Ich ha­be heu­te ei­nen viel bes­se­ren Blick auf mich selbst. Ich bin viel lo­cke­rer ge­wor­den. Mei­ne neue Sicht­wei­se hat mein Le­ben kom­plett ver­än­dert. Ich den­ke, das spürt man auch in den Lie­dern, die ich heu­te sin­ge. Ich wür­de heu­te so­gar be­haup­ten, es wä­re gut ge­we­sen, wenn mir das Burn-out schon zehn Jah­re frü­her pas­siert wä­re. Es ist schwie­rig, ei­ne sol­che Pha­se zu durch­le­ben. Ja, es ist wirk­lich die Höl­le. Aber wenn man raus ist, fühlt man sich ein­fach „Wow!“. Mein Le­ben ist kein an­de­res, aber ich se­he es an­ders. Es ist, als ob ich jetzt erst wirk­lich die Au­gen ge­öff­net hät­te. Meins: ha­ben sie es al­lein aus ­Ih­rem­See­len­tief­ge­schafft? Patri­cia Kaas: Ich hat­te Hil­fe. Ich ha­be ei­ne The­ra­pie ge­macht, muss­te

Ta­blet­ten neh­men. Ich war fast sechs Mo­na­te lang in Be­hand­lung. Ich ha­be ei­nen kämp­fe­ri­schen Cha­rak­ter. Ich bin nie­mand, der sich hän­gen lässt. Ich woll­te da wie­der raus! Ich woll­te mei­ne al­te Stär­ke zu­rück! Meins: Gön­nen sie sich heu­te mehr ru­he und frei­zeit?

Patri­cia Kaas: Das könn­te ich. Aber ich lie­be, was ich tue. Auf der Büh­ne zu ste­hen ist nicht nur mein Job, es ist mei­ne Lei­den­schaft. Ich ha­be mein Le­ben so auf­ge­baut, dass mein Pu­bli­kum ein Teil da­von ist. Oh­ne das Pu­bli­kum wür­de ich mich wahr­schein­lich doch ein­sam füh­len. Ich bin ei­gent­lich im­mer un­ter­wegs. Es ist schwie­rig, Freund­schaf­ten zu pfle­gen oder per­ma­nent Kon­takt zur Fa­mi­lie zu hal­ten. Ich ha­be ei­ne Men­ge ge­än­dert nach dem Burn-out – aber es ist im­mer noch nicht ge­nug. Ich ha­be bei­spiels­wei­se mein Haus in Zü­rich ver­kauft. Ich be­sit­ze seit elf Jah­ren ei­ne Woh­nung in Pa­ris, die ich eben­falls ver­kau­fen möch­te. Ich su­che nach ei­nem Neu­an­fang. Vi­el­leicht ver­las­se ich so­gar Pa­ris – ich weiß es noch nicht. Meins: wel­che rol­le spielt das Al­ter bei die­sen ent­schei­dun­gen? Patri­cia Kaas: Ich bin jetzt 50. Vi­el­leicht kann ich noch 15 oder 20 Jah­re

auf der Büh­ne ste­hen. Ich füh­le mich nicht mehr wie mit 20 oder 30, wo man denkt, das Le­ben liegt noch vor ei­nem. Ich ha­be ei­ne Men­ge hin­ter mir, vie­le Er­fah­run­gen ge­macht. Na­tür­lich stel­le ich mir selbst heu­te an­de­re Fra­gen als frü­her. Meins: die 50 war al­so ei­ne schwel­le? Patri­cia Kaas: Ich muss ge­ste­hen, dass mir der Ge­dan­ke an die 50 an­fangs gar nicht so gut ge­fiel. Aber jetzt ha­be ich ja wie­der ei­ne Wei­le Ru­he bis zum nächs­ten run­den Ge­burts­tag (lacht). Ich war lan­ge nicht mehr so gut wie heu­te – in­so­fern freue ich mich über die 50. Meins: sie ha­ben mit An­fang 20 ih­re el­tern ver­lo­ren …

