„Der Haupt­mann“star­tet im Ki­no

Ro­bert Schwent­kes „Der Haupt­mann“er­zählt die Ge­schich­te von Wil­li He­rold – und will sie nicht deu­ten

Meppener Tagespost - - VORDERSEITE - Von Da­ni­el Be­ne­dict

dab OS­NA­BRÜCK. Ein Ge­frei­ter ver­klei­det sich als Of­fi­zier – und rich­tet ein Mas­sa­ker an. Der Hol­ly­wood-Re­gis­seur Ro­bert Schwent­ke hat den Fall aus dem Ems­land zum Spiel­film ge­macht: „Der Haupt­mann“.

Ein Ge­frei­ter ver­klei­det sich als Of­fi­zier – und rich­tet ein Mas­sa­ker an. Der Hol­ly­wood-Re­gis­seur Ro­bert Schwent­ke hat den Fall aus dem Ems­land zum Spiel­film ge­macht: „Der Haupt­mann“.

OS­NA­BRÜCK. Im April 1945 fin­det der Ge­frei­te Wil­li He­rold ei­ne Of­fi­ziers­uni­form, gibt sich als Haupt­mann mit Füh­rer­voll­macht aus und lässt im Ems­land­la­ger II und drum her­um 172 Men­schen er­mor­den. Das Cha­ris­ma, das die­ses Rol­len­spiel er­mög­lich­te, muss enorm ge­we­sen sein. Noch im Ge­richt der bri­ti­schen Be­sat­zer, das sei­ne Ent­haup­tung be­schließt, zwin­kert He­rold dem Staats­an­walt zu. Jahr­zehn­te spä­ter spricht der Ju­rist be­dau­ernd von der glän­zen­den Zu­kunft, die die­ser jun­ge Mann hät­te ha­ben kön­nen – wenn er nicht ge­tö­tet hät­te.

In Ro­bert Schwent­kes „Der Haupt­mann“spürt man nichts von die­ser Aus­nah­me­per­sön­lich­keit. Das In­ter­view mit dem Staats­an­walt stammt aus der Do­ku „Der Haupt­mann von Muf­fri­ka“(Grim­me-Preis 1998) von Paul Mey­er und Ru­dolf Kerst­ing. Im ak­tu­el­len Spiel­film da­ge­gen spielt Max Hu­ba­cher die Ti­tel­fi­gur aus­drück­lich als „Leer­stel­le“– da­mit, so der Re­gis­seur im Ge­spräch, das Pu­bli­kum sich fragt, wie es sich 1945 selbst ver­hal­ten hät­te. Auf dem Pa­pier klingt das viel­leicht plau­si­bel, auf der Lein­wand führt es zu ei­ner Ge­schich­te, die zu ih­rer mons­trö­sen Fi­gur kei­ne Hal­tung ent­wi­ckelt. Ist Wil­li He­rold ein Jun­ge, den der Krieg ge­fühl­los ge­macht hat? Be­rauscht ihn die Macht? Ist er das grau­sa­me Re­sul­tat ei­nes blin­den Ob­rig­keits­den­kens oder das Werk­zeug ei­ner per­fi­den Na­zi-Bü­ro­kra­tie? In Schwent­kes Film ste­hen al­le Deu­tungs­an­sät­ze ne­ben­ein­an­der.

