Kolumne

„Drau­ßen gibt’s nur Känn­chen“

Meins - - Inhalt -

Darf ich Ih­nen ei­nen Tipp für ein klei­nes All­tags­aben­teu­er ge­ben? Ge­hen Sie zum Kaf­fee­trin­ken ins Re­stau­rant ei­nes Lu­xus­ho­tels. Ei­nes, in dem die Kell­ner noch An­zü­ge und die Kell­ne­rin­nen wei­ße Schürz­chen tra­gen, in dem es Wür­fel­zu­cker­do­sen mit Sil­ber­zan­gen gibt und man ge­le­gent­lich je­man­den „Fräu­lein“ru­fen hört.

In ei­nem die­ser „Sa­lons“war ich am Wo­che­n­en­de mit mei­nem Mann. Nur so zum Spaß, weil wir beim Spa­zie­ren­ge­hen dar­an vor­bei­ka­men und uns auch mal füh­len woll­ten wie Ro­cke- fel­ler. Ich be­stell­te ei­nen Kaf­fee, und der Herr Ober (an­ders kann man die­se ehr­fürch­ti­ge Er­schei­nung kaum nen­nen) ser­vier­te ihn auf ei­nem Ta­blett mit ei­nem Schäl­chen an­ge­wärm­ter Milch und – ich war ganz hin und weg vor Ent­zü­cken – in ei­nem Känn­chen. Wann hat­te ich die­ses Re­likt deut­scher Kaf­fee­kul­tur zu­letzt gesehen? Ver­mut­lich in ir­gend­ei­nem Aus­flugs­lo­kal, das sich die Plät­ze an der Son­ne nicht zu bil­lig, al­so mit nur ei­ner ein­zel­nen Tas­se, be­zah­len las­sen woll­te.

Känn­chen sind ei­ne fast aus­ge­stor­be­ne Art und für mich der In­be­griff von lang­wei­li­gen Sonn­ta­gen mit mei­nen El­tern. Mit den klei­nen Por­zel­lan­ge­fä­ßen ver­bin­de ich But­ter­creme­tor­ten, hauch­dün­ne Pa­pier­ro­set­ten un­ter der Tas­se und äl­te­re Da­men mit ei­nem Li­la-Stich im Haar. Wenn man als Kind sehr viel Glück hat­te, fiel ei­nem der Er­wach­se­nen beim Ein­schen­ken der De­ckel des Känn­chens in die Kaf­fee­tas­se und ver­ur­sach­te ei­ne Über­schwem­mung auf der Tisch­de­cke. Im­mer­hin ei­ne klei­ne Ab­wechs­lung, wäh­rend man dar­auf war­te­te, end­lich auf­ste­hen zu dür­fen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.