Pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge

Je­de Pfle­ge­si­tua­ti­on hat ih­re Hö­hen und Tie­fen. Das ist ganz nor­mal. Und wenn Strei­tig­kei­ten an der Ta­ges­ord­nung sind? Dann hel­fen schon klei­ne Din­ge, uns und die Si­tua­ti­on zu ent­span­nen

Meins - - Inhalt - IMKE WOLF Di­plom­Psy­cho­lo­gin und Lei­te­rin der Be­ra­tungs­stel­le www.pfle­gen­und-le­ben.de für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge

Was hilft, wenn die Ner­ven blank lie­gen

S ie sitzt ver­son­nen am Tisch und zer­brö­selt den Keks. Ma­ria K. ist wie so oft in ih­re ei­ge­ne Welt ver­sun­ken. Und Toch­ter Ka­ri­na platzt der Kra­gen: „Machst du das ab­sicht­lich? Siehst du nicht, dass ich hier gera­de ge­putzt ha­be?“Im sel­ben Mo­ment tut es ihr schon leid, doch Ma­ria kul­lern be­reits die Trä­nen übers Ge­sicht …

„Dass sich bei Ka­ri­na Wut auf­ge­staut hat, ist bei dem, was sie tag­täg­lich mit der Pfle­ge ih­rer de­men­ten Mut­ter leis­ten muss, ei­ne Re­ak­ti­on, die wir häu­fig er­le­ben“, sagt Di­plom-Psy­cho­lo­gin

Imke Wolf. Als Pro­jekt­lei­te­rin der psy­cho­lo­gi­schen On­li­ne-Be­ra­tung

www.pfle­gen-und-le­ben.de kennt sie sich mit sol­chen Kon­flikt­si­tua­tio­nen aus. „Wut, Angst und Är­ger kom­men bei Pfle­gen­den nie grund­los auf.“Denn der Um­gang mit Pfle­ge­be­dürf­ti­gen ist oft sehr schwer und er­for­dert viel Raum. „Pfle­gen­de füh­len sich da ir­gend­wann in die En­ge ge­trie­ben. So kommt es zu un­gu­ten Ge­füh­len – und zu Kon­flik­ten.“Ihr Rat an al­le, die an die Gren­zen ih­rer Frust­to­le­ranz ge­ra­ten: „Wir soll­ten kei­ne Schuld­zu­wei­sun­gen ma­chen. Nie­mand hat Schuld, es ist ein­fach das Sys­tem, das sich hoch­schau­kelt.“

Die ner­ven be­ru­hi­gen

Der ers­te Schritt zur Dee­s­ka­la­ti­on: Wenn sich ei­ne Si­tua­ti­on zu­spitzt, soll­ten wir erst ein­mal für ein paar Minuten aus dem Zim­mer ge­hen. Tief ein­und aus­at­men und ganz lang­sam laut rück­wärts von zehn bis null zäh­len.

Sind be­reits lau­te Wor­te ge­fal­len, kön­nen klei­ne Acht­sam­keits­übun­gen da­bei hel­fen, die Be­herr­schung wie­der­zu­er­lan­gen.

Wir rich­ten den Blick in ei­ne be­lie­bi­ge Zim­mer­ecke und be­nen­nen laut oder in Ge­dan­ken fünf Din­ge, die wir gera­de in un­se­rem Blick­feld ha­ben. Bei­spiel: Ich se­he die Wand. Ich se­he das Mus­ter der Ta­pe­te. Ich se­he den Baum vor dem Fens­ter. Wir zäh­len

al­les im Tem­po un­se­res Atems auf. An­schlie­ßend be­gin­nen wir wie­der von vorn. Dies­mal be­nen­nen wir je­weils vier Din­ge, da­nach wie­der von vorn und je drei Din­ge, dann zwei und zum Schluss nur noch je­weils ei­nes. Zum Ab­schluss die­ser Übung lo­ckern wir den Kör­per. Zu­rück bei un­se­ren Lie­ben soll­ten

wir uns ent­schul­di­gen. Da­mit er­rei­chen wir schnell ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das nimmt Span­nung her­aus.

