Chem­nitz: Buh­ru­fe ge­gen Po­li­ti­ker

Bür­ger­ge­spräch mit Kret­sch­mer / Jus­tiz­be­am­ter sus­pen­diert / An­grif­fe auf Aus­län­der

Meppener Tagespost - - VORDERSEITE - dpa Rechts­ex­tre­mis­mus: mehr Tex­te da­zu auf noz.de/po­li­tik

Um Ver­trau­en in den Rechts­staat hat Sach­sens Re­gie­rungs­chef Micha­el Kret­sch­mer ges­tern Abend in Chem­nitz ge­wor­ben. Par­al­lel wa­ren Hun­der­te Men­schen dem Pro­test­auf­ruf der rechts­ge­rich­te­ten Initia­ti­ve „Pro Chem­nitz“ge­folgt.

CHEM­NITZ Be­glei­tet von ei­nem star­ken Po­li­zei­auf­ge­bot und schar­fen Kon­trol­len, ha­ben sich ges­tern Abend rund 900 Men­schen bei ei­ner Pro­test­kund­ge­bung der rechts po­pu­lis ti­schen Be­we­gung Pro Chem­nitz ver­sam­melt. Ober bür­ger­meis­te­rin Bar­ba­ra Lud­wig( SPD ), die im Ge­spräch mit Chem­nitz er Bür­gern zu To­le­ranz und Of­fen­heit ge­gen­über Aus­län­dern auf­ge­ru­fen hat, wur­de da­bei wie­der­holt von Buh­ru­fen un­ter­bro­chen.

Zu­vor hat­te das säch­si­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ei­nen Er­folg bei­der Su­che nach ei­ner un­dich­ten Stel­le bei den Be­hör­den ge­mel­det. Den im In­ter­net ver­öf­fent­lich­ten Haft­be­fehl ei­nes mut­maß­li­chen Tä­ters der Mes­ser­at­ta­cke von Chem­nitz hat of­fen­sicht­lich ein Dresd­ner Jus­tiz voll­zugs be­diens­te­ter wei­ter­ge­ge­ben. Der Mann sei mit so­for­ti­ger Wir­kung vom Dienst sus­pen­diert wor­den, teil­te das Mi­nis­te­ri­um mit.

Der Haft­be­fehl ge­gen ei­nen Be­schul­dig­ten im Fall des in Chem­nitz ge­tö­te­ten 35-jäh­ri­gen Deut­schen war im In­ter­net ver­öf­fent­licht wor­den. Das teil­wei­se ge­schwärz­te Do­ku­ment wur­de un­ter an­de­rem auf Sei­ten von Pro Chem­nitz, ei­nes AfD-Kreis­ver­bands so­wie des Pegida-Grün­ders Lutz Bach­mann ver­brei­tet.

Der Bre­mer Bür­ger­schafts­ab­ge­ord­ne­te Jan Tim­ke räum­te ein, das Do­ku­ment eben­falls wei­ter­ver­brei­tet zu ha­ben. Vor­wür­fe, er sei der Ur­he­ber der Ver­öf­fent­li­chung, wies er zu­rück. Tim­ke ist Bun­des­po­li­zist und Mit­glied der rech­ten Wäh­ler­ver­ei­ni­gung „Bür­ger in Wut“. Sein Di­enst­ver­hält­nis bei der Bun­des­po­li­zei ruht, so­lan­ge er in der Bür­ger­schaft sitzt.

Nach den töd­li­chen Mes­ser­sti­chen von Chem­nitz hält sich die Staats­an­walt­schaft un­ter­des­sen wei­ter mit De­tails zu den Hin­ter­grün­den der Ge­walt­tat be­deckt. Die An­kla­ge­be­hör­de mach­te ges­tern auf An­fra­ge kei­ne An­ga­ben zum Tat­mo­tiv und ging auch nicht auf Be­rich­te ein, wo­nach der Mes­ser­at­ta­cke ent­we­der ein Streit um Zi­ga­ret­ten oder ein ver­such­ter EC-Kar­ten-Raub vor­aus­ge­gan­gen ist. Die Po­li­zei hat­te von ei­ner ver­ba­len Aus­ein­an­der­set­zung be­rich­tet.

Bei dem Mes­ser­an­griff am Sonn­tag starb ein 35-jäh­ri­ger Deut­scher, zwei 33- und 38Jäh­ri­ge wur­den zum Teil schwer ver­letzt. Mitt­ler­wei­le wur­de ei­ner der Män­ner aus dem Kran­ken­haus ent­las­sen. Der drit­te Mann be­fin­de sich noch in sta­tio­nä­rer Be­hand­lung, schwe­be aber nicht in Le­bens­ge­fahr, teil­te die Staats­an­walt­schaft mit.

Als Tat­ver­däch­ti­ge sit­zen ein Ira­ker und ein Sy­rer in Un­ter­su­chungs­haft. Der fest­ge­nom­me­ne Ira­ker war nach An­ga­ben des säch­si­schen In­nen­mi­nis­te­ri­ums in Deutsch­land nicht ge­dul­det.

