„Ist das so schwer zu ver­ste­hen?“

In­ter­view CSU-Chef Horst See­ho­fer er­klärt, war­um ihm die Ober­gren­ze so wich­tig ist und zu wel­chen Be­din­gun­gen sich sei­ne Par­tei an der nächs­ten Re­gie­rung be­tei­ligt. Au­ßer­dem er­hebt er schwe­re Vor­wür­fe ge­gen die Mo­de­ra­to­ren des TV-Du­ells

Memminger Zeitung - - Politik - Das Ge­spräch führ­ten Wal­ter Rol­ler, Uli Bach­mei­er, Micha­el Stif­ter und Ru­di Wais

Herr See­ho­fer, bis vor kur­zem sah es in Um­fra­gen so aus, als sei für die Uni­on in die­sem Wahl­kampf schon al­les ge­lau­fen, so­gar ei­ne Zwei­er­ko­ali­ti­on mit der FDP schien mög­lich. Zu­letzt aber gin­gen die Zu­stim­mungs­wer­te für CDU und CSU wie­der zu­rück. Was ist pas­siert?

See­ho­fer: Das Ren­nen ist noch längst nicht ge­lau­fen. Es steht zwar in den Um­fra­gen gut, aber nicht mehr so gut, wie es schon war. Die Wahl ist noch nicht ge­won­nen. Wir ha­ben jetzt noch gut ei­ne Wo­che Zeit, das wie­der zu sta­bi­li­sie­ren. Wah­len wer­den be­kannt­lich auf der Ziel­ge­ra­den ent­schie­den.

Woran liegt es, dass die AfD plötz­lich wie­der Auf­wind hat?

See­ho­fer: Die The­men, die die Men­schen am meis­ten um­trei­ben, sind wie­der rich­tig da. Die Fra­gen der Si­cher­heit und der Zu­wan­de­rung la­gen nur ei­ni­ge Mo­na­te ir­gend­wo im Schlum­mer­kas­ten.

Kann es sein, dass der Stim­mungs­wan­del an den un­ter­schied­li­chen Stra­te­gi­en von CDU und CSU liegt? Wur­den da Feh­ler ge­macht?

See­ho­fer: Ich kann im­mer nur wie­der auf mei­ne Äu­ße­run­gen seit Mo­na­ten ver­wei­sen. Die Men­schen wol­len kla­re Aus­sa­gen, kla­re Po­si­tio­nen. Grup­pie­run­gen wie die AfD klein­zu­hal­ten, ist nicht da­durch zu er­rei­chen, dass man stän­dig über sie spricht. Man hält sie nur klein, wenn man in den ent­schei­den­den Be­rei­chen Kl­ar­text re­det und den Men­schen Ant­wor­ten auf ih­re Fra­gen gibt. Das ist un­ser An­satz. Das heißt: Si­cher­heit durch ei­nen star­ken Staat. Das heißt: Zu­wan­de­rung be­gren­zen durch ei­ne Ober­gren­ze, die ga­ran­tiert, dass In­te­gra­ti­on ge­lingt. Das muss glas­klar zum Aus­druck ge­bracht wer­den. Die CSU ist da seit Mo­na­ten sehr ein­deu­tig.

Die CDU nicht. Im Kanz­ler­amt ist man of­fen­sicht­lich der An­sicht, dass es bes­ser ist, nicht zu prä­zi­se zu sein und den Ball flach zu hal­ten.

See­ho­fer: Wenn wir sa­gen, das Jahr 2015 soll sich nicht wie­der­ho­len, dann dür­fen wir nicht of­fen­las­sen, mit wel­chen In­stru­men­ten wir das si­cher­stel­len kön­nen. Nicht prä­zi­se zu sein, das mag für die Talk­run­den im Qua­drat­ki­lo­me­ter rund um das Re­gie­rungs­vier­tel funk­tio­nie­ren, aber nicht im Land. Neh­men Sie nur das TV-Du­ell: Die vier Jour­na­lis­ten, die das TV-Du­ell mo­de­riert ha­ben, die ha­ben doch un­zu­rei­chen­de Ah­nung da­von, was im Land tat­säch­lich los ist. Die wis­sen nicht, was die Men­schen im All­gäu, in Augs­burg oder in Ro­sen­heim be­wegt. Wir da­ge­gen wis­sen, dass die Si­cher­heits­und Zu­wan­de­rungs­fra­gen die Men­schen mäch­tig um­trei­ben. Des­halb ge­hö­ren die­se Fra­gen auch zu un­se­ren Kern­be­din­gun­gen für Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen.

Wel­che Kern­be­din­gun­gen sind das?

