Ba­ren­boim fei­ert 75. Ge­burts­tag

Di­ri­gent und Pia­nist Da­ni­el Ba­ren­boim fei­ert heu­te sei­nen 75. Ge­burts­tag

Meller Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Ralf Dö­ring

OS­NA­BRÜCK. Heu­te wird Da­ni­el Ba­ren­boim 75 Jah­re alt. Er bleibt ak­tiv – als Di­ri­gent, als Kul­tur­po­li­ti­ker und Frie­dens­ak­ti­vist. Zum Ge­burts­tag gibt er als Pia­nist mit der Staats­ka­pel­le Ber­lin und Di­ri­gent Zu­bin Meh­ta ein Kon­zert.

Heu­te wird Da­ni­el Ba­ren­boim 75 Jah­re alt. Und er bleibt ak­tiv – als Di­ri­gent, als Kul­tur­po­li­ti­ker, als Frie­dens­ak­ti­vist. OS­NA­BRÜCK. Neu­jahrs­kon­zert in Wi­en 2014, Ra­detz­ky-Marsch. Da­ni­el Ba­ren­boim geht durch die Rei­hen der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, schüt­telt Hän­de. Ir­gend­wann gibt er mit ei­nem klei­nen Wink den Ein­satz, der Marsch trabt los, das Pu­bli­kum klatscht im Takt. Das Ri­tu­al ist fes­ter Be­stand­teil des Neu­jahrs­kon­zerts, aber nicht für Ba­ren­boim. Er quetscht sich wei­ter durch die Orches­ter­rei­hen und setzt sei­ne Glück­wunsch­tour fort, Hän­de­druck für die Män­ner, Küss­chen für die Frau­en. Das Pu­bli­kum? Ja nun.

Wie­der ein­mal ent­zieht sich Da­ni­el Ba­ren­boim Kon­ven­tio­nen. Die­ser Mann kommt in die Nicht­rau­cherLob­by ei­nes Ho­tels und steckt sich ei­ne Zi­gar­re an. Die­ser Mann setzt jun­ge Is­rae­lis und jun­ge Ara­ber ne­ben­ein­an­der in ein Orches­ter. Die­ser Mann spricht in der Knes­set von der Gleich­be­rech­ti­gung der Völ­ker und löst ei­nen Eklat aus. Die­ser Mann di­ri­giert Mu­sik von Richard Wa­gner in ei­nem öf­fent­li­chen Kon­zert in Is­ra­el, ob­wohl er um den Sturm der Ent­rüs­tung weiß, den er da­mit aus­löst. Ge­ra­de sei­nem zwei­ten Hei­mat­land Is­ra­el ver­ab­reicht Ba­ren­boim bit­te­re Pil­len, oft ver­packt in Tö­ne. Um es pa­the­tisch zu sa­gen: Sei­ne Waf­fe im Kampf um Frie­den zwi­schen Is­rae­lis und Ara­bern ist die Mu­sik. Sein Ziel ist der Frie­de, sein Mit­tel die Mu­sik: Da­ni­el Ba­ren­boim beim Neu­jahrs­kon­zert der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker.

In ers­ter Li­nie ist Ba­ren­boim ja auch Mu­si­ker. Am 15. No­vem­ber 1942 wird er in Bu­e­nos Ai­res ge­bo­ren; als Fünf­jäh­ri­ger be­ginnt er, Kla­vier zu spie­len, an­ge­lei­tet vom Va­ter. Schon als jun­ger Mann spielt er sich in der Rie­ge der Pia­nis­ten nach oben; sei­ne ers­te Ein­spie­lung der 32 Kla­vier­so­na­ten

von Lud­wig van Beet­ho­ven er­hält viel Lob, die Beet­ho­ven-Kla­vier­kon­zer­te mit dem Phil­har­mo­nia Orches­tra und Ot­to Klem­pe­rer ge­nie­ßen Re­fe­renz­sta­tus. Das gilt auch für die Kla­vier­kon­zer­te von Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart, die er als So­list und Di­ri­gent des Eng­lish Cham­ber Orches­tra auf­ge­nom­men hat.

Gleich­zei­tig hat er sich am Di­ri­gen­ten­pult pro­fi­liert. Schon mit 20 Jah­ren stand Da­ni­el Ba­ren­boim zum ers­ten Mal vor den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern, und als das Orches­ter den Nach­fol­ger für Sir Si­mon Ratt­le ge­sucht hat, kur­sier­te auch sein Na­me. Seit ein paar Jah­ren kon­zen­triert er sich auf

die Ber­li­ner Staats­oper Un­ter den Lin­den – und auf sei­ne mu­si­ka­li­schen Ver­söh­nungs­pro­jek­te.

Das wich­tigs­te ist si­cher das West Eas­tern Di­van Orches­tra, das seit 1999 jun­ge Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker aus Is­ra­el und ara­bi­schen Län­dern zu­sam­men­bringt. 2005 stat­tet Ba­ren­boim das Orches­ter mit spa­ni­schen Di­plo­ma­ten­päs­sen aus und bringt es für ein Kon­zert nach Ra­mal­lah im West­jor­dan­land. Ein Jahr spä­ter spal­tet der 33-Ta­ge-Krieg zwi­schen Is­ra­el und Li­ba­non das Orches­ter, weil die ara­bi­schen Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker fern­blei­ben. Doch der ge­wief­te Di­ri­gent und Frie­dens­ak­ti­vist meis­tert auch die­se Kri­se.

Sein jüngs­ter Coup ent­wi­ckelt die Idee des Di­van-Orches­ters wei­ter: Im ehe­ma­li­gen Ku­lis­sen­la­ger der Lin­den­oper hat er die Ba­ren­boim-Said-Aka­de­mie ge­grün­det, ei­ne Mu­sik­hoch­schu­le, un­ter de­ren Dach Stu­die­ren­de aus Is­ra­el, den pa­läs­ti­nen­si­schen Au­to­no­mie­ge­bie­ten, Li­ba­non, Ägyp­ten und der Tür­kei ge­mein­sam am In­stru­ment, aber auch in Phi­lo­so­phie, Ge­schich­te und Li­te­ra­tur un­ter­rich­tet wer­den. Die Kos­ten von 33,7 Mil­lio­nen Eu­ro hat zu zwei Drit­teln der Bund über­nom­men, der Rest wur­de über Spen­den fi­nan­ziert. Da­mit hat Ba­ren­boim ei­ne Schalt- und Macht­zen­tra­le in Ber­lin-Mit­te er­wei­tert: Denn na­tür­lich bleibt er Mu­sik­chef der Staats­oper Un­ter den Lin­den – die so­eben für über 400 Mil­lio­nen Eu­ro sa­niert wor­den ist. Ba­ren­boim be­wegt eben auch Fi­nan­zen. Aber heu­te wird ge­fei­ert – nicht in der Staats­oper, son­dern in der Phil­har­mo­nie, nicht am Di­ri­gen­ten­pult, son­dern am Kla­vier. Aber mit Freun­den: mit der Staats­ka­pel­le Ber­lin und mit sei­nem Freund Zu­bin Meh­ta am Pult.

Ein In­ter­view mit Da­ni­el Ba­ren­boim le­sen Sie auf noz.de/kultur

Fo­to: dpa

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