Patri­cia Kaas: Ja, ich war sehr jung, als ich mei­ne El­tern ver­lo­ren ha­be. Ich bin lan­ge Zeit vor dem Schmerz da­von­ge­lau­fen. Da wa­ren zwei Men­schen, die mir so sehr ge­fehlt ha­ben – der Ap­plaus des Pu­bli­kums hat die­sen Ver­lust ein we­nig auf­ge­fan­gen. Ich ha­be mich ge­tra­gen und be­schützt ge­fühlt – wenn auch an­ders als von ei­ner Mut­ter. Der Ap­plaus hat mir ge­hol­fen, den Schmerz zu er­tra­gen. Ich war im­mer fest da­von über­zeugt, stark zu sein. Ich dach­te, mei­ne Schul­tern sei­en breit ge­nug, um den

Tod mei­ner Mut­ter, mei­nes Va­ters und mei­nes Bru­ders zu tra­gen. Ei­nes Ta­ges muss­te ich fest­stel­len, dass es nicht so war. Ich war mü­de. Ich ha­be ge­merkt, dass ich es nicht al­lein schaf­fe, son­dern ei­ne Schul­ter zum An­leh­nen brau­che. Ich muss­te ler­nen, mich zu trau­en, die­se Schwä­che aus­zu­spre­chen. Das konn­te ich frü­her nicht. Meins: hat­ten sie vor­her das Ge­fühl, im­mer stark sein zu müs­sen, weil man es von ih­nen er­war­tet?

Patri­cia Kaas: Ja, und das hat si­cher­lich auch mit mei­nem fa­mi­liä­ren Hin­ter­grund zu tun. Mein Va­ter war Berg­ar­bei­ter. Mei­ne Mut­ter hat­te sie­ben Kin­der. Bei­de wa­ren im­mer stark. Es wur­de von mir er­war­tet, dass ich mich nicht be­kla­ge und mich al­lein durch­kämp­fe. Al­le sag­ten nur: „Schau doch, was für ein wun­der­vol­les Le­ben du hast.“Aber so ein­fach ist das nicht. Meins: sind sie heu­te ganz bei sich an­ge­kom­men? Patri­cia Kaas: Das weiß ich nicht. Das Le­ben steckt schließ­lich vol­ler Über­ra­schun­gen. Ich bin zu­frie­den.

Das Ein­zi­ge, was mich noch stört, ist, dass ich ler­nen muss, noch öf­ter Nein zu sa­gen. Das fällt mir im­mer noch schwer. Ich bin auf je­den Fall auf ei­nem gu­ten Weg. Meins: Kön­nen sie ihr le­ben heu­te mehr ge­nie­ßen?

Patri­cia Kaas: Ja, ich konn­te lan­ge all das Po­si­ti­ve und Schö­ne, was mir wi­der­fah­ren ist, gar nicht rich­tig ge­nie­ßen, weil im­mer et­was Dra­ma­ti­sches pas­sier­te. Ich ver­su­che heu­te, mein Le­ben mehr zu ge­nie­ßen und die schö­nen Mo­men­te zu er­ken­nen. Ich läch­le heu­te viel mehr als frü­her. Ich ma­che mir we­ni­ger Stress und bin we­sent­lich lo­cke­rer. Meins: sie ha­ben sich zum 50. Ge­burts­tag ihr ers­tes tat­too ste­chen las­sen … Patri­cia Kaas: Ja, ein Tat­too über den gan­zen Rü­cken. Es sym­bo­li­siert mei­nen Neu­an­fang im Le­ben! Für mich fühlt sich al­les an wie ei­ne Neu­ge­burt. Es ist ein klei­nes Mäd­chen. Es sieht ein we­nig aus wie ich – es ist sehr, sehr schön ge­wor­den. •

Ich ha­be heu­te ei­nen bes­se­ren Blick auf mich selbst

see­lenGesPräch Re­dak­teu­rin Chris­ti­ne Staab trifft Patri­cia Kaas im Ho­tel in Han­no­ver

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