frau­en-Grup­pe

Mo­tor­rad fah­ren ver­bin­det uns

Meins - - Inhalt - VON NA­DI­NE LIE­SE

Schon von Wei­tem hö­ren wir sie kom­men. Mit knat­tern­den Mo­to­ren fah­ren sie auf dem Park­platz vor und stel­len ih­re Ma­schi­nen ei­ne ne­ben der an­de­ren ab. Al­les um uns her­um schaut auf, vor al­lem die Män­ner kom­men neu­gie­rig nä­her und be­gut­ach­ten mit Ken­ner­blick die ver­schie­de­nen Mo­del­le. Doch als die Hel­me ab­ge­nom­men wer­den, sind sie schwer über­rascht. „Das sind ja Frau­en!“Pe­tra Wink­ler, 54, lacht. „Die Re­ak­ti­on be­kom­men wir öf­ter“, er­zählt sie uns, wäh­rend sie ih­re schwar­zen Le­der­hand­schu­he aus­zieht und ih­re rot la­ckier­ten Fin­ger­nä­gel zum Vor­schein kom­men. „Mo­tor­rad­fah­ren ist im­mer noch ei­ne Män­ner­do­mä­ne. Aber die An­zahl der Bi­ke­rin­nen hat stark zu­ge­nom­men.“

meh­re­re Hun­dert­tau­send ki­lo­me­ter hat sie schon im sat­tel ver­bracht.

31 Jah­re ist Pe­tra be­reits da­bei und fährt mit ih­rer oran­ge­ro­ten KTM 1290 Su­per Du­ke ih­re neun­te Ma­schi­ne. Was fas­zi­niert sie am Bi­ken? „Mo­tor­rad­fah­ren ist für mich ab­so­lu­te Frei­heit. Ich kann da­bei al­les hin­ter mir las­sen und ein­fach ab­schal­ten“, schwärmt sie. Auch ihr Mann Sig­gi, 52, mit dem sie ei­ne Au­to­werk­statt be­treibt, und ih­re Toch­ter Char­lot­te, 24, sind lei­den­schaft­li­che Bi­ker, fah­ren so­gar Mo­to­cross. Nichts für Pe­tra. „An­fangs ha­be ich das auch mit­ge­macht, das geht aber zu sehr auf die Kno­chen. Ich fah­re lie­ber ge­müt­lich ins Grü­ne.“Am liebs­ten mit ih­ren Mä­dels vom „He­xen­ring“.

Das Netz­werk exis­tiert seit 1979 und wur­de ge­grün­det, da­mit Frau­en, die mit ih­rer Ma­schi­ne ei­ne Pan­ne ha­ben, bei an­de­ren Bi­ker-La­dys Hil­fe ho­len kön­nen. Heu­te gibt es die Grup­pen bun­des­weit in vie­len Städ­ten.

Pe­tra lernt „ih­re He­xen“vor vier Jah­ren ken­nen, als sie im In­ter­net ei­ne Frau­en-Mo­tor­rad­grup­pe in Han­no­ver sucht und auf den „He­xen­ring“stößt. Sie wird so­fort zum mo­nat­li­chen Stamm­tisch ein­ge­la­den. „Wir ver­stan­den uns auf An­hieb su­per mit ihr“, sagt Uschi, 65, die schon seit 17 Jah­ren der Trup­pe an­ge­hört und frü­her an der Volks­hoch­schu­le ar­bei­te­te. Die Rent­ne­rin hat erst mit 40 Jah­ren ih­ren Mo­tor­rad­füh­rer­schein ge­macht. „Ich bin zwar frü­her schon Mo­fa ge­fah­ren, aber das war’s auch. Dann kam mei­ne Schwes­ter ei­nes Tages mit ei­nem Mo­tor­rad vor­bei, und mei­ne Lei­den­schaft war neu ent­facht. Ich woll­te das un­be­dingt aus­pro­bie­ren.“