Rä­um­li­chen Ab­stand su­chen

Ha­ben wir uns zu sehr auf­ge­regt und füh­len uns von der Wut rich­tig ge­packt, tut räum­li­cher Ab­stand gut. In ei­ner an­de­ren, neu­tra­len Um­ge­bung ent­span­nen wir uns leich­ter und fin­den all­mäh­lich wie­der zu kla­ren Ge­dan­ken zu­rück. Um uns et­was Frei­raum zu schaf­fen, brau­chen wir ent­spre­chend Un­ter­stüt­zung. Kann je­mand aus der Fa­mi­lie, Nach­bar­schaft oder dem Freun­des­kreis ein paar St­un­den ein­sprin­gen? Ha­ben wir je­man­den ge­fun­den, der un­se­ren Platz

beim Pfle­ge­be­dürf­ti­gen über­nimmt, kön­nen wir zum Bei­spiel ei­nen Spa­zier­gang ma­chen. Geht es nicht

an­ders, schrei­en wir al­lein im Wald un­se­re Wut ein­fach mal

her­aus. Da­nach füh­len wir uns schon deut­lich leich­ter ums Herz. Gut tun in sol­chen Fäl­len auch

Be­su­che bei Freun­den, de­nen wir un­se­re Sor­gen und Ge­füh­le of­fen­ba­ren kön­nen. Als klei­ner Ta­pe­ten­wech­sel eig­net sich auch ein Ki­no- oder Mu­se­ums­be­such.

Ei­nen Rol­len­tausch ma­chen

Wich­tig ist, über das Krank­heits­bild der be­treu­ten Per­son ge­nau Be­scheid zu wis­sen. Men­schen mit De­menz fra­gen nicht aus Bos­heit 20-mal nach dem Früh­stück. Und wer we­gen ei­nes Schlag­an­falls nicht mehr so kann, wie er gern möch­te, macht

oft­mals dicht und ver­wei­gert die Kom­mu­ni­ka­ti­on. Für den Be­treu­er ist das na­tür­lich un­ge­mein schwer, vor al­lem wenn man dem Men­schen na­he­steht. Hilf­reich kann hier ein ge­dank­li­cher

Rol­len­wech­sel sein. Wir ver­su­chen, uns in un­se­re Lie­ben hin­ein­zu­ver­set­zen. Stel­len wir uns vor, was sie in die­sem Mo­ment er­le­ben, was sie füh­len und wie es ih­nen ums Herz ist.

Re­den und zu­hö­ren

Der Dia­log ist für je­de Be­zie­hung, auch die zwi­schen Pfle­gen­den und Pfle­ge­be­dürf­ti­gen, ei­ne zen­tra­le Ba­sis, um Miss­ver­ständ­nis­se schon im Vor­feld zu ver­mei­den. Doch sehr häu­fig re­den wir an­ein­an­der vor­bei – weil wir nicht rich­tig zu­ge­hört ha­ben, weil wir durch an­de­re Tä­tig­kei­ten oder Sor­gen ab­ge­lenkt wa­ren oder weil wir uns un­klar aus­ge­drückt ha­ben. Rich­ti­ges

Zu­hö­ren bil­det die Grund­la­ge für ein bes­se­res Ver­ste­hen. Ist das Ge­gen­über nicht mehr in der La­ge, klar zu spre­chen, kön­nen Kör­per­spra­che, Ges­ten, Au­gen­kon­takt und Be­rüh­run­gen ein po­si­ti­ves Mit­ein­an­der för­dern. •

Lo­ben und veR­wöh­nen wiR uns auch mal selbst

schön lo­cker

blei­ben Pfle­ge ist für al­le Be­tei­lig­ten kein Zu­cker­schle­cken

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