schick­sal

Chris­ti­ne, 52, ar­bei­tet nach ih­rem Nah­todEr­leb­nis als spi­ri­tu­el­le Be­glei­te­rin

Meins - - Inhalt - VON LEA DRASDO

Ent­spannt schlen­de­re ich mit Chris­ti­ne durch ei­nen klei­nen Park in der Nä­he ih­rer Pra­xis in Ber­lin-Char­lot­ten­burg. Sie schiebt die bun­ten Laub­blät­ter vor sich her und lacht beim Er­zäh­len im­mer wie­der von gan­zem Her­zen. Chris­ti­ne Bre­ken­feld, 52, ist ex­trem aus­ge­gli­chen, das spü­re ich so­fort. Sie strahlt ei­ne in­ne­re Ru­he aus, die nur we­ni­ge Men­schen in sich tra­gen. Es ist ein herr­li­cher Tag im Spät­herbst. Die Son­ne scheint Chris­ti­ne ins Ge­sicht. „Ich ver­su­che, nur noch im Hier und Jetzt zu le­ben – die klei­nen Din­ge des Le­bens zu ge­nie­ßen“, sagt sie und lä­chelt wie­der.

In ih­rem All­tag be­schäf­tigt sich Chris­ti­ne haupt­be­ruf­lich mit ei­nem The­ma, das auf den ers­ten Blick zu der fröh­li­chen, le­bens­lus­ti­gen Frau gar nicht zu pas­sen scheint. Sie ist Heil­prak­ti­ke­rin und spi­ri­tu­el­le Be­glei­te­rin – der Kern­in­halt ih­rer Ar­beit ist das Ster­ben. „In mei­ne Pra­xis für exis­ten­zi­el­le Psy­cho­the­ra­pie kom­men Men­schen, die An­ge­hö­ri­ge ver­lo­ren, je­man­den beim Ster­ben be­glei­tet ha­ben oder selbst dem Tod knapp von der Schip­pe ge­sprun­gen sind.“Die ge­lern­te Hoch­schul­ma­na­ge­rin hilft ih­nen da­bei, das Ster­ben in ihr Le­ben zu in­te­grie­ren, dem ei­ge­nen Tod im Le­ben zu be­geg­nen. Sie nimmt ih­nen durch Ge­sprä­che, Me­di­ta­tio­nen und Übun­gen die Angst da­vor. Seit ih­rem ei­ge­nen Er­leb­nis vor 13 Jah­ren hat sie das The­ma zu ih­rer Le­bens­auf­ga­be ge­macht.

es pas­siert im Som­mer 2004, als chris­ti­ne im neun­ten Mo­nat schwan­ger ist.

Sie wacht mit fürch­ter­li­chen Schmer­zen auf. „Plötz­lich sah ich, dass ich un­glaub­lich viel Blut ver­lo­ren hat­te.“Wie sie im Nach­hin­ein er­fährt, hat­te sich ih­re Pla­zen­ta früh­zei­tig ge­löst, ei­ne le­bens­ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on. „Ich hat­te To­des­angst“, sagt sie. Zit­ternd liegt sie auf dem Bett, wird im­mer schwä­cher. Ir­gend­wann, als die Sa­ni­tä­ter schon ein­ge­trof­fen sind, merkt sie, dass es ihr egal ist, was mit ihr ge­schieht. Ge­nau in die­sem Mo­ment des Los­las­sens pas­siert das Un­glaub­li­che: „Als ich auf­hör­te, ge­gen das Ster­ben zu kämp­fen, war da auf ein­mal aus dem Nichts die­ser Mo­ment des ab­so­lu­ten in­ne­ren Frie­dens. Die Zeit stand still. Ich sah mei­nen Kör­per auf dem Bett lie­gen, mei­ne See­le war von ihm los­ge­kop­pelt. Es gab kein Gut und kein Bö­se, nur noch Lie­be und Glück.“

Chris­ti­ne wird bei die­sem so­ge­nann­ten Nah­tod-Er­leb­nis in ei­nen dunk­len, tie­fen Stru­del ge­zo­gen. Am En­de sieht sie ein strah­len­des Licht. „Ich war mir si­cher: Hier, wo ich jetzt bin, ge­hö­re ich hin.“

Kur­ze Zeit spä­ter wacht sie im Kran­ken­haus auf. Die Ärz­te konn­ten ihr Le­ben ret­ten. Das ih­res Kin­des nicht. Nicht nur die Trau­er über­wäl­tigt sie, auch ihr ei­ge­nes Er­leb­nis. „Ich weiß noch, dass ich so ent­täuscht war, wie­der in mei­nem Kör­per zu sein. Es war so kalt und eng, und über­all wa­ren Schläu­che.“

nach die­ser er­fah­rung fällt es ihr schwer, wie­der in ihr Le­ben zu­rück­zu­fin­den.

„Es war ein furcht­ba­res Wirr­warr, nie­mand ver­stand, wie es mir ging.“Die Trau­er um ihr Kind ist all­ge­gen­wär­tig. Ein Jahr lang ist sie krank­ge­schrie­ben. In ihr al­tes Le­ben kehrt Chris­ti­ne nur teil­wei­se zu­rück. „Ich trau­te mich nicht, mit mei­nem Mann dar­über zu re­den. Wie soll­te ich ihm sa­gen, dass es für mich, ob­wohl un­ser Kind ge­stor­ben war, gleich­zei­tig das

Schöns­te be­deu­te­te, was ich bis da­hin er­lebt hat­te?“

Der Mo­ment, in dem sie dem Tod be­geg­ne­te, ist zeit­gleich der Mo­ment, der ihr bis heu­te enor­me Kraft gibt. „Ich weiß jetzt, dass der Tod nicht schlimm ist, son­dern für mich Glück­se­lig­keit be­deu­tet.“

Chris­ti­ne wen­det sich da­mals an ver­schie­de­ne The­ra­peu­ten, bis sie an­fängt, sich mit Men­schen aus­zu­tau­schen, die ähn­li­che Er­fah­run­gen ge­macht ha­ben. Mit­hil­fe ei­ner spi­ri­tu­el­len The­ra­pie und Me­di­ta­ti­on schafft sie es, das Er­leb­te zu ver­ar­bei­ten. Sie macht an­schlie­ßend selbst ei­ne Aus­bil­dung zur spi­ri­tu­el­len Be­glei­te­rin und Heil­prak­ti­ke­rin, ar­bei­tet lan­ge Zeit in ei­nem Ho­s­piz. „Weil ich ge­merkt ha­be, wie schwer es ist, Men­schen zu fin­den, die ei­nen ver­ste­hen, bie­te ich mei­ne Hil­fe an.“Zu­sätz­lich gibt sie in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den Se­mi­na­re in Ge­fäng­nis­sen. Sie will ver­ste­hen, wie Men­schen zu Mör­dern wer­den. Denn: Small Talk ist ihr heu­te ein Graus, Chris­ti­ne in­ter­es­siert das Exis­ten­zi­el­le. Mit den Teil­neh­mern ih­rer Grup­pe me­di­tiert sie – hilft ih­nen, in­ne­re Frei­heit zu fin­den. „Frü­her hät­te ich si­cher Angst vor den Straf­tä­tern ge­habt“, gibt sie zu. „Doch nach dem Nah­tod-Er­leb­nis ha­be ich nicht nur kei­ne Angst mehr vor dem Tod, son­dern auch nicht vor dem Le­ben.“•

be­wuSS­te Au­gen­bli­cke Chris­ti­ne ver­sucht, aus je­der Si­tua­ti­on das Bes­te zu ma­chen

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