Vor 75 Jah­ren Der ers­te LSD-trip

Meller Kreisblatt - - WOCHENENDE! - Von Michael Os­sen­kopp

Es war nur ein 250 Mil­li­ons­tel Gramm, das Ge­wicht ei­nes Staub­par­ti­kels. Doch die weiß-kris­tal­li­ne Sub­stanz zün­de­te im Ge­hirn ei­ne „Atom­bom­be des Geis­tes“. Das be­rich­te­te der Schwei­zer Che­mi­ker Al­bert Hof­mann über sei­ne ers­te Er­fah­rung mit Ly­serg­säu­re­diet­hyl­amid – LSD.

Vor 75 Jah­ren, im April 1943, ent­schied sich der Lei­ter des Na­tur­stoff­la­bors der „San­doz AG“in Ba­sel, das Phar­ma­zeu­ti­kum er­neut zu prü­fen. Denn er ver­mu­te­te, bei den ers­ten Ver­su­chen fünf Mo­na­te zu­vor et­was über­se­hen zu ha­ben. Da­mals hat­te er auf der Su­che nach ei­nem Kreis­lauf­mit­tel mit Ab­kömm­lin­gen des Mut­ter­korn­pil­zes ex­pe­ri­men­tiert und erst­mals LSD her­ge­stellt. Das De­ri­vat der Ly­serg­säu­re kommt als Al­ka­lo­id auch na­tür­lich in Win­den­ge­wäch­sen vor. Da die er­hoff­te Wir­kung als Kreis­lauf­sti­mu­lans in Tests mit Tie­ren aber nicht ein­trat, ver­lor Hof­mann zu­nächst das In­ter­es­se.

Bei ei­nem Selbst­ver­such am 19. April 1943 aber re­gis­trier­te der Wis­sen­schaft­ler dann die hal­lu­zi­no­ge­ne Wir­kung von LSD, die er zu­nächst nicht er­klä­ren konn­te. „Angst­ge­fühl, Seh­stö­run­gen, Läh­mun­gen und Lach­reiz wur­den ab­ge­löst von un­er­hör­ten Far­ben­und For­men­spie­len und sich ka­lei­do­sko­par­tig ver­än­dern­de, bun­te Fan­ta­sie­gestal­ten und um­her­flie­gen­de Mö­bel“, hielt er in sei­nen Auf­zeich­nun­gen fest, „Ge­räu­sche hat­ten sich stän­dig in op­ti­sche Emp­fin­dun­gen mit wech­seln­den far­bi­gen Bil­dern ver­wan­delt.“

Und spä­ter re­sü­mier­te er: „Das LSD hat mich ge­ru­fen, ich ha­be es nicht ge­sucht. Es ist zu mir ge­kom­men, es hat sich ge­mel­det […] Schon auf dem Heim­weg mit dem Fahr­rad […] nahm mein Zu­stand be­droh­li­che For­men an. Al­les in mei­nem Ge­sichts­feld schwank­te und war ver­zerrt wie in ei­nem ge­krümm­ten Spie­gel…“Vom La­bor fuhr er „in wil­den Schlan­gen­li­ni­en“nach Hau­se, seit­her wird der 19. April von An­hän­gern der psy­che­de­li­schen Be­we­gung als „bi­cy­cle day“(„Fahr­rad­tag“) ge­fei­ert. Nach et­wa zwei St­un­den auf dem So­fa ver­flüch­tig­te sich Hof­manns Rausch.

Be­reits we­ni­ge Jah­re zu­vor hat­te der Ber­li­ner Arzt Lou­is Le­win durch Phar­ma­ka aus­ge­lös­te Be­wusst­seins­ver­än­de­run­gen er-

forscht, als er sich mit der Wir­kung hal­lu­zi­no­ge­ner Pflan­zen be­schäf­tig­te. Die Grund­la­gen sei­ner Ar­bei­ten ba­sier­ten auf Er­kennt­nis­sen des Hei­del­ber­ger Pro­fes­sors Kurt Be­rin­ger, der En­de der 1920er-Jah­re „Mes­ka­lin“un­ter­sucht hat­te. Die In­dio-Scha­ma­nen ver­ehr­ten das pflanz­li­che Al­ka­lo­id des Peyo­teKak­tus schon seit Jahr­tau­sen­den als hei­lig.