See­ho­fer: Si­cher­heit und Ord­nung, Voll­be­schäf­ti­gung und Ge­rech­tig­keit. In all die­sen Fra­gen brau­chen wir Prä­zi­si­on. Ich will, wenn wir an der Re­gie­rungs­bil­dung be­tei­ligt sind, ganz prä­zi­se fest­le­gen, was wir die nächs­ten vier Jah­re ma­chen wer­den. Ich er­war­te die schwie­rigs­ten Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen seit lan­gem – wenn es über­haupt da­zu kommt.

Sie stel­len das in­fra­ge?

See­ho­fer: Ich ha­be ge­sagt, die Wahl ist noch nicht ge­won­nen. Las­sen wir doch zu al­ler­erst mal die Wäh­ler ent­schei­den. Aber ich bin zu­ver­sicht­lich. Und wenn es so ist, dass wir wei­ter­re­gie­ren, dann sa­ge ich hier und heu­te: Wir ga­ran­tie­ren die Ober­gren­ze. Sie ist prak­ti­ka­bel, ver­fas­sungs­fest und not­wen­dig. Be­gren­zung der Zu­wan­de­rung be­deu­tet ja nicht Ab­schot­tung. Ei­ne Be­gren­zung der Zu­wan­de­rung ist die Vor­aus­set­zung für die In­te­gra­ti­on und für die Hu­ma­ni­tät in un­se­rem Land. Ist das so schwer zu ver­ste­hen?

Die Kanz­le­rin hat noch ein­mal be­kräf­tigt, dass sie kei­ne Ober­gren­ze will.

See­ho­fer: Dass wir in dem Punkt ei­ne Un­ein­heit­lich­keit ha­ben, ist be­kannt. Aber die Kanz­le­rin hat auch ei­ne gan­ze Rei­he von Punk­ten ge­nannt, die sehr in un­se­rem Sin­ne sind: dass wir Flucht­ur­sa­chen be­kämp­fen müs­sen, dass wir Flücht­lin­gen am bes­ten in der Nä­he ih­rer Hei­mat hel­fen, dass wir ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung brau­chen und dass das Jahr 2015 sich nicht wie­der­ho­len darf. Jetzt wol­len die Leu­te schlicht und ein­fach wis­sen, mit wel­chen Maß­nah­men die­ser Satz, dass 2015 sich nicht wie­der­ho­len darf, ge­währ­leis­tet wird. Und an uns, die CSU, rich­ten sie die Fra­ge: Kann man euch glau­ben, dass ihr das durch­setzt? Ich sa­ge: Wir wer­den das durch­set­zen. Das ist für uns ei­ne Fra­ge des Ver­trau­ens und der Ver­nunft.

Wie soll das ge­hen?

See­ho­fer: Las­sen Sie das mal mei­ne Sor­ge sein. Ich weiß, wie das geht. Es gibt kei­nen güns­ti­ge­ren Zeit­punkt zur Durch­set­zung von Po­si­tio­nen als die Zeit zwi­schen ei­ner Bun­des­tags­wahl und der Wahl ei­nes Kanz­lers be­zie­hungs­wei­se ei­ner Kanz­le­rin. Das ist der Zei­t­raum von Ver­hand­lun­gen und des In­ter­es­sens­aus­gleichs zwi­schen Par­tei­en.

Der Dis­sens mit Frau Mer­kel be­steht schon lan­ge. Wel­che Ar­gu­men­te ha­ben Sie denn noch?

See­ho­fer: Un­ser Spit­zen­kan­di­dat, der baye­ri­sche In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann, hat zum Bei­spiel zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass man ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung nicht hin­be­kommt, wenn man den an­de­ren Län­dern in Eu­ro­pa nicht sagt, mit wel­cher zah­len­mä­ßi­gen Grö­ßen­ord­nung sie bei der Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen zu rech­nen ha­ben. Oh­ne Ober­gren­ze geht das nicht. Das ist doch lo­gisch. Die kau­fen doch nicht die Kat­ze im Sack.

Bis­her ist in Eu­ro­pa noch nicht viel ge­sche­hen.

See­ho­fer: Das ge­hört lei­der zur Wahr­heit da­zu. Seit zwei Jah­ren ha­ben sie in Brüssel hier gar nichts vor­an­ge­bracht. Die bei die­ser Fra­ge schnar­chen­de EU-Kom­mis­si­on muss jetzt mal in die Gän­ge kom­men. Wir ha­ben vor zwei Jah­ren ver­ein­bart, dass wir die Au­ßen­gren­zen der EU si­chern und Tran­sit­zen­tren ein­rich­ten. Da­zu braucht man Per­so­nal, Dol­met­scher und Geld. Ge­sche­hen ist bis­her gar nix. Aber genau das wä­re doch das Eu­ro­pa, das die Men­schen sich wün­schen – ein Eu­ro­pa, das Frei­zü­gig­keit im Innern und Si­cher­heit an den Au­ßen­gren­zen ge­währ­leis­tet. Wir soll­ten an den Au­ßen­gren­zen fest­stel­len, wer schutz­be­dürf­tig ist. Erst da­nach stellt sich die Fra­ge der Ver­tei­lung. Und da sa­gen wir, wir neh­men in Deutsch­land ma­xi­mal 200000 pro Jahr. Das ist ein Re­gel­werk. Das ist voll­zieh­bar.

