Neu­an­fang

Gudrun, 56, er­füll­te sich den Traum vom ei­ge­nen Buch­la­den

Meins - - Inhalt - VON JO­CHEN METZ­GER

Die letz­te Kol­le­gin ver­ab­schie­det sich in den Fei­er­abend. Gudrun Krü­per steht al­lein in der Buch­hand­lung und at­met durch, ihr Blick geht über die stum­men Re­ga­le. Wenn sie mor­gen wie­der­kommt, wird al­les ganz an­ders sein. Der ers­te Tag in ih­rem neu­en Le­ben. „Ich ha­be mit 17 mei­ne Leh­re als Buch­händ­le­rin an­ge­fan­gen. Und schon da­mals wuss­te ich: Ir­gend­wann möch­te ich mei­nen ei­ge­nen La­den ha­ben“, sagt Gudrun Krü­per.

Aber schon kurz nach En­de ih­rer Aus­bil­dung ist von den Kar­rie­reTräu­men kei­ne Re­de mehr. Sie wird Mut­ter. Mit 19. Bald dar­auf kommt das zwei­te Kind. Heu­te ist Gudrun Krü­per 56 – und noch im­mer mit dem Va­ter ih­rer Kin­der zu­sam­men. Ei­ne Ju­gend­lie­be im Schwarz­wald, die ge­hal­ten hat. „Ich bin zu­nächst bei den Kin­dern ge­blie­ben“, er­zählt sie. „Aber dann ha­be ich bald ge­merkt, dass das nichts für mich ist.“Und weil – zum Glück – ih­re El­tern bei der Kin­der­be­treu­ung mit­hel­fen, lan­det Gudrun Krü­per ir­gend­wann im Bü­ro ei­nes Au­to­hau­ses. Wer jung ist und im Groß­raum Freu­den­stadt ei­ne Stel­le sucht, der ar­bei­tet dort, wo’s Ar­beit gibt. Not­falls eben in der Män­ner­welt. Statt über Goe­the reden die Leu­te hier über Hu­b­raum und PS. Es riecht nicht nach ge­leim­ten Buch­rü­cken, son­dern nach Ben­zin. „Und an mei­nen ers­ten Ar­beits­ta­gen hat­te ich gro­ße Mü­he, mich an den rup­pi­gen Ton­fall zu ge­wöh­nen“, er­in­nert sich Gudrun Krü­per.

Trotz­dem. Die jun­ge Frau

beißt sich durch. Und lernt vie­les: schnell sein im Kopf; sich nichts ge­fal­len las­sen; ge­las­sen blei­ben, wenn ein Kun­de aus­ras­tet, weil an sei­nem Hei­lig­tum die Öl­wan­ne leckt.

Aber dann, mit En­de 30, als die Kin­der mit der Schu­le fer­tig sind, tau­chen die al­ten Träu­me wie­der auf. In der

Schon mit 17 träum­te ich vom ei­ge­nen Buch­la­den

Manch­mal macht das Le­ben eben sei­ne ei­ge­nen Plä­ne Man soll­te sei­ne Träu­me nie­mals auf­ge­ben

Zei­tung heißt es: In Freu­den­stadt er­öff­net ein neu­er Buch­la­den. Dort wer­den noch Leu­te ge­sucht. „Ich hab’ das ge­le­sen und ge­dacht: Die­se An­zei­ge wur­de ge­nau für mich ge­schrie­ben!“Beim Vor­stel­lungs­ge­spräch sagt der Be­sit­zer: „Ich ha­be noch nie je­man­den vom Fleck weg ein­ge­stellt. Aber bei Ih­nen ma­che ich ei­ne Aus­nah­me.“Gudrun Krü­per ant­wor­tet: „Ich ha­be noch nie vom Fleck weg zu­ge­sagt. Aber wenn Sie ei­ne Aus­nah­me ma­chen kön­nen, dann kann ich das auch.“Drei Mo­na­te spä­ter ist sie Fi­li­al­lei­te­rin.

