Neu­an­fang

Ma­ri­an­ne, 57, wur­de ge­kün­digt und er­öff­net ein Ba­s­tel­ge­schäft

Meins - - Inhalt - VON LI­SA MA­RIE SOWA

Der leich­te Ge­ruch von Kle­ber und Far­be, der Ma­ri­an­ne ent­ge­gen­strömt, wenn sie mor­gens die Tür zu ih­rer „Bas­tel­stu­be“auf­schließt, zau­bert ihr im­mer wie­der ein Lä­cheln ins Ge­sicht. Denn was ih­re Na­se da schnup­pert, ist für die 57-Jäh­ri­ge mehr als ein Ge­ruch. Es ist es der Duft von Frei­heit und Glück. „Schon auf dem Weg in den La­den bin ich vol­ler Vor­freu­de. Dann über­le­ge ich, was heu­te an­steht. Wer zum Bas­teln kommt. Oder was ich Neu­es aus­pro­bie­ren könn­te.“

Sie rollt die Wa­ren­stän­der vors Ge­schäft, knipst das Licht an und zieht die Vor­hän­ge zu­rück. „Da­mit je­der se­hen kann, dass ich da bin.“Dann noch ei­ne Kan­ne Tee – und die Ar­beit kann be­gin­nen. Ma­ri­an­ne star­tet so rou­ti­niert in den Tag, als hät­te sie nie et­was an­de­res ge­macht. Da­bei wuss­te sie vor zwei­ein­halb Jah­ren nicht ein­mal, dass sie heu­te hier ste­hen wür­de.

2015 rollt auf ih­re Fir­ma ei­ne Kün­di­gungs­wel­le zu.

Doch Ma­ri­an­ne hat wie vie­le an­de­re kei­ne Angst vor Ar­beits­lo­sig­keit. Im Ge­gen­teil, sie denkt so­gar: Hof­fent­lich bin ich da­bei! Nach ei­ner Aus­bil­dung zur Rechts­an­walts­ge­hil­fin wech­sel­te sie in die In­dus­trie, Bü­ro­job reih­te sich an Bü­ro­job. „Von Se­kre­ta­ri­at über Mar­ke­ting bis Ver­trieb ha­be ich al­les ge­macht.“Nur be­ruf­li­ches Glück und Zuf­rie­den­heit, das hat sie da­bei nicht ge­fun­den. Aber wie vie­le Men­schen braucht auch Ma­ri­an­ne den Im­puls von au­ßen, be­vor sie sich ins Ri­si­ko stürzt. „Ich ha­be schon vor­her über Kün­di­gung nach­ge­dacht – aber wie das so ist: Die Ar­beit war gut be­zahlt, und dann traut man sich doch nicht.“

Da­bei liegt bei ihr schon ewig ein Kon­zept für ei­nen ei­ge­nen La­den in der Schub­la­de. Ein Ba­s­tel­ge­schäft soll es sein, in dem man ein­kau­fen, aber auch selbst krea­tiv wer­den kann.

Jetzt ist die Zeit reif da­für – Ma­ri­an­ne wird tat­säch­lich ge­kün­digt. Mit ih­rer Ab­fin­dung kann sie die letz­ten Ra­ten für ihr Haus zah­len, und so­gar für die Exis­tenz­grün­dung bleibt was üb­rig. „Ich war noch ein paar Mo­na­te frei­ge­stellt, hat­te al­so ge­nug Zeit, ei­nen pas­sen­den La­den zu su­chen.“Ent­deckt hat ihn schließ­lich ei­ne Be­kann­te in der Zei­tung. „Als ich hin­fuhr, sah ich schon von Wei­tem die gro­ßen Schau­fens­ter. Wie das krib­bel­te im Bauch! Ich wuss­te: Wenn die Mie­te stimmt, dann ist er das. Dann ist das mein La­den. Mein Neu­an­fang. Mein Traum.“

Und die Mie­te stimmt. Zu­sam­men mit ih­rer Mut­ter und ih­rem Mann streicht sie die Wän­de, kauft Re­ga­le

und ein Ba­sis-Sor­ti­ment. An ih­rem Ge­burts­tag im April 2016 öff­nen sich die Tü­ren der „Bas­tel­stu­be“(www.bas­tel stu­be-ma­ri­an­ne.jim­do.com) zum ers­ten Mal. Es gibt Sekt und Häpp­chen – und abends fällt die frisch­ge­ba­cke­ne Che­fin mit po­chen­dem Her­zen und ei­nem ganz war­men Ge­fühl im Bauch ins Bett. „Wir hat­ten so viel ver­kauft, so vie­le lie­be Men­schen wa­ren da. Ich war glück­lich, den Schritt end­lich ge­gan­gen zu sein.“

Die „Bas­tel­stu­be“ist heu­te ein Be­griff in Ras­tatt.

Ma­ri­an­ne hat vie­le Stamm­kun­den. Das Be­son­de­re: Wer nur mal was aus­pro­bie­ren möch­te, kann sich an ei­nen der Ti­sche set­zen und los­le­gen. Be­zahlt wird nur der Ma­te­ri­al­ver­brauch, Ma­ri­an­nes Hil­fe gibt es gra­tis. „Und mein Ohr auch“, er­zählt sie und lacht. „Oft kom­men Frau­en, die An­ge­hö­ri­ge pfle­gen. Die re­den sich zu­erst all ih­re Last von der See­le. Aber nach ei­ner hal­ben St­un­de ver­sin­ken sie ganz in ih­rer Ar­beit. Und füh­len sich da­nach so er­holt, als wä­ren sie im Ur­laub ge­we­sen. Das ist es, was ich selbst auch so dar­an lie­be. Man kann beim Bas­teln die Welt um sich her­um ver­ges­sen.“

Ihr Ta­lent hat Ma­ri­an­ne von ih­rer Mut­ter ge­erbt, schon als Kind hat sie ge­bas­telt. „Mir liegt es ein­fach“, sagt sie. „Und für die, de­nen es nicht so geht, ge­stal­te ich gern im Auf­trag: Ein­la­dun­gen, Tisch­schmuck, Gut­schei­ne … Was auch im­mer ge­braucht wird.“

Noch schreibt der La­den kei­ne schwar­zen Zah­len. „Das muss jetzt lang­sam mal los­ge­hen! Aber ich ha­be kei­ne Angst. Ich ver­traue mir, mei­nen lie­ben Kun­den und mei­ner Idee!“•

Beim Bas­teln kann man die Welt um sich her­um ver­ges­sen

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