Schnüf­fe­lei bei Brie­fen und Päck­chen

Si­cher­heits­be­hör­den über­wa­chen Ter­ro­ris­ten und Ver­bre­cher – Al­lein 1500 Post-Mit­ar­bei­ter in­vol­viert

Meller Kreisblatt - - POLITIK - Von Ma­ri­on Trim­born

In Deutsch­land gilt das Post­ge­heim­nis. Ver­fas­sungs­schüt­zer und Fahn­der le­sen aber auch schon mal Brie­fe mit. OS­NA­BRÜCK. In Sta­si-Fil­men kommt sie ge­nau­so vor wie im Agen­ten­thril­ler: Die Sze­ne, in der ein Schnüff­ler im schwa­chen Licht heim­lich Brie­fe an ei­ne an­de­re Per­son öff­net, liest und wie­der ver­sie­gelt. Auch heu­te ge­hört die Über­wa­chung des Brief­ver­kehrs noch zum Stan­dard bei der Fahn­dung nach Ter­ro­ris­ten und Kri­mi­nel­len.

Al­ler­dings sind die Hür­den hoch: Ob Ver­fas­sungs­schutz, ob Bun­des­nach­rich­ten­dienst (BND), Mi­li­tä­ri­scher Ab­schirm­dienst (MAD) oder Bun­des­kri­mi­nal­amt (BKA) – sie al­le brau­chen ei­nen rich­ter­li­chen Be­schluss, um Post be­schlag­nah­men zu dür­fen. Ei­ne Spre­che­rin der Deut­schen Post be­tont grund­sätz­lich: „Al­le Mit­ar­bei­ter der Deut­schen Post sind auf das Post­ge­heim­nis ver­pflich­tet und han­deln da­nach.“

Wenn die Be­hör­den ei­ne Per­son ver­däch­ti­gen, ei­nen Ter­ror­an­schlag zu pla­nen, ein schwe­res Ver­bre­chen wie Mord, Tot­schlag oder Gei­sel­nah­me be­gan­gen zu ha­ben oder zu pla­nen, kön­nen auch Fahn­der zu­schla­gen. Das re­gelt das Ge­setz zur Be­schrän­kung des Brief- und Post­ge­heim­nis­ses (Ar­ti­kel-10-Ge­setz, kurz G 10).

Al­lein bei der Deut­schen Post, die im Brief­sek­tor nach wie vor füh­rend ist, sind 1494 Mit­ar­bei­ter in so­ge­nann­te G-10-Maß­nah­men ein­ge­bun­den. Ein fünf­köp­fi­ges Team in der Zen­tra­le steu­ert das Gan­ze. Das geht aus der Ant­wort des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums auf ei­ne An­fra­ge der Lin­ken her­vor, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt.

Dann fan­gen Post­mit­ar­bei­ter Brie­fe ab und ge­ben sie an die Be­hör­den wei­ter. Da­mit der Be­trof­fe­ne nichts merkt, kle­ben die Schnüff­ler sie wie­der zu, und das Ku­vert lan­det im Haus­post­kas­ten.

Wie man ver­sie­gel­te Um­schlä­ge heim­lich öff­nen kann, ist auf ein­schlä­gi­gen Rat­ge­ber­sei­ten im In­ter­net zu le­sen. Zwei Me­tho­den gel­ten als aus­sichts­reich: Ent­we­der den Kle­ber mit­hil­fe von Dampf lö­sen, am bes­ten über ei­nem Koch­topf oder Was­ser­ko­cher. Dann mit fri­schem Kle­ber ver­schlie­ßen – schon sieht er aus wie vor­her. Oder den Um­schlag ins Eis­fach le­gen, dann lässt er sich leicht öff­nen, und wie­der schlie­ßen, wenn der Kle­ber zu tau­en be­ginnt.

Heiß­luft­ge­rä­te ge­kauft

Die Pro­fis ma­chen es nicht viel an­ders: Wie aus dem In­nen­mi­nis­te­ri­um ver­lau­tet, hat der Ver­fas­sungs­schutz jüngst wie­der Dampf-Heiß­luft­ge­rä­te an­ge­schafft. Aber auch Rönt­gen­ge­rä­te stan­den auf der Ein­kaufs­lis­te.

Die Fra­ge, wie vie­le Post­stü­cke jähr­lich ge­öff­net wer­den, will die Re­gie­rung nicht be­ant­wor­ten. Doch es gibt Zah­len: Im Jahr 2015 er­hiel­ten Ver­fas­sungs­schutz, BND und MAD die Er­laub­nis, knapp 200 Ver­däch­ti­ge auf die­se Wei­se zu über­wa­chen, wie aus ei­nem Be­richt des par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­ums her­vor­geht. 336 Haupt­ver­däch­ti­ge wa­ren im ers­ten Halb­jahr 2015 im Vi­sier, 1500 Te­le­fon- und In­ter­net­an­schlüs­se wur­den über­wacht. Die meis­ten wur­den als Is­la­mis­ten ver­däch­tigt, vie­le wa­ren als Ex­tre­mis­ten et­wa des rech­ten oder lin­ken Spek­trums auf­ge­fal­len.

Die Lin­ke ist be­sorgt. De­ren in­nen­po­li­ti­sche Spre­che­rin Ul­la Jelp­ke sag­te: „Schon die ho­he Zahl von rund 1500 in die Po­st­über­wa­chung ein­ge­bun­de­nen Mit­ar­bei­tern al­lein bei der Deut­schen Post lässt ein er­schre­ckend ho­hes Aus­maß der Über­wa­chung be­fürch­ten.“

Die Post darf üb­ri­gens auch Päck­chen öff­nen, wenn sie be­schä­digt sind und et­wa Flüs­sig­keit aus­läuft. Wenn we­der der Emp­fän­ger noch der Ab­sen­der zu er­mit­teln sind, ver­sucht das Brie­fer­mitt­lungs­zen­trum Mar­burg, im In­nern Hin­wei­se zu fin­den. Je­den Tag be­för­dert die Post 59 Mil­lio­nen Brie­fe und 4,3 Mil­lio­nen Päck­chen und Pa­ke­te. „Nur ein klei­ner Teil ist be­trof­fen“, sagt die Pos­tSpre­che­rin.

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