Au­to­in­dus­trie: Luft­qua­li­tät heu­te deut­lich bes­ser als 1990

„Es gibt kei­nen Grund zu Hys­te­rie“– VDA-Prä­si­dent Wiss­mann hält Fahr­ver­bo­te für „dump­fes Mit­tel“

Meller Kreisblatt - - WIRTSCHAFT - Von Bea­te Ten­fel­de

BER­LIN. Ha­ben Deutsch­lands Au­to­bau­er ver­stan­den? Künf­tig „null To­le­ranz“bei Rechts­ver­stö­ßen? Wann kom­men die Soft­ware-Up­dates für al­te Die­sel? Da­zu im In­ter­view Mat­thi­as Wiss­mann, Prä­si­dent des Ver­ban­des der Au­to­mo­bil­in­dus­trie (VDA).

Die Re­gie­rungs­bil­dung zieht sich hin. Schwächt das die Wirt­schaft?

Nein, welt­weit ist das Ver­trau­en in die deut­sche De­mo­kra­tie sehr groß. Und An­ge­la Mer­kel, die mit der Re­gie­rungs­bil­dung be­auf­tragt ist, ge­nießt in Eu­ro­pa, Ame­ri­ka und Asi­en gro­ßen Re­spekt auf­grund ih­rer Sou­ve­rä­ni­tät und Sa­ch­ori­en­tie­rung. Das hilft sehr.

Ein Bünd­nis von Uni­on, FDP und Grü­nen, al­so Ja­mai­ka, ist gut?

Ja­mai­ka kann dann zu ei­nem ver­nünf­ti­gen Er­geb­nis füh­ren, wenn auf­sei­ten der Grü­nen die re­al­po­li­ti­sche Hand­schrift, wie wir sie et­wa von Mi­nis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mann ken­nen, die Ver­ein­ba­run­gen prägt. Es ist ganz wich­tig, Ver­bren­nungs­mo­to­ren jetzt nicht zu ver­teu­feln. Nie­mand weiß heu­te, wie groß die Ef­fek­te durch die Elek­tro­mo­bi­li­tät tat­säch­lich sein wer­den. Na­tür­lich müs­sen wir an die wei­te­re Re­du­zie­rung der CO2- und Stick­oxid-Emis­sio­nen her­an­ge­hen, aber bit­te tech­no­lo­gie­of­fen. Wir ha­ben heu­te in Deutsch­land 70 Pro­zent we­ni­ger ver­kehrs­be­ding­te Stick­oxid­emis­sio­nen als 1990. Die Luft­qua­li­tät ist im­mer bes­ser ge­wor­den. Das aber wird in der De­bat­te ger­ne ver­schwie­gen. Und so glau­ben die meis­ten Men­schen, wir steck­ten in ei­ner schlim­men Si­tua­ti­on. Falsch. Es gibt kei­nen Grund zu Hys­te­rie.

Was ist, wenn ein Ge­richt we­gen zu ho­her Stick­oxi­dWer­te ein Fahr­ver­bot ver­hängt?

Die V er wal tungs­ge­richtsur tei­le wur­den in ers­ter In­stanz ge­trof­fen. Die Fra­ge wird­sic her­bei mBun des v er wal tungs ge­richt in Leip­zig lan­den. Wir sind da­von über­zeugt: Die mit ei­nem Rie­sen­auf­wand be­trie­be­ne Kam­pa­gned es Ab­mahn­ver­eins Deut­sche Um­welt­hil­fe (DUH) wird am En­de kei­nen Er­folg ha­ben. Kei­ne Fra­ge: Die Po­li­tik soll­te Zie­le vor­ge­ben, et­wa für we­ni­ger Schad­stof­fe oder mehr Kli­ma­schutz, und das in ei­nem prä­zi­sen ge­setz­li­chen Rah­men. Aber bit­te kei­ne Fahr­ver­bo­te! Das wür­de Mil­lio­nen von Bür­gern tref­fen. Es gibt in­tel­li­gen­te­re Lö­sun­gen als die­ses dump­fe Mit­tel.

Ist der Ruf der Au­to-Na­ti­on Deutsch­land rui­niert?

Nein. Es gibt be­rech­tig­te Fra­gen an die deut­sche Au­to­mo­bil­in­dus­trie, und es gibt An­lass zu Är­ger und Kri­tik. Aber ich war­ne vor Pau­schal­ur­tei­len. „Ma­de in Ger­ma­ny“ist nicht ge­fähr­det. Au­di, BMW, Daim­ler und Por­sche ste­hen für gut 70 Pro­zent des welt­wei­ten Pre­mi­um-Mark­tes. Der VDA ver­tritt über 600 Mit­glieds­un­ter­neh­men, wir re­den über die Feh­ler we­ni­ger Fir­men. Ei­ne ak­tu­el­le Al­lens­bach-Stu­die zeigt, dass zwei Drit­tel der Fah­rer deut­scher Au­tos wei­ter­hin Ver­trau­en in die Qua­li­tät ein­hei­mi­scher Fahr­zeu­ge ha­ben.

Um­stiegs­prä­mi­en sol­len Be­sit­zer al­ter Die­sel zum Kauf neu­er Wa­gen lo­cken...

