Darf’s ein biss­chen mehr sein?

Heu­te ver­kauft sich nichts mehr, oh­ne dass es ei­nen Zu­satz­nut­zen hat. Car­la Be­cker fin­det, sie ist auch so ein Plus-Pro­dukt

Meins - - Leben -

G ibt es auch G lück-Plus? Plus an Glück, Nein, abeR ein wiRd je ent­spann­teR man

Mir ist auf­ge­fal­len, dass ich von Grund­re­chen­ar­ten um­ge­ben bin. Be­son­ders von der Ad­di­ti­on. Ach­ten Sie mal drauf, im­mer mehr Pro­duk­te schmü­cken sich mit dem Wort „Plus“. Es gibt Kopf­schmerz­ta­blet­ten „plus C“, Ben­zin Su­per Plus, Fi­nanz­an­lei­hen mit dem Plus an Si­cher­heit oder den Flug­ta­rif Ba­sic Plus, bei dem man ein Tü­ten­bröt­chen inkl. Er­fri­schungs­tuch da­zu­be­kommt. Neu­lich ent­deck­te ich in ei­ner Wer­be­an­zei­ge so­gar ein Pro­dukt, das sich „Darm­flo­ra Plus“nann­te, wo­bei nicht ganz klar war, wor­in das Plus be­ste­hen soll­te. Na, man muss ja auch nicht al­les wis­sen.

ei­gent­lich ein klu­ger schach­zug der Wer­be­in­dus­trie.

Plus klingt nach mehr, nach Zu­satz­nut­zen, nach „ich krieg’ noch was oben­drauf“. Mit der Sub­trak­ti­on gä­be es da schon eher Pro­ble­me. „Das Wasch­mit­tel mit dem Mi­nus an Sau­ber­keit“wür­de sich ver­mut­lich eben­so schlep­pend ver­kau­fen wie „die Feuch­tig­keitscreme mit dem ge­wis­sen We­ni­ger“. Aber zu­rück zum Plus. Na­tür­lich dau­er­te es nicht all­zu lan­ge, und mir wur­de klar, dass ich auch so ein Plus-Pro­dukt bin. Ich ge­hö­re der „Ge­ne­ra­ti­on Plus“an, weil ich schließ­lich 50 plus bin. Aber – mal ab­ge­se­hen von den Zah­len im Per­so­nal­aus­weis – ich fin­de tat­säch­lich, dass mir mein der­zei­ti­ges Al­ter wirk­lich eher mehr als we­ni­ger bie­tet. Ich will jetzt nicht dar­über hin­weg­quas­seln, dass ich ein Le­ben oh­ne Fal­ten, Ar­thro­se im gro­ßen Zeh, Le­se­bril­len und graue Haa­re, ge­gen die mein Fri­seur tap­fer ge­gen­an­blon­diert, auch schön fän­de. Aber ich fühl­te mich noch nie so ent­spannt wie jetzt.

Die­ses vie­le „nicht mehr müs­sen“ge­fällt mir!

Ich muss nicht mehr so tun, als wür­de ich Kin­der, Job, Ehe und Pri­vat­le­ben lo­cker un­ter ei­nen Hut brin­gen. Das ist mir ehr­lich ge­sagt nie ge­lun­gen, aber ich moch­te es nicht zu­ge­ben vor den gan­zen schein­bar per­fek­ten Frau­en um mich her­um. Ich muss auch nicht mehr je­den Trend mit­ma­chen, mich in ir­gend­wel­che blöd ge­schnit­te­nen Je­ans­ho­sen hin­ein­hun­gern oder auf Schu­hen her­um­ba­lan­cie­ren, de­ren Ab­sät­ze aus­se­hen, als hät­te man Ka­min­holz un­ter den Fü­ßen. Au­ßer­dem muss ich nicht mehr von je­dem ge­mocht wer­den. Ich kann da­mit le­ben, dass man mich doof fin­det, z. B. weil ich nicht mehr frei­wil­lig je­de Fleiß­ar­beit er­le­di­ge, auf die an­de­re kei­ne Lust ha­ben. Ein deut­li­ches Plus an Le­bens­qua­li­tät, wür­de ich sa­gen.

Ma­the war zwar nie mein Lieb­lings­fach, aber mit die­ser Art der Ad­di­ti­on kann ich mich an­freun­den. Ich freu’ mich schon auf die Zu­kunft. Und wenn es so weit ist, feie­re ich nicht mei­nen hun­derts­ten Ge­burts­tag, son­dern la­de ein zu „50 plus 50“. •

Un­se­re KolUm­nis­tin Car­la Be­cker, 55, liebt schnel­le Au­tos, Kat­zen und ih­ren Mann. Und fühlt sich kei­nen Tag äl­ter als 39

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