„Wer bö­se ist, ist oft char­mant“

Ken Fol­lett Der Bri­te ge­hört zu den er­folg­reichs­ten Au­to­ren der Welt. Im In­ter­view er­zählt er, wes­halb sein neu­er Ro­man, der im 16. Jahr­hun­dert spielt, auch The­men von heu­te be­rührt

Memminger Zeitung - - Feuilleton -

His­to­ri­sche Ro­ma­ne sind sehr be­liebt, Spio­na­ge­ro­ma­ne auch. Mit Ih­rem his­to­ri­schen Spio­na­ge­ro­man woll­ten Sie jetzt wohl auf Num­mer si­cher ge­hen.

Ken Fol­lett: Ja, das könn­te man mei­nen. Und so falsch ist das auch gar nicht. Ja, ich woll­te ei­ne wun­der­ba­re Ge­schich­te, die in wei­ter Ver­gan­gen­heit spielt, mit der Span­nung ei­nes Spio­na­ge­ro­ma­nes ver­bin­den.

In ei­nem Ka­pi­tel heißt es über Ih­ren Hel­den: „Ned hat­te das Ge­fühl, dass die gan­ze Welt ver­kom­men ist.“Ist das auch Ihr Ein­druck über un­se­re Welt?

Fol­lett: Nun, Ned sagt das, nach­dem er die Grau­en der Bar­tho­lo­mä­us­nacht mit­be­kom­men hat, in der tau­sen­de Men­schen ab­ge­schlach­tet wur­den. Da kann man die­se ne­ga­ti­ve Grund­hal­tung ver­ste­hen, fin­de ich. Ich selbst wür­de so et­was heu­te aber nicht sa­gen. Aber für Ned in die­ser Si­tua­ti­on sind die­se Ge­dan­ken doch ver­ständ­lich.

Sie sind al­so selbst ein eher op­ti­mis­ti­scher Mensch?

Fol­lett: Oh, ja, auf je­den Fall.

Un­se­re Welt scheint aber ge­ra­de aus den Fu­gen zu ge­ra­ten…

Fol­lett: Ja, es gibt ein paar Echos des 16. Jahr­hun­derts in un­se­rer Zeit. Im 16. Jahr­hun­dert gab es Krieg und Ge­walt, Mord und Fol­ter. Und der Grund wa­ren re­li­giö­se Feind­se­lig­kei­ten. Das be­ob­ach­ten wir in un­se­rem Jahr­hun­dert in der Tat auch, sehr zu mei­nem Miss­fal­len. Ich ha­be er­war­tet, dass die Le­ser die­se Par­al­le­len se­hen und die Punk­te ver­bin­den zwi­schen dem 16. Jahr­hun­dert, über das ich ge­schrie­ben ha­be, und das 21. Jahr­hun­dert, das sie selbst er­le­ben.

Re­li­giö­ser Ter­ror ist heu­te is­la­mis­ti­scher Ter­ror. Sind Sie be­un­ru­higt?

Fol­lett: Oh ja, na­tür­lich. Je­der in der Welt ist be­sorgt. Sind wir nicht al­le be­droht? Sind wir nicht al­le be­stürzt, wenn un­schul­di­ge Men­schen aus idio­ti­schen Grün­de ge­tö­tet wer­den?

Was den­ken Sie über Ge­heim­diens­te? Waf­fe ei­ner wehr­haf­ten De­mo­kra­tie oder ge­fähr­li­cher Staat im Staa­te?

Fol­lett: Sie leis­ten ei­ne wich­ti­ge Ar­beit, und kein Staat kann auf sie ver­zich­ten. Sehr vie­le Ter­ror­an­schlä­ge konn­ten ver­hin­dert wer­den, weil Ge­heim­diens­te die Ter­ror­zel­len und Ver­schwö­run­gen recht­zei­tig be­kämp­fen konn­ten. Vie­le Men­schen­le­ben wur­den so ge­ret­tet. Das Pro­blem ist, dass der Ge­heim­dienst ein ge­hei­mer Di­enst und da­mit sehr schwer zu kon­trol­lie­ren ist. Al­le Pre­mier­mi­nis­ter und Prä­si­den­ten und Kanz­ler dach­ten im­mer, sie hät­ten ih­ren Di­enst un­ter Kon­trol­le. Das ist je­doch ei­ne un­glaub­lich schwe­re Auf­ga­be. Es ist aber in ei­ner De­mo­kra­tie auch ei­ne so wich­ti­ge Auf­ga­be, die­se Kon­trol­leu­re zu kon­trol­lie­ren.