Der­weil sind bei zwei bru­ta­len An­grif­fen ein Sy­rer in Meck­len­burg-Vor­pom­mern und ein Eri­tre­er in Thü­rin­gen schwer ver­letzt wor­den. Der Sy­rer war nach Po­li­zei­an­ga­ben am Mitt­woch­abend auf dem Heim­weg von drei Un­be­kann­ten aus­län­der­feind­lich be­schimpft, mit ei­ner Ei­sen­ket­te ge­schla­gen und, am Bo­den lie­gend, ge­tre­ten wor­den. Die Po­li­zei nahm ei­nen 26-jäh­ri­gen Deut­schen fest. In Sondershausen sol­len laut Po­li­zei auch aus­län­der­feind­li­che Pa­ro­len ge­ru­fen wor­den sein. Es sei zu­nächst nur klar, dass es ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen meh­re­ren Per­so­nen un­ter­schied­li­cher Na­tio­na­li­tät am Mitt­woch­abend ge­ge­ben ha­be.

LAU­TE TA­GE IN CHEM­NITZ Die­ses Mal zeigt die Po­li­zei star­ke Prä­senz in Chem­nitz. Der Mi­nis­ter­prä­si­dent sucht den Dia­log mit Bür­gern, wäh­rend Rechts­po­pu­lis­ten er­neut de­mons­trie­ren. Un­ter­des­sen ver­lässt der Pegida-na­he LKA-Mann aus Sach­sen den Po­li­zei­dienst. Sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer muss ein Land in die Spur brin­gen, das wie­der ein­mal als Hoch­burg der Rechts­ex­tre­men Schlag­zei­len macht. Da­bei geht es auch um sei­ne ei­ge­ne po­li­ti­sche Zu­kunft.

DRES­DEN/CHEM­NITZ Gut ein Jahr vor der Land­tags­wahl in Sach­sen ist nur ei­nes si­cher – dass nichts si­cher ist. Die Aus­schrei­tun­gen von Chem­nitz nach ei­ner töd­li­chen Mes­ser­at­ta­cke tat­ver­däch­ti­ger Mi­gran­ten und die an­hal­ten­de Het­ze ge­gen Aus­län­der ha­ben den Druck auf den Frei­staat und sei­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Micha­el Kret­sch­mer (CDU) in den ver­gan­ge­nen Ta­gen mäch­tig er­höht.

Ges­tern Abend stell­te sich Kret­sch­mer aus­ge­rech­net im Chem­nit­zer Sta­di­on ge­mein­sam mit ei­nem Groß­teil sei­nes Ka­bi­netts ei­nem Bür­ger­ge­spräch. In Hör- und Sicht­wei­te zum Ver­an­stal­tungs­ort de­mons­trier­ten rund 900 Men­schen. Sie folg­ten da­mit ei­nem Auf­ruf der rechts­po­pu­lis­ti­schen Be­we­gung „Pro Chem­nitz“. Die De­mons­tran­ten skan­dier­ten „Hau ab, hau ab“. Auf ei­nem Ban­ner war zu le­sen: „Das Volk steht auf. Für die Zu­kunft un­se­rer Kin­der.“

Die Kund­ge­bung be­gann we­gen der an­hal­ten­den An­rei­se von Teil­neh­mern ver­spä­tet. Die Po­li­zei war mit ei­nem Groß­auf­ge­bot vor Ort, um neu­er­li­che Aus­schrei­tun­gen zu ver­hin­dern. An der Tür muss­ten sich al­le Be­su­cher ei­ner Ta­schen­kon­trol­le un­ter­zie­hen. Am Ran­de der Ver­an­stal­tung gab es ei­nen ers­ten klei­ne­ren Tu­mult. Ei­ne Frau, die am Ein­gang zum Sta­di­on ein Pla­kat mit dem Schrift­zug „Ge­gen Hass und Het­ze – Chem­nitz na­zi­frei“hoch­ge­hal­ten hat­te, wur­de von zwei an­de­ren äl­te­ren Frau­en laut­stark an­ge­gan­gen.

Die Chem­nit­zer Po­li­zei wur­de da­bei von Ein­satz­kräf­ten aus Bay­ern, Berlin, Hes­sen, Sach­sen-An­halt, Thü­rin­gen so­wie der Bun­des­po­li­zei und der säch­si­schen Be­reit­schafts­po­li­zei un­ter­stützt. Der Be­such Kret­sch­mers und sei­ner Ka­bi­netts­kol­le­gen war seit Län­ge­rem ge­plant. Er ist Teil der „Sach­sen­ge­sprä­che“, die seit An­fang des Jah­res in al­len Land­krei­sen und gro­ßen Städ­ten des Frei­staa­tes statt­fin­den. Zu dem Ge­spräch im Chem­nit­zer Sta­di­on wa­ren rund 500 Bür­ger zu­ge­las­sen wor­den. „Chem­nitz Na­zi­frei“hat­te we­gen der ge­fähr­de­ten Si­cher­heits­la­ge zu kei­ner Ge­gen­ver­an­stal­tung zu der Kund­ge­bung von „Pro Chem­nitz“auf­ge­ru­fen.