In der Grup­pe ist je­de Fah­re­rin will­kom­men, egal, wie viel Er­fah­rung sie hat. Nur Män­ner müs­sen drau­ßen blei­ben. „Die ha­ben ganz an­de­re An­sprü­che, fah­ren viel schnel­ler und wol­len mög­lichst vie­le Ki­lo­me­ter schaf­fen“, er­zählt Pe­tra. Sie geht zwar auch gern mit ih­rem Mann auf Tour, doch un­ter Frau­en läuft al­les viel ent­spann­ter. „Wir ma­chen auch mal län­ge­re Pau­sen, ge­nie­ßen die Na­tur und füh­ren nicht nur Ben­zin­ge­sprä­che“, sagt sie und schaut zu ih­rer Trup­pe rü­ber. „Wir brau­chen eben kei­nen lau­ten Aus­puff. Wir wissen, wer wir sind“, fügt Ka­rin, 57, hin­zu. Die IT-Spe­zia­lis­tin ge­hört zu den Bi­ke­rin­nen

Wir brau­chen kei­nen lau­ten Aus­puff. Wir wissen, wer wir sind

der ers­ten St­un­de und war ei­ne ech­te Exo­tin, als sie sich mit 18 Jah­ren aufs Mo­tor­rad schwang. „Uns ist wich­tig, dass wir uns auf der Ma­schi­ne wohl­füh­len, nicht, wel­che Ex­tras sie hat.“

Wenn die La­dys ein­mal im Mo­nat auf Tour ge­hen, le­gen sie vor­ab ei­ne Rei­hen­fol­ge fest, in der sie hin­ter­ein­an­der fah­ren. Die Schnel­le­ren sind vorn, die Ge­müt­li­che­ren hin­ten. Trotz­dem hat je­de ih­re Hin­ter­frau im Blick und war­tet nach kur­vi­gen oder stei­len Stre­cken auf die an­de­ren. So geht nie­mand ver­lo­ren. „Wir neh­men Rück­sicht auf­ein­an­der. Kei­ne über­holt, wir fah­ren ver­setzt, und die Letz­te in der Rei­he trägt ei­ne Warn­wes­te. Si­cher­heit geht vor“, er­klärt Sil­ke, 48, die als Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te an der Uni­ver­si­tät ar­bei­tet. Sie ist die Aben­teu­re­rin der Grup­pe und fährt mit Mag­gie, wie sie ih­re blau-wei­ße Hon­da XL 600 RM lie­be­voll nennt, so­gar in den Ur­laub. Nur mit Zelt und Ruck­sack im Ge­päck. Letz­tes Jahr ging’s durch Nor­we­gen. „Das war schö­ner als je­der Pau­schal­ur­laub!“Doch be­son­ders liebt sie die Ab­schluss­fahr­ten mit ih­rer Grup­pe – zu­letzt ging es ins We­ser­berg­land. Dann ver­brin­gen die fünf ein gan­zes Wo­che­n­en­de mit­ein­an­der. Das schweißt zu­sam­men.

aus den Bi­ke­rin­nen sind längst gu­te freun­din­nen ge­wor­den.

Sie tref­fen sich mitt­ler­wei­le nicht nur zum Mo­tor­rad­fah­ren, sie ge­hen auch ins Ki­no, zu Kon­zer­ten oder zum Brun­chen. Sie hel­fen ein­an­der, sind im­mer für die an­de­ren da. Und tei­len mehr als Lei­den­schaft für Mo­tor­rä­der. „Das Schö­ne ist die Viel­fäl­tig­keit in un­se­rer Grup­pe. Je­de von uns ist an­ders, trotz­dem ha­ben wir al­le ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner“, sagt Bri­git­te, 57. Die Kran­ken­schwes­ter ist heu­te mit der Tour-Pla­nung an der Rei­he und hat ei­ne klei­ne 80-Ki­lo­me­ter-Aus­fahrt ins Künst­ler­dorf Fre­dels­loh or­ga­ni­siert. „Auf dem Weg gibt es schö­ne klei­ne Land­stra­ßen mit ein paar en­gen Kur­ven“, er­klärt sie. „Und zwi­schen­durch be­stimmt auch ei­ne net­te Eis­die­le …“

Na dann los! Wir wün­schen ei­ne gu­te Fahrt und im­mer ei­ne Hand­breit As­phalt un­term Rei­fen. •

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