In Ih­ren Bü­chern sind die Bö­sen im­mer sehr bö­se und die Gu­ten ta­del­los. Trau­en Sie Ih­ren Le­sern nicht zu, Zwi­schen­tö­ne zu se­hen?

Fol­lett: Hmmm, ich se­he es eher nicht so. Die­se Cha­rak­te­re sind kom­pli­ziert. Und je­der Mensch hat auch ir­gend­wie ei­ne bö­se Sei­te. So ist die Welt nun ein­mal, und bö­se Men­schen sind oft ein­fach ab­grund­tief bö­se. Das heißt nicht, dass sie nicht auch char­mant sein kön­nen, wie et­wa Pier­re in mei­nem Buch, ein sehr char­man­ter und se­xy Mann. Und Ned ist nicht kom­plett ein Hei­li­ger. Er macht auch Din­ge, für die er sich schämt. Zum Bei­spiel ver­hört er ei­nen Ver­däch­ti­gen, wäh­rend im nächs­ten Raum ein an­de­rer un­ter der Fol­ter vor Schmer­zen schreit. Wir wür­den wohl al­le sa­gen, dass das ei­ne bos­haf­te Tat ist, aber er macht es. Er fühlt sich schlecht da­bei, macht es aber trotz­dem. Er ist kein Hei­li­ger.

Sie be­kom­men viel Fan­post. Aber wor­über be­schwe­ren sich Le­ser bei Ih­nen?

Fol­lett: Oh, in­ter­es­san­te Fra­ge! Am meis­ten be­schwe­ren sich die Leu­te ein­deu­tig über Sex­sze­nen. Ei­ni­ge mei­ner Le­ser wür­den es be­vor­zu­gen, die­se Tei­le nicht in den Bü­chern zu ha­ben, die meis­ten wol­len sie be­hal­ten, an­de­re wol­len so­gar mehr. Das ha­be ich in Ge­sprä­chen nach Le­sun­gen her­aus­ge­fun­den. An­de­re ha­ben Pro­ble­me mit grau­sa­men Sze­nen, mit Fol­ter. Ge­ra­de Frau­en sa­gen mir oft, dass sie die­se Stel­len über­blät­tern. Das tut mir ehr­lich leid, aber ich glau­be nicht, dass es rich­tig wä­re, sie ein­fach aus­zu­las­sen. Ich schrei­be oft über Ge­schich­te und da war all das all­ge­gen­wär­tig, Krieg, Ge­walt und Tod. Ich kann es nicht ein­fach igno­rie­ren.

Die letz­te Fra­ge muss na­tür­lich lau­ten: Woran ar­bei­ten Sie ge­ra­de?

Fol­lett: Ich ar­bei­te an ei­ner neu­en Ge­schich­te, aber ich bin noch ganz am An­fang und des­halb möch­te ich noch nichts dar­über sa­gen.

Aber es ist nicht, in Fort­set­zung ih­rer bis­he­ri­gen drei „Kings­bridge“-Ro­ma­ne, „Kings­bridge IV“? Fol­lett: (lacht) Nicht mal das ver­ra­te ich! In­ter­view: Chris Mel­zer, dpa

Ken Fol­lett wur­de 1949 in Wa­les ge­bo­ren, wuchs aber in En­g­land auf. Schon als jun­ger Jour­na­list schrieb er er­folg­reich Bü­cher. Der Durch­bruch kam 1990 mit „Die Säu­len der Er­de“. Fast im­mer ha ben sei­ne Ro­ma­ne ei­nen his­to­ri­schen Hintergrund, und das gilt auch für sein neu­es Buch, „Das Fun­da­ment der Ewig­keit“, er­schie­nen im Ver­lag Bas­tei Lüb­be (36 Eu­ro).

Fo­to: Lau­ra Ca­va­n­augh/Get­ty Images

Ver­gan­ge­ne Zei­ten sind sei­ne Spe­zia­li­tät als Schrift­stel­ler: Ken Fol­lett.

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