Kret­sch­mer warb beim „Sach­sen­ge­spräch“um Ver­trau­en in den Rechts­staat und ver­sprach ei­ne lü­cken­lo­se Auf­klä­rung der Vor­gän­ge der zu­rück­lie­gen­den Ta­ge. Es wer­de al­les ge­tan, um den Tod ei­nes 35-jäh­ri­gen Man­nes am Ran­de des Stadt­fes­tes auf­zu­klä­ren und zu süh­nen. „Die Müh­len der Jus­tiz mah­len manch­mal et­was lang­sam, aber sie ar­bei­ten sehr gründ­lich“, sag­te Kret­sch­mer. Es müs­se da­für ge­sorgt wer­den, dass nicht Halb­wahr­hei­ten, Stim­mungs­ma­che und Fa­ke News die Ober­hand ge­wän­nen. Grund­la­ge des Zu­sam­men­le­bens sei­en De­mo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit, be­ton­te Kret­sch­mer.

Der Re­gie­rungs­chef sag­te wei­ter, er wis­se, dass nicht al­le Chem­nit­zer rechts­ra­di­kal sei­en. Die Stim­mung in der Stadt am Sonn­tag und Mon­tag ha­be al­ler­dings da­zu ge­führt, „dass man­cher au­ßer Rand und Band“ge­ra­ten sei. Dies sei furcht­bar für die Stim­mung in der Stadt, al­le müss­ten dem ent­ge­gen­tre­ten.

„Kret­sch­mer ist in ge­wis­ser Hin­sicht ein ar­mer Hund, der für Feh­ler büßt, die im We­sent­li­chen an­de­re be­gan­gen ha­ben“, sagt un­ter­des­sen der Dresd­ner Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Wer­ner J. Pat­zelt. Kret­sch­mer rei­se viel im Land her­um und ma­che „Bel­la Fi­gu­ra“. Aber je­der wis­se, dass er un­ter sei­nen bei­den Vor­gän­gern Ge­ne­ral­se­kre­tär ge­we­sen sei – und da­mit nicht ganz un­be­tei­ligt am ak­tu­el­len Zu­stand der CDU. Pat­zelt, der selbst CDU-Mit­glied ist, hat sei­ner Par­tei in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der den Spie­gel vor­ge­hal­ten.

Zu den Ge­wiss­hei­ten die­ser Ta­ge, in de­nen Schlag­zei­len über Rech­te und Pan­nen bei Po­li­zei und Jus­tiz do­mi­nie­ren, ge­hört auch, dass die Zei­ten ab­so­lu­ter CDU-Herr­schaft in Sach­sen wohl vor­bei sind. In­zwi­schen wird der Frei­staat ge­nau­so lan­ge von Ko­ali­tio­nen re­giert wie zwi­schen 1990 und 2004 al­lein von der CDU. Doch es kommt für die Par­tei noch schlim­mer. Denn nach ak­tu­el­len Um­fra­gen braucht sie nach der Land­tags­wahl am 1. Sep­tem­ber kom­men­den Jah­res mehr als nur ei­nen Ko­ali­ti­ons­part­ner zum Wei­ter­re­gie­ren. Denk­bar wä­re nach den ak­tu­el­len Zah­len ein Ko­ali­ti­ons­quar­tett mit SPD, Grü­nen und FDP – wenn die Li­be­ra­len es in den Land­tag schaf­fen.

Bei ei­nem Stim­men­an­teil von 30 Pro­zent liegt die CDU ei­ner am Di­ens­tag ver­öf­fent­lich­ten Er­he­bung des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts In­fra­test di­map im Auf­trag des MDR zu­fol­ge der­zeit nur fünf Pro­zent­punk­te vor der AfD, die ihr bei der Bun­des­tags­wahl 2017 so­gar den Schneid ab­ge­kauft hat­te und stärks­te Kraft im Frei­staat ge­wor­den war. Da­hin­ter ran­gie­ren Lin­ke (18 Pro­zent), SPD (11), Grü­ne (6) und FDP (5). Ko­ali­tio­nen mit Lin­ken und AfD hat Kret­sch­mer be­reits aus­ge­schlos­sen. Und auch die Lin­ken wol­len sich mit der CDU nicht ins „ko­ali­tio­nä­re Bett“le­gen, wie es Lan­des­che­fin Ant­je Feiks aus­ge­drückt hat­te.

Die AfD hat da we­ni­ger Be­rüh­rungs­ängs­te. Par­tei­chef Jörg Ur­ban kann sich ei­ge­nen Wor­ten zu­fol­ge ein Bünd­nis gut vor­stel­len – vor al­lem mit der CDU als Ju­ni­or­part­ner.

Fo­to: AFP/Odd An­der­sen

Mit ei­ner Schwei­ge­mi­nu­te für den in Chem­nitz ge­tö­te­ten Mann be­ginnt ges­tern Abend das Bür­ger­ge­spräch mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer (links) im Sta­di­on.

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