Plötz­lich pfle­ge­be­dürf­tig

Das müs­sen wir für un­se­re Lie­ben re­geln

Meins - - Inhalt - VON ALEX EMUNDS

Ei­ne Pfle­ge­si­tua­ti­on tritt lei­der oft schnel­ler ein, als wir es uns vor­stel­len kön­nen. Wie wir im Ernst­fall rasch han­deln und un­se­ren Lie­ben die bes­te Un­ter­stüt­zung ge­ben, sagt uns Mar­ti­na Ro­sen­berg, Pfle­ge-Ex­per­tin aus München.

> Was müs­sen wir zu­erst tun? Wer pfle­ge­be­dürf­tig ist, hat in der Re­gel auch An­spruch auf ei­nen Pfle­ge­grad. Oh­ne den krie­gen un­se­re Lie­ben kei­ne Leis­tun­gen der Pfle­ge­kas­se und auch kei­ne Zu­satz­leis­tun­gen. Um ihn zu be­kom­men, muss ein An­trag bei der Pfle­ge­kas­se ge­stellt wer­den. An­schlie­ßend kommt ein Gut­ach­ter des Me­di­zi­ni­schen Di­ens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung (MDK) zu un­se­ren Lie­ben nach Hau­se und prüft de­ren Grad der Hilfs­be­dürf­tig­keit. Ins­ge­samt muss dar­über in­ner­halb von fünf Wo­chen ent­schie­den wer­den.

> Wie hoch sind die Leis­tun­gen der Pfle­ge­kas­se und was kön­nen wir da­mit be­zah­len? Die Leis­tun­gen der Pfle­ge­kas­se rich­ten sich nach dem je­wei­li­gen Pfle­ge­grad. Je hö­her er ist, des­to mehr Geld be­kom­men un­se­re Lie­ben, um z. B. den am­bu­lan­ten Pfle­ge­dienst oder Es­sen auf Rä­dern zu zah­len. Bei Pfle­ge­grad 2 ste­hen uns z. B. für am­bu­lan­te Un­ter­stüt­zung Pfle­ge­sach­leis­tun­gen in Hö­he von 689 Eu­ro pro Mo­nat zu, bei Pfle­ge­grad 3 sind es 1289 Eu­ro. Pfle­gen wir un­se­re Lie­ben zu Hau­se oder wer­den sie von ei­nem eh­ren­amt­li­chen Hel­fer be­treut, ha­ben sie zu­dem An­spruch auf Pfle­ge­geld – bei Pfle­ge­grad 2 sind das z. B. 316 Eu­ro und bei Pfle­ge­grad 3 545 Eu­ro. Am­bu­lan­te Pfle­ge­diens­te mit Be­wer­tun­gen und wei­te­re Tipps fin­den wir un­ter www. woh­nen-im-al­ter.de. > Wer­den auch be­hin­der­ten­ge­rech­te Um­bau­ten be­zu­schusst? Ja. Zu­nächst müs­sen wir da­zu bei der Pfle­ge­kas­se ei­nen An­trag auf wohn­um­feld­ver­bes­sern­de Maß­nah­men stel­len. Dar­un­ter fal­len z. B. Tür­ver­brei­te­run­gen, fest in­s­tal-

lier­te Ram­pen und Trep­pen­lei­tern, hy­gie­ni­sche Ein­rich­tun­gen, Mon­ta­ge von Was­ser­an­schlüs­sen und in­di­vi­du­el­le Lift­sys­te­me im Bad. Au­ßer­dem der Ein- und Um­bau von Mo­bi­li­ar, das der Pfle­ge­si­tua­ti­on ent­spricht, z. B. mo­to­risch be­trie­be­ne Ab­sen­kung von Kü­chen­schrän­ken oder der Aus­tausch der Ba­de­wan­ne durch ei­ne Du­sche. Der Pfle­ge­be­dürf­ti­ge trägt zehn Pro­zent der Kos­ten der Maß­nah­me, je­doch höchs­tens 50 Pro­zent sei­ner mo­nat­li­chen Brut­to­ein­nah­men zum Le­bens­un­ter­halt. Den Rest über­nimmt die Pfle­ge­kas­se. Wich­tig: Der An­trag muss un­be­dingt vor Be­ginn der Maß­nah­men

