Die EU in der Ab­spal­tungs­fal­le

Im Kon­flikt um Un­ab­hän­gig­keit Ka­ta­lo­ni­ens fürch­tet Brüs­sel ei­nen Prä­ze­denz­fall

Meller Kreisblatt - - EINBLICKE - Von Mar­tin Trauth

BRÜS­SEL. In der spa­ni­schen Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en es­ka­liert ein Kon­flikt, der auch die EU vor ei­ne schwie­ri­ge Si­tua­ti­on stellt. Sie wür­de sich am liebs­ten aus dem hoch­bri­san­ten Ab­spal­tungs­streit her­aus­hal­ten. Doch der Druck, Po­si­ti­on zu be­zie­hen, wird mit dem um­strit­te­nen Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum am Sonntag von Tag zu Tag grö­ßer.

„Ei­ne An­er­ken­nung Ka­ta­lo­ni­ens wür­de ei­nen schreck­li­chen Prä­ze­denz­fall für die EU schaf­fen“, sagt Dan Dung­a­ciu, Lei­ter des ru­mä­ni­schen In­sti­tuts für po­li­ti­sche Stu­di­en und in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen (ISPRI). „Al­le se­pa­ra­tis­ti­schen Be­we­gun­gen könn­ten das in der Fol­ge nut­zen.“An­ge­sichts von Min­der­hei­ten in vie­len EU-Län­dern fürch­ten meh­re­re Haupt­städ­te ei­nen Do­mi­noEf­fekt. „Das ist ei­ne Bom­be, die tickt“, sagt Dung­a­ciu. Brüs­sel schwei­ge des­halb lie­ber.

In der EU wol­len sich die meis­ten zu der sen­si­blen Fra­ge nur an­onym äu­ßern. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on ver­fol­ge „den ge­sam­ten Pro­zess mit gro­ßer, gro­ßer Sor­ge“, sagt ei­ne hoch­ran­gi­ge EU-Ver­tre­te­rin. Letzt­lich ge­he es um ei­ne „in­ter­ne An­ge­le­gen­heit“Spa­ni­ens. Die Li­nie der EU hier sei: „Wir ver­trau­en auf die De­mo­kra­tie.“Doch in den Mit­glied­staa­ten wächst die Sor­ge, dass der Kon­flikt aus dem Ru­der läuft. „Selbst wenn sie im recht­li­chen Rah­men han­delt, geht die spa­ni­sche Re­gie­rung mit der La­ge sehr schlecht um“, sagt ein Di­plo­mat. „Die Guar­dia Ci­vil los­zu­schi­cken, um Leu­te fest­zu­neh­men, ist ein sehr schlech­tes Si­gnal.“Ama­deu Al­ta­f­aj, Ver­tre­ter Ka­ta­lo­ni­ens bei der EU, ist über das Schwei­gen in Brüs­sel nach den Raz­zi­en vom Mitt­woch ver­gan­ge­ner Wo­che em­pört. „Hier geht es nicht nur um Ja oder Nein zur Un­ab­hän­gig­keit, um die Be­zie­hung zwi­schen Ka­ta­lo­ni­en und Spa­ni­en. Es geht um de­mo­kra­ti­sche Stan­dards in der EU.“In Ka­ta­lo­ni­en leb­ten im­mer­hin 7,5 Mil­lio­nen EU-Bür­ger, de­ren Rech­te ge­schützt wer­den müss­ten. Das Min­des­te sei, dass die EU bei­de Sei­ten zu ei­nem „po­li­ti­schen Dia­log“auf­ru­fe.

Doch selbst dies will die EU-Kom­mis­si­on nicht. „Wir re­spek­tie­ren die in­ne­re ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung Spa­ni­ens“, lau­tet seit Wo­chen ih­re Stan­dard­ant­wort. Mit ihr pa­riert Brüs­sel auch lau­ter wer­den­de Ru­fe nach ei­ner Ver­mitt­ler­rol­le in dem Kon­flikt. Die Kom­mis­si­on lei­tet die­se Hal­tung aus der so­ge­nann­ten Pro­di-Dok­trin von 2004 ab. Der da­ma­li­ge Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Ro­ma­no Pro­di hat­te er­klärt, ein Ge­biet, das sich von ei­nem Mit­glieds­land ab­spal­te und un­ab­hän­gig wer­de, sei aus Sicht der Uni­on fort­an „ein Dritt­staat“. Die eu­ro­päi­schen Ver­trä­ge wür­den „vom Tag sei­ner Un­ab­hän­gig­keit an auf sei­nem Ge­biet kei­ne An­wen­dung mehr fin­den“. Die­se Dok­trin war 2012 fast wort­gleich durch Pro­dis Nach­fol­ger Jo­sé Ma­nu­el Bar­ro­so wie­der­holt wor­den. Der heu­ti­ge Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker nahm sich vor zwei Wo­chen in ei­nem In­ter­view et­was mehr Frei­hei­ten: „Wir ha­ben im­mer ge­sagt, dass wir in der Fra­ge den Ent­schei­dun­gen des spa­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richts und des spa­ni­schen Par­la­ments fol­gen wer­den“, sag­te er. Falls es aber „ein ‚Ja‘ zur Un­ab­hän­gig­keit Ka­ta­lo­ni­ens ge­ben wird [. . .], wer­den wir die­se Ent­schei­dung re­spek­tie­ren“. Ka­ta­lo­ni­ens Vi­ze­re­gie­rungs­chef Ori­ol Jun­queras wer­tet die­se letz­te Äu­ße­rung als Be­stä­ti­gung für den Kurs der Un­ab­hän­gig­keits­be­für­wor­ter. Die Kom­mis­si­on ist seit­dem da­mit be­schäf­tigt zu­rück­zu­ru­dern.

Eu­ro­päi­sche Uni­on: Bei­trä­ge da­zu fin­den Sie auf noz.de/eu

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