Die Be­schlüs­se des Die­selGip­fels zei­gen ers­te Wir­kung: Nach­dem in den ver­gan­ge­nen drei Mo­na­ten der in­län­di­sche Auf­trags­ein­gang noch leicht un­ter Vor­jahr lag, über­stieg er in den letz­ten drei Wo­chen die Vor­jah­res­wer­te um acht Pro­zent. Ich rech­ne mit ei­nem gu­ten vier­ten

Quar­tal bei den Pkw-Neu­zu­las­sun­gen.

Die­sel wur­de als um­welt­freund­lich an­ge­prie­sen. Ver­brau­cher se­hen sich ge­täuscht…

Deut­sche Her­stel­ler bie­ten für über fünf Mil­lio­nen Die­sel-Pkw im Be­stand kos­ten­lo­se Soft­ware-Up­dates an. Die deut­sche Au­to­mo­bil­in­dus­trie geht zü­gig vor, an ihr liegt es nicht. Jetzt kommt es auf das Kraft­fahrt-Bun­des­amt an. Wir hof­fen, dass es in der La­ge ist, die neu­en Soft­wareUp­dates so schnell wie mög­lich zu ge­neh­mi­gen.

Die Kon­zern­chefs ha­ben beim „Die­sel-Gip­fel“we­nig Ein­sicht ge­zeigt. Ein Feh­ler, weil es Zorn noch schürt?

Da­zu gibt es kei­nen An­lass. Ers­tens be­tei­li­gen sich auch die deut­schen Her­stel­ler am Soft­ware-Upda­te, de­nen gar kein Ma­ni­pu­la­ti­ons­vor­wurf ge­macht wird. Zwei­tens gibt es Um­stiegs­prä­mi­en für äl­te­re Die­sel. Und drit­tens zah­len un­se­re Un­ter­neh­men ent­spre­chend ih­rer Markt­an­tei­le in den Fonds der Bun­des­re­gie­rung ein, mit des­sen Hil­fe die Luft­qua­li­tät in Städ­ten wei­ter ver­bes­sert wer­den soll. Al­lein das sind drei­stel­li­ge Mil­lio­nen­be­trä­ge. Üb­ri­gens: Selbst das Um­welt­bun­des­amt hat fest­ge­stellt, dass der Auf­wand ei­ner Hard­ware-Nach­rüs­tung, al­so der Ein­bau neu­er Tei­le, groß, der ge­wünsch­te Ef­fekt aber eher klein ist. Ehe man die deut­sche In­dus­trie wei­ter kri­ti­siert, soll­te man die Fra­ge stel­len, in wel­cher Wei­se sich die Im­por­teu­re en­ga­gie­ren. Da hö­re ich kei­ne kla­ren Bot­schaf­ten. Laut ADAC EcoTest ha­ben BMW, die Mar­ken des VW-Kon­zerns und Mer­ce­des-Benz – wir spre­chen hier von über 100 ge­tes­te­ten Mo­del­len – die nied­rigs­ten Stick­oxi­dwer­te auf der Stra­ße, im hin­te­ren Feld fin­den sich die Im­por­teu­re.

Sie selbst sind ins Vi­sier der Kri­ti­ker ge­rückt…

Ich ha­be ge­lernt, mit Wi­der­stän­den um­zu­ge­hen. Und ich weiß auch, wie schnell sich der Zeit­geist än­dern kann. Der be­rech­tig­te Är­ger auf ein­zel­ne Un­ter­neh­men zielt nun aber ge­ne­rell auf al­le, die mit der Au­to­mo­bil­in­dus­trie zu tun ha­ben. Da­ge­gen weh­ren wir uns. Und ich weh­re mich ge­gen Fein­de des Au­to­mo­bils und Ideo­lo­gen, die mit durch­sich­ti­gen Pau­schal­ur­tei­len jetzt ver­su­chen, die an­stän­di­ge Ar­beit der weit über 800000 Ar­beit­neh­mer in der deut­schen Au­to­mo­bil­in­dus­trie her­ab­zu­wür­di­gen. Die­ser An­griff gilt dem Au­to an sich, der in­di­vi­du­el­len Mo­bi­li­tät. Da hal­ten wir da­ge­gen.

Mit Ih­rem Plä­doy­er für „null To­le­ranz“bei Rechts­ver­stö­ßen ha­ben Sie Daim­ler-Chef Zet­sche ver­är­gert. Er will sich von Ih­nen tren­nen, hieß es…

Ich ma­che mei­ne Ar­beit sehr gern und mit Lei­den­schaft. Ich füh­le mich von den Vor­stän­den der gro­ßen Un­ter­neh­men nach­hal­tig un­ter­stützt.

Sie blei­ben – wie ge­plant – bis Mit­te 2018 Prä­si­dent des VDA?

Ja, ich ha­be ei­nen Ver­trag bis Mit­te 2018, und den wer­de ich mit Freu­de er­fül­len.

Wort­füh­rer im O-Ton: In­ter­views mit Grö­ßen aus Wirt­schaft und Po­li­tik auf noz.de/in­ter­view

Fo­to: dpa

Mat­thi­as Wiss­mann, Prä­si­dent des Ver­bands der Au­to­mo­bil­in­dus­trie (VDA ).

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