mit ei­nem Kos­ten­vor­an­schlag bei der Pfle­ge­kas­se ein­ge­reicht wer­den. Die Hö­he des Zu­schus­ses be­trägt

bis zu 4000 Eu­ro pro Um­bau­maß­nah­me, wo­bei ei­ne Maß­nah­me al­le Ve­rän­de­run­gen, die zum Zeit­punkt der Zu­schuss­ge­wäh­rung er­for­der­lich sind, ein­schließt. Soll­te das Geld nicht aus­rei­chen, kön­nen un­se­re Lie­ben z. B. bei der KfW-Ban­ken­grup­pe ei­nen güns­ti­gen Kre­dit auf­neh­men (www.kfw.de).

> Be­kom­men pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge Be­ra­tung?

Laut des Pfle­ge­stär­kungs­ge­set­zes steht pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen

ein kos­ten­lo­ser Pfle­ge­kurs zu,

um die Pfle­ge im häus­li­chen Um­feld zu ver­bes­sern, see­li­sche Be­las­tun­gen zu min­dern und ih­rer Ent­ste­hung vor­zu­beu­gen. Die Kur­se sol­len au­ßer­dem Fer­tig­kei­ten für ei­ne ei­gen­stän­di­ge Durch­füh­rung der Pfle­ge ver­mit­teln. Auf Wunsch kann die Schu­lung auch un­mit­tel­bar im häus­li­chen Um­feld statt­fin­den.

> Ma­ma kann den An­trag nicht mehr selbst un­ter­schrei­ben. Wie re­geln wir das? Den An­trag kön­nen auch

wir stel­len. Ent­we­der ru­fen wir bei der zu­stän­di­gen Pfle­ge­kas­se an, oder wir nut­zen ei­nen kos­ten­lo­sen Vor­druck, den wir z. B. auf www.pfle­ge.de fin­den.

> Was kön­nen wir tun, wenn der An­trag auf ei­nen Pfle­ge­grad ab­ge­lehnt wur­de? Wich­tig ist, dass wir schnell re­agie­ren und da­bei ei­ne Frist von

vier Wo­chen ein­hal­ten. Liegt das Gut­ach­ten nicht au­to­ma­tisch mit der Ab­leh­nung vor, soll­ten wir es un­ver­züg­lich an­for­dern. Dann ge­hen wir sys­te­ma­tisch vor und prü­fen das Schrei­ben in­halt­lich: Wur­den al­le Sach­ver­hal­te kor­rekt ver­fasst oder fehlt ein Hil­fe­be­darf? Info: Den Wi­der­spruch kann al­ler­dings nicht je­der schrei­ben. Das dür­fen le­dig­lich der Ver­si­cher­te selbst, ei­ne be­voll­mäch­tig­te Person oder ein ge­setz­lich be­stell­ter Be­treu­er des Ver­si­cher­ten. Wei­ter­hin soll­ten wir al­le me­di­zi­ni­schen Do­ku­men­te wie Arzt­brie­fe, At­tes­te und Ent­las­sungs­be­rich­te des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen bei Ärz­ten und Kli­ni­ken an­for­dern, die zum Zeit­punkt der Be­gut­ach­tung noch nicht vor­la­gen. Die­se Un­ter­la­gen he­ben wir auf, bis un­se­re Lie­ben mög­li­cher­wei­se ein zwei­tes Mal be­gut­ach­tet wer­den. Au­ßer­dem soll­ten wir ei­nen Pfle­ge­grad­rech­ner nut­zen (s. Kas­ten oben), um den Grad der Selbst­stän­dig­keit mit­tels un­se­rer Ein­schät­zung be­stim­men zu kön­nen.

Mar­ti­na Ro­sen­berg ist Ex­per­tin für Pfle­ge­the­men, Buch­au­to­rin und hält Vor­trä­ge

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