Wenn nach dem Ein­bruch die See­le lei­det

Ein Op­fer fin­det Hil­fe

Meppener Tagespost - - KREIS EMSLAND - Von Wil­fried Rog­gen­dorf * Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert

LIN­GEN. Ein­bruchsop­fer lei­den oft mehr un­ter den see­li­schen als den ma­te­ri­el­len Spu­ren, die die Tat hin­ter­lässt. Wie bei der Be­wäl­ti­gung das Pro­jekt „Zu­hau­se un(d)si­cher“hel­fen kann, schil­dert ei­ne Be­trof­fe­ne aus Lin­gen.

Ein paar Ta­ge war Ma­ria K.* über Pfings­ten ver­reist. Doch dem Kurz­ur­laub folg­te bei der Rück­kehr ein Schock. „Als ich die Woh­nungs­tür auf­ge­schlos­sen hat­te, sah ich schon im Flur her­aus­ge­ris­se­ne Schub­la­den und je­de Men­ge Sa­chen auf dem Bo­den lie­gen“, schil­dert die 65-jäh­ri­ge Rent­ne­rin den Mo­ment, der ihr Le­ben ver­än­dert hat.

„Vom Kel­ler bis zum Dach – al­les war durch­wühlt, und es herrsch­te ein Cha­os son­der­glei­chen“, er­in­nert sich die Rent­ne­rin. Der oder die Tä­ter hät­ten al­les im Haus an­ge­fasst: Un­ter­wä­sche, Hand­tü­cher, die Bet­ten und auch per­sön­li­che Un­ter­la­gen. „Im­mer wenn ich da­nach et­was be­rührt ha­be, was auch die Ein­bre­cher an­ge­fasst hat­ten, muss­te ich mir die Hän­de wa­schen“, sagt sie. Und an­zu­fas­sen gab es nach dem Ein­bruch viel: „Mit Ver­wand­ten ha­be ich das gan­ze Haus wie­der auf­ge­räumt.“

Der Wert des Die­bes­guts steht schnell fest. Mo­de­schmuck, et­was Sil­ber­schmuck, ei­ne Münz­samm­lung und ein gol­de­nes Arm­band ha­ben die Tä­ter mit­ge­hen las­sen. Den ma­te­ri­el­len Wert von rund 2000 Eu­ro be­zahlt die Ver­si­che­rung. Doch den ide­el­len Wert, zu­min­dest ei­nes Stücks, kann kei­ne Ver­si­che­rung er­set­zen. „Das gol­de­ne Arm­band ge­hör­te mei­nem ver­stor­be­nen Mann. Ich hat­te es im Haus, weil ich es en­ger ma­chen las­sen und dann sel­ber tra­gen woll­te.“

Die see­li­schen Fol­gen des Ein­bruchs in ihr Haus sind bei Ma­ria K. groß. Die ers­te Nacht da­nach schläft sie bei ei­nem Nach­barn. In den fol­gen­den Näch­ten über­nach­tet ihr Sohn im Haus: „Ich konn­te nicht schla­fen, weil ich stets Angst hat­te, ein Ein­bre­cher könn­te vor mei­nem Bett ste­hen.“Und wenn es abends bei ihr klin­gelt, oh­ne dass sich Be­such an­ge­kün­digt hat, ver­fällt Ma­ria K. heu­te noch in Pa­nik. „Die­ses Pro­blem muss ich lö­sen“, sagt sie.

Bei an­de­ren Pro­ble­men hilft ihr das Pro­jekt „Zu­hau­se un(d)si­cher“. Die­ses Pro­jekt des SKM Lin­gen, der Po­li­zei­in­spek­ti­on Ems­land/Graf­schaft Bent­heim, der JVA Lin­gen, des Wei­ßen Rings und der evan­ge­li­schen Ge­fäng­nis­seel­sor­ge stellt die In­ter­es­sen der Ein­bruchsop­fer in den Vor­der­grund. Zwei­mal hat Ma­ria K. be­reits an Tref­fen des Pro­jek­tes teil­ge­nom­men. „Nach dem Ein­bruch ha­be ich das Gan­ze tot­ge­schwie­gen. Ich woll­te das zu­nächst ein­fach nur al­les ver­ges­sen“, be­rich­tet die 65-Jäh­ri­ge. Doch schnell merkt sie: Das geht nicht. Seit sie an den Tref­fen teil­neh­me, sei sie – auch im Aus­tausch mit an­de­ren Ein­bruchsop­fern – of­fe­ner für das The­ma ge­wor­den. „Die Tref­fen ha­ben mir wie­der et­was mehr Ru­he ge­bracht“, er­klärt Ma­ria K.

Ge­nau dies ist der Zweck des Pro­jek­tes: „Bis­lang gibt es für Ein­bruchsop­fer kei­ne An­lauf­stel­len, in de­nen sie ih­re Nö­te und Sor­gen vor­tra­gen, sich mit an­de­ren Be­trof­fe­nen aus­tau­schen und schnel­le Hil­fen er­hal­ten kön­nen“, sagt Nils Freck­mann vom SKM. Aber den Op­fern soll auch die Angst bei­spiels­wei­se vor ei­nem Ge­richts­ver­fah­ren ge­nom­men wer­den: „Un­ser nächs­tes Tref­fen fin­det beim Amts­ge­richt statt. Dort wird ein Rich­ter vie­les zu Straf­ver­fah­ren und Stra­fe er­klä­ren.“Ober­kom­mis­sa­rin Hil­trud Fre­se von der Po­li­zei er­gänzt: „Wir wer­den uns auch mit dem The­ma Trau­ma be­fas­sen.“

Tech­nisch nach­ge­rüs­tet

Ei­ne Angst hat sie Ma­ria K. schon weit­ge­hend neh­men kön­nen: die vor dem Ein­dring­ling, der nachts vor ih­rem Bett steht. „75 Pro­zent al­ler Ein­brü­che wer­den zwi­schen 8 und 20 Uhr ver­übt“, sagt Fre­se. Die Tä­ter nutz­ten die Ab­we­sen­heit der Men­schen und wür­den die Kon­fron­ta­ti­on mit den Be­woh­nern ver­mei­den. Ins Haus von Ma­ria K. ein­zu­drin­gen, wird po­ten­zi­el­len Tä­tern in Zu­kunft so­wie­so schwe­rer fal­len: „Kurz nach dem Ein­bruch ha­be ich mich be­ra­ten las­sen und tech­nisch nach­ge­rüs­tet.“Dies ha­be ihr auch see­lisch ge­hol­fen.

Ma­ria K. fragt sich, was in den Tä­tern vor­geht: „Ich kann mir nicht vor­stel­len, wie ich sol­che Leu­te ein­schät­zen soll.“Ge­le­gen­heit, dies zu er­fah­ren, wür­de ein ge­plan­tes Tref­fen der Teil­neh­mer an „Zu­hau­se un(d) si­cher“mit ei­nem ver­ur­teil­ten Ein­bre­cher in der JVA Lin­gen bie­ten. Doch Ma­ria K. schwankt noch ein we­nig: „Ob ich an dem Tref­fen teil­neh­me, weiß ich noch nicht.“

Fo­to: ima­go/Jo­chen Tack

Wenn Ein­bre­cher al­les durch­wüh­len und an­fas­sen, kann das die Op­fer see­lisch be­las­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.