Die Er­öff­nungs­sze­ne baut noch auf Mit­ge­fühl mit He­rold: Als ver­meint­li­cher De­ser­teur wird er von den ei­ge­nen Leu­ten be­schos­sen, die Flucht führt ihn, halb ver­hun­gert, in ei­ne Scheu­ne, in der ein Mund­raub zum töd­li­chen Streit es­ka­liert. Das atem­lo­se Kriegs­dra­ma, als das „Der Haupt­mann“be­ginnt, sieht den Prot­ago­nis­ten als Op­fer der Um­stän­de. Selbst sei­ne ers­ten Mor­de be­geht er noch un­ter Zug­zwang, um als fal­scher Of­fi­zier nicht auf­zu­flie­gen – und dann wo­mög­lich selbst hin­ge­rich­tet zu wer­den. Ab dann wech­selt der Film öf­ter die Klei­der als der Hoch­stap­ler, um den es geht. Die Ta­ge im Ems­land­la­ger, wo die meis­ten von He­rolds Op­fern ster­ben, sind ei­ne fast schwank­haft er­zähl­te Sa­ti­re, die al­le Ver­tre­ter der Na­zi-Hier­ar­chi­en als Ty­pen ka­ta­lo­gi­siert – vom skru­pel­lo­sen Kar­rie­ris­ten bis zum ver­ant­wor­tungs­scheu­en Ses­sel­pu­per. Beim Bom­bar­de­ment des La­gers zer­platzt dann ein Mann wie ei­ne mit Blut ge­füll­te Was­ser­bom­be: Schwent­ke hat in Hol­ly­wood Ac­tion-Ko­mö­di­en wie „R.E.D.“ge­dreht. Und als He­rold für ei­ne Or­gie ins Gast­haus wei­ter­zieht, kippt al­les ins Sur­rea­le.

Schon das Pla­kat­mo­tiv setzt auf gro­ße Sym­bo­lik: Der an­ge­maß­te Of­fi­zier lässt sich hier von sei­nen Sol­da­ten in ei­ner ha­va­rier­ten Li­mou­si­ne zie­hen wie von den Skla­ven des Al­ter­tums. Ein star­kes Bild, aber wo­für soll es ste­hen? Mit dem ras­sis­ti­schen Grö­ßen­wahn der Na­zis hat die Cäsa­ren-Al­lü­re nichts zu tun; und zu He­rold, des­sen her­ri­sches Auf­tre­ten ihn vor al­lem als Of­fi­zier be­glau­bi­gen muss­te, passt der ex­zen­tri­sche Ein­fall auch nicht.

Am Schluss er­schreckt das „Schnell­ge­richt He­rold“im Stil ei­ner Mock­u­m­en­ta­ry so­gar noch die Pas­san­ten ei­ner heu­ti­gen Ein­kaufs­stra­ße. (Der von Gör­litz üb­ri­gens. Wenn in des­sen Bau­denk­ma­len von Ol­den­burg und Bremen die Re­de ist, rät­selt man, ob Schwent­ke über­haupt deut­sche Zu­schau­er adres­siert.) Aber selbst das führt kaum da­zu, dass man sich – wie er­wünscht – in die Ge­schich­te hin­ein­denkt.

Wer die Ab­grün­de des Da­bei­ge­we­sen­seins be­grei­fen will, muss statt­des­sen die Do­ku gu­cken. In ei­ner ih­rer un­heim­lichs­ten Sze­nen be­rich­tet ei­ne Zeit­zeu­gin, wie He­rold sie zum Op­fer ih­rer of­fen­bar auch se­xu­el­len Will­kür ge­macht hat­te. Mit­ten im In­ter­view wird sie mit ei­ner Aus­sa­ge kon­fron­tiert: Der zu­fol­ge hat sie selbst bei ei­ner der Mord­ak­tio­nen mit­ge­schos­sen. Sie er­in­nert sich nicht.

„Der Haupt­mann“. D/F/P 2017. R: Ro­bert Schwent­ke. D: Max Hu­ba­cher, Mi­lan Pe­schel, Fre­de­rick Lau. 119 Min. Ab 16. „Der Haupt­mann von Muf­fri­ka“, DVD, Ab­so­lut Me­di­en

Fo­to: Ju­lia M. Mül­ler/Welt­ki­no

Wil­li He­rold und sei­ne Ban­de: Max Hu­ba­cher (Zwei­ter von rechts) in Ro­bert Schwent­kes Film „Der Haupt­mann“.

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