Doch manch­mal macht das Le­ben sei­ne ei­ge­nen Plä­ne. Im Jahr 2007 er­fährt Gudrun Krü­per, dass der La­den ver­kauft wer­den soll. „Ich ha­be so­fort ge­dacht: Nein! Ich hab’ das al­les mit mei­nem Team mit auf­ge­baut. Das darf jetzt nicht zu En­de sein“, er­zählt sie. Lei­der hat sie zwei Pro­ble­me: Sie hat noch nie ei­nen Bu­si­ness­plan ge­schrie­ben. Noch schlim­mer: Das Ge­schäft, 1-a-La­ge, mit­ten auf Deutsch­lands größ­tem Markt­platz, kos­tet so viel wie ein klei­nes Ein­fa­mi­li­en­haus. „Das geht nicht oh­ne fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung“, sagt sie. Doch sie kämpft, holt sich ei­nen Be­ra­ter bei ei­nem ge­mein­nüt­zi­gen Ver­ein na­mens „Se­nio­ren in der Wirt­schaft“, ei­nen In­ge­nieur, der vor sei­ner Pen­sio­nie­rung Groß­pro­jek­te in Süd­afri­ka ge­lei­tet hat. „Er war ei­ne un­glaub­li­che Hil­fe.“Bleibt Pro­blem Num­mer zwei: das Geld. Gudrun Krü­per be­an­tragt ei­nen För­der­kre­dit bei ih­rer Bank. Die Ant­wort kommt per Post – die Bank sieht für das Pro­jekt kei­ne Chan­ce. Gleich­zei­tig er­hält ihr Chef ein Kauf­an­ge­bot von ei­ner an­de­ren Par­tei. Der Traum vom ei­ge­nen La­den – er scheint aus­ge­träumt für im­mer.

Doch Gudrun Krü­per pro­biert es wei­ter. Und wirk­lich: Ein paar Tage spä­ter kommt der An­ruf von der Spar­kas­se, die be­reit ist, die Fi­nan­zie­rungs­lü­cke zu schlie­ßen. Als sie am 1. Ja­nu­ar 2008 den Schlüs­sel zur Ein­gangs­tür dreht, be­tritt sie zum ers­ten Mal in ih­rem Le­ben ih­ren ei­ge­nen La­den. Die al­ten Kol­le­gin­nen hat sie fast kom­plett über­nom­men, nur den Na­men ver­än­dert sie: „Ar­ka­den­buch­hand­lung“steht jetzt über der Ein­gangs­tür, we­gen der Ar­ka­den­gän­ge, die so ty­pisch sind für die Häu­ser am Markt­platz von Freu­den­stadt.

Was folgt, ist kei­ne gu­te Zeit, um Buch­händ­ler zu sein.

Denn zu vie­le Men­schen kau­fen sich ih­re Lek­tü­re in­zwi­schen im In­ter­net. Über­le­ben kön­nen nur je­ne, die sich im­mer wie­der et­was ein­fal­len las­sen. Et­wa die Ak­ti­on „Ein­schlie­ßen und Ge­nie­ßen“. Man mel­det sich als Grup­pe an, auf dem Tisch steht ein Buf­fet mit Fin­ger­food – und dann wird man für zwei St­un­den ein­ge­schlos­sen und kann sich in Ru­he und oh­ne Per­so­nal al­les an­se­hen, was in den Re­ga­len steht. Gudrun Krü­per er­öff­net ei­nen On­li­ne-Shop, ver­an­stal­tet Le­sun­gen, un­ter­stützt so­zia­le Pro­jek­te, be­treibt Le­se­för­de­rung an den Schu­len. Und die Sa­che scheint zu funk­tio­nie­ren. „Heu­te ist mein La­den schul­den­frei“, sagt sie. Ihr Ge­schäft ist zu ei­ner kul­tu­rel­len In­sti­tu­ti­on in der Stadt ge­wor­den.

Doch im­mer mitt­wochs sucht man sie ver­geb­lich in der Ar­ka­den­buch­hand­lung. Dann hat sie ih­ren „En­kel­tag“. Weil sie die Zeit mit den Kin­dern ge­nießt – aber auch, weil sie weiß, wie wich­tig es für jun­ge El­tern ist, wenn mal ein an­de­rer den Job macht. Wer an sei­ne Träu­me glaubt, der muss sein Schick­sal ein­fach selbst in die Hand neh­men. Wie Gudrun Krü­per, „Frau Trotz­dem“aus dem Schwarz­wald. Von der man wirk­lich sa­gen kann: Sie hat ihr Glück ge­fun­den. •

Für Le­se­raT­Ten bie­tet Gudrun ei­ne gro­ße Aus­wahl

en­Ter­Tain­menT Events, Le­sun­gen: Im Buch­la­den ist ei­ni­ges los

ei­ne ech­Te Kämp­Fe­rin Trotz der Rück­schlä­ge hat Gudrun Krü­per ih­ren Traum im­mer ver­folgt

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