In den 1950er-Jah­ren be­gann San­doz, un­ter dem Na­men „De­ly­sid“pro­be­wei­se LSD zu ver­trei­ben, Ärz­te und Wis­sen­schaft­ler such­ten neue Be­hand­lungs­an­sät­ze in der Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie, un­ter an­de­rem ge­gen die Al­ko­hol­ab­hän­gig­keit. Ti­mo­thy Lea­ry, Psy­cho­lo­gie-Do­zent der re­nom­mier­ten ame­ri­ka­ni­schen Har­vard Uni­ver­si­ty, avan­cier­te An­fang der 1960er-Jah­re zum „Mis­sio­nar“des LSD-Ge­brauchs. Er glaub­te, das Mit­tel kön­ne die Per­sön­lich­keit von Men­schen durch Be­wusst­seins­er­wei­te­rung ver­bes­sern und folg­lich auch die Ge­sell­schaft po­si­tiv ver­än­dern. Sei­ne grif­fi­ge Lo­sung für das psy­che­de­li­sche Zeit­al­ter lau­te­te: „Turn on, tu­ne in, drop out“, sinn­ge­mäß soll­te das be­deu­ten: „Geh in dich, har­mo­ni­sie­re dich mit der Um­welt, tren­ne dich von dei­nen Ver­pflich­tun­gen.“

In der auf­kom­men­den Hip­pie-Be­we­gung fand Lea­ry vie­le An­hän­ger. Stars der Mu­sik­sze­ne wie Jim Mor­ri­son von den Doors, Ji­mi Hen­d­rix, Ja­nis Jo­p­lin, die Beat­les und die Rol­ling Sto­nes ou­te­ten sich als Kon­su­men­ten. Aber auch Künst­ler wie Ro­bert Crumb und An­dy War­hol, die Schrift­stel­ler Al­dous Hux­ley und Al­len Gins­berg so­wie Schau­spie­ler Peter Fon­da und Ca­ry Grant ex­pe­ri­men­tier­ten mit LSD. Ken Ke­sey ver­ar­bei­te­te sei­ne Er­fah­run­gen aus der Psych­ia­trie in dem Ro­man „Ei­ner flog über das Ku­ckucks­nest“und grün­de­te die Kom­mu­ne „Mer­ry Pranks­ters“. Sie tour­te mit ei­nem be­mal­ten, al­ten Schul­bus durch die USA und ver­an­stal­te­te so­ge­nann­te Aci­dTests. Zur Mu­sik der Haus­band Gra­te­ful De­ad fan­den „Hap­pe­nings“statt und an al­le Zu­schau­er und -hö­rer wur­den kos­ten­los Un­men­gen von LSD ver­teilt. In Mu­sik­stü­cken und Fil­men hiel­ten Er­fah­run­gen mit den „Trips“Ein­zug, und sie ge­lang­ten in das öf­fent­li­che Be­wusst­sein. 1966 ver­bot die US-Re­gie­rung die Her­stel­lung, den Han­del so­wie den Be­sitz und Kon­sum von LSD. Die Pro­duk­ti­on ver­la­ger­te sich in Un­ter­grund­la­bors. Den Weg von der Wun­der­dro­ge zum ver­bo­te­nen Be­täu­bungs­mit­tel hat Hof­mann in sei­nem Buch „LSD – Mein Sor­gen­kind“de­tail­liert be­schrie­ben. „Die To­re der Wahr­neh­mung wer­den ge­öff­net, und wir se­hen und hö­ren plötz­lich mehr, al­les wird in­ten­si­viert, es ist ein völ­lig an­de­res Pro­gramm.“

Auch ha­be Lea­ry mit der Be­haup­tung recht ge­habt, LSD sei das größ­te Aphro­di­sia­kum. Doch wie kaum ein an­de­rer warn­te Hof­mann vor dem un­sach­ge­mä­ßen Ge­brauch und mach­te Lea­ry schwe­re Vor­wür­fe, er ha­be LSD „an­ge­prie­sen wie ein Wan­der­pre­di­ger“, oh­ne die An­wen­der hin­rei­chend über die Fol­gen auf­zu­klä­ren. Den­noch be­haup­te­ten di­ver­se be­deu­ten­de Ent­de­cker und Er­fin­der rück­bli­ckend, sich durch die Dro­ge krea­ti­ver ge­fühlt zu ha­ben. Fran­cis Crick, der Ent­de­cker der DNA, Doug En­gel­bart, Er­fin­der der Com­pu­ter­maus, und Ste­ve Jobs, der Kopf hin­ter App­le-Com­pu­tern, mein­te et­wa, erst sein er­wei­ter­tes Be­wusst­sein

ha­be ihn auf die bahn­bre­chen­den Ide­en ge­bracht. Auch die Beat­les-Songs „Lu­cy in the Sky with Dia­monds“und „Day Trip­per“sol­len un­ter Ein­fluss von LSD ent­stan­den sein.

Der Schrift­stel­ler Ernst Jün­ger, der mit Ent­de­cker Hof­mann jahr­zehn­te­lang in en­gem Brief­kon­takt stand, stell­te fest: „Mit Dro­gen schreibt sich’ s bes­ser.“Hin­ge­gen be­klag­te Mu­sik-Le­gen­de Bri­an Wil­son von den Beach Boys ein­mal in ei­nem In­ter­view: „Kör­per­lich bin ich in Schuss, nur mein Hirn ist mü­de. Ich hab’ zu vie­le Trips im Le­ben ge­schmis­sen. Das Teu­fels­zeug LSD hat mei­nen Kopf zer­matscht.“Auch Künst­ler und Lie­der­ma­cher An­dré Hel­ler sagt: „In mei­ner Ju­gend ha­be ich LSD aus­pro­biert. Das war schlecht für mich, denn ich hat­te ja von Haus aus maß­los viel Fan­ta­sie und war ja ge­wis­ser­ma­ßen selbst ei­ne Dro­ge.“Der Stoff ha­be al­les nur be­ängs­ti­gend über­reizt.

Lan­ge zu­vor hat­te der US-Ge­heim­dienst CIA mit LSD ex­pe­ri­men­tiert. Seit 1955 wur­de in den

La­bo­ren von Ed­ge­wood Ar­senal nord­öst­lich von Bal­ti­more der mög­li­che Ein­satz des Me­di­ka­ments zur Ge­dan­ken­kon­trol­le und als Wahr­heits­se­r­um an rund 7000 Ar­mee­mit­glie­dern ge­tes­tet. Das Pro­jekt un­ter dem Na­men „MKULTRA“fand oh­ne Wis­sen der Sol­da­ten statt, um die Ver­suchs­per­so­nen zu be­ob­ach­ten, rich­te­te die CIA so­gar ein Bor­dell ein. Nach Auf­de­ckung der Pro­gram­me kam es Mit­te der 1970er-Jah­re zu meh­re­ren par­la­men­ta­ri­schen Un­ter­su­chun­gen und Ge­richts­ver­fah­ren, noch heu­te kla­gen die Män­ner über ge­sund­heit­li­che Spät­fol­gen.

Als größ­tes Ge­schenk zu sei­nem 100. Ge­burts­tag 2006 be­trach­te­te Hof­mann die Wie­der­zu­las­sung von LSD für die me­di­zi­ni­sche For­schung. Er starb zwei Jah­re spä­ter. In der Schweiz und in den USA wird zur­zeit wie­der an LSD wis­sen­schaft­lich ge­forscht. Vor al­lem bei un­heil­bar Er­krank­ten im letz­ten Sta­di­um, wo selbst Mor­phi­ne nicht mehr hel­fen, könn­te die Be­wusst­seins­er­wei­te­rung die Angst vor Schmerz und Tod lin­dern.

Ver­su­che als The­ra­pie­hil­fe bei der Be­wäl­ti­gung von Trunk­sucht sind dort eben­falls wie­der an­ge­lau­fen.

Fo­to: im­a­go/INSADCO

LSD-Ti­ckets wer­den als Strei­fen pro­du­ziert, ab­ge­ris­sen und oral kon­su­miert. Be­lieb­te Mo­ti­ve sind Co­mic­fi­gu­ren oder mög­lichst grel­le Bil­der, um auf die hal­lu­zi­no­ge­ne Wir­kung der Dro­ge an­zu­spie­len.

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