„Aus­tausch mit den USA ist nö­ti­ger denn je“

Der Trans­at­lan­ti­sche Ko­or­di­na­tor der Re­gie­rung, Pe­ter Bey­er, über ei­ne „nicht zer­rüt­te­te, aber schwer be­las­te­te“Part­ner­schaft

Meppener Tagespost - - VORDERSEITE - Von Tho­mas Lud­wig

BERLIN Der Trans­at­lan­ti­sche Ko­or­di­na­tor der Bun­des­re­gie­rung rech­net nicht da­mit, dass sich die an­ge­spann­ten Be­zie­hun­gen zu den USA schnell wie­der nor­ma­li­sie­ren wer­den. „Es nützt lei­der we­nig, sich die gu­te al­te Zeit zu­rück­zu­wün­schen. Wir müs­sen auf­wa­chen und er­ken­nen, dass wir die aus­ge­tre­te­nen Pfa­de ver­gan­ge­ner Jahr­zehn­te nicht mehr so ein­fach be­schrei­ten kön­nen“, sag­te Pe­ter Bey­er (CDU), im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Trotz al­ler Miss­tö­ne brau­che es nun mehr denn je „ei­ne in­tel­lek­tu­el­le Frisch­zel­len­kur, ei­nen en­gen kul­tu­rel­len und mensch­li­chen Aus­tausch“.

BERLIN Als Trans­at­lan­ti­scher Ko­or­di­na­tor der Bun­des­re­gie­rung ist der CDUBun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Pe­ter Bey­er (47) ein wich­ti­ger Draht Ber­lins nach Wa­shing­ton – Grund ge­nug, ