Ko­lum­ne

„Nein dan­ke, ich back’ nicht mehr!“

Meins - - Inhalt -

Von Ina Mül­ler gibt es ein Lied mit dem Ti­tel „Auf hal­ber Stre­cke“. Auf dem Weg zwi­schen Ku­schel­tuch und Rheu­ma­de­cke be­fin­det sie sich ge­ra­de ir­gend­wo in der Mit­te oder – wie Frau Mül­ler es so tref­fend nord­deutsch aus­drückt – „so’n bü­schen da­zwi­schen“. Sie singt mir aus der See­le.

Manch­mal füh­le ich mich wie ein jun­ger Hüp­fer (z. B. wenn ich mich in ei­nen La­den für se­nio­ren­ge­rech­te Ge­sund­heits­schu­he ver­ir­re), manch­mal kom­me ich mir stein­alt vor (wenn ich mein Han­dy ver­se­hent­lich auf Werks­ein­stel­lun­gen zu­rück­set­ze und dann gar nichts mehr ka­pie­re). Die­ses „Nicht Fisch, nicht Fleisch“-Ge­fühl ist viel­leicht ein grund­sätz­li­ches The­ma mei­ner Al­ters­grup­pe. Wir sind ein Jahr­gang ein­ge­klemmt zwi­schen „Ham wir schon im­mer so ge­macht“Tra­di­tio­nen und dem di­gi­ta­len „Al­les ist mög­lich“-Le­bens­ge­fühl un­se­rer Kin­der.

Ich fin­de es schwer, da

raus­zu­kom­men, be­son­ders in der Vor­weih­nachts­zeit, wo es ja nur so wim­melt von Brauch­tum und Ge­wohn­hei­ten. Kek­seba­cken bei­spiels­wei­se. Mei­ne Mut­ter (und vor ihr mei­ne Oma) hol­te am 1. De­zem­ber das Back­buch her­vor und ver­schwand für die nächs­ten St­un­den un­ter ei­ner Schicht aus Mehl, Back­pul­ver und Pu­der­zu­cker. Acht oder neun ver­schie­de­ne Sor­ten Plätz­chen wa­ren Mi­ni­mum, schließ­lich woll­te man vor den Nach­ba­rin­nen nicht doof da­ste­hen. Das gan­ze Haus duf­te­te, mei­ne Ge­schwis­ter und ich strit­ten dar­um, wer die Rühr­stä­be ab­le­cken durf­te, und mein Va­ter mops­te sich die ers­ten Kek­se im­mer schon di­rekt aus dem Ofen. Was nach Wer­be­spot-Idyl­le aus­sah, war in Wahr­heit knall­har­te Schuf­te­rei – aber nur für mei­ne Mut­ter. Die muss­te bis Mit­ter­nacht die Kü­che put­zen und war da­nach völ­lig ge­rä­dert. Als Kind ha­be ich nie ver­stan­den, war­um, heu­te weiß ich, wie viel Ar­beit hin­ter ei­nem ein­zi­gen Mar­zi­pans­tern steckt.

Pünkt­lich zu Be­ginn der

Ad­vents­zeit regt sich auch in mir ein selt­sa­mes Pflicht­ge­fühl, das mir weis­ma­chen will, Kek­seba­cken wür­de nun mal da­zu­ge­hö­ren und ich sol­le mei­nen müt­ter­li­chen Auf­ga­ben nach­kom­men.

Gleich­zei­tig ist da aber auch ein an­de­res Stimm­chen, ei­nes, das mir be­ru­hi­gend zu­raunt: „Lass gut sein. Kauf die Plätz­chen ein­fach beim Kon­di­tor.“Es hat mich ein paar Jah­re An­lauf ge­kos­tet, aber in­zwi­schen bin ich so weit. Ich be­tei­li­ge mich nur noch an den Weih­nachts­ak­ti­vi­tä­ten, die mir Spaß ma­chen. Seit­dem kann ich die Vor­weih­nachts­zeit viel stress­frei­er ge­nie­ßen. Ge­nau wie die Zimt­ster­ne, die En­gelsau­gen und das Schwarz-Weiß-Ge­bäck. Mei­ne Mut­ter schüt­telt über mei­ne Back-Re­vol­te den Kopf, aber die ist ja auch nicht „so’n bü­schen da­zwi­schen“. •

Plätz­chen ba­cken? Lass’ ich miR nicht mehR aufs Au­ge dRü­cken!

Un­se­re Ko­lUm­nis­tin Car­la Be­cker, 55, liebt schnel­le Au­tos, Kat­zen und ih­ren Mann. Und fühlt sich kei­nen Tag äl­ter als 39

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