Schlie­ßen Sie bei 200 000 pro Jahr auch nach­zie­hen­de Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge ein?

See­ho­fer: Wir de­fi­nie­ren die Ober­gren­ze von 200000 ein­schließ­lich des be­rech­tig­ten Fa­mi­li­en­nach­zugs. Wenn je­mand an­er­kannt ist und ein dau­er­haf­tes Auf­ent­halts­recht hat, dann be­steht An­spruch auf Fa­mi­li­en­nach­zug. Das ist in Ord­nung. Wenn aber je­mand nur vor­über­ge­hen­den Schutz be­kommt und da­nach wie­der in sein Hei­mat­land zu­rück­keh­ren muss, dann leh­nen wir den Fa­mi­li­en­nach­zug ab. Al­lein im nächs­ten Jahr könn­ten es ei­ni­ge Hun­dert­tau­send sein, die so un­be­rech­tigt zu uns kom­men. Mir ist schlei­er­haft, wo wir da­für Woh­nun­gen, Schu­len, Ki­tas, Kur­se und das Geld her­krie­gen soll­ten. Au­ßer­dem wür­de da­mit das Ver­spre­chen, dass das Jahr 2015 sich nicht wie­der­ho­len darf, so­fort un­glaub­wür­dig.

Al­so kei­ne „at­men­de“, al­so jähr­lich wech­seln­de oder fle­xi­ble Ober­gren­ze?

See­ho­fer: Nein. Das ist doch voll­kom­me­ner Quatsch.

Wenn es am Wahl­sonn­tag für ei­ne Zwei­er­ko­ali­ti­on mit der FDP nicht reicht, was er­war­tet uns dann? Ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on oder Ja­mai­ka?

See­ho­fer: Ich ha­be un­se­re Be­din­gun­gen für je­de mög­li­che Ko­ali­ti­on vor­hin schon ge­nannt: Si­cher­heit und Ord­nung, Voll­be­schäf­ti­gung und Ge­rech­tig­keit. Wir wer­den ab­klä­ren, was bei der Si­cher­heit mög­lich ist. Da geht es uns um mehr Per­so­nal und Be­fug­nis­se für Po­li­zei und Ver­fas­sungs­schutz, mehr Vi­deo­über­wa­chung und bes­se­ren Er­kennt­nis­aus­tausch der Si­cher­heits­be­hör­den in Eu­ro­pa. Ord­nung be­deu­tet ge­ord­ne­te Ver­hält­nis­se bei der Zu­wan­de­rung, al­so Ober­gren­ze, ein Fach­kräf­te­zu­wan­de­rungs­ge­setz, der Schutz der eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen. Dann in­ter­es­siert uns in Bay­ern na­tur­ge­mäß die Voll­be­schäf­ti­gung, al­so Ver­nunft beim The­ma Au­to­mo­bil, Di­gi­ta­li­sie­rung, Steu­er­ent­las­tung. Und bei der Ge­rech­tig­keit geht es uns um die Müt­ter­ren­te und mehr Un­ter­stüt­zung für Fa­mi­li­en und Kin­der. Da müs­sen die­je­ni­gen, die mit uns re­gie­ren wol­len, sa­gen: geht oder geht nicht, ver­han­del­bar oder nicht ver­han­del­bar.

Das heißt, wenn die Grü­nen Ja­mai­ka wol­len, dann müs­sen sie un­ter an­de­rem ei­ner Ober­gren­ze und der Aus­wei­tung der Lis­te si­che­rer Her­kunfts­län­der im Asyl­recht zu­stim­men.

See­ho­fer: Ja, und auch die Ver­nich­tung der Au­to­mo­bi­lar­beits­plät­ze un­ter­las­sen. Da­mit das klar ist: Wir kön­nen gar nicht an­ders als Wort hal­ten – schon al­lein des­halb, weil wir nächs­tes Jahr in Bay­ern Land­tags­wah­len ha­ben.

Fo­to: Ul­rich Wa­gner

„Ich sa­ge: Wir wer­den das durch­set­zen.“Horst See­ho­fer im In­ter­view mit un­se­rer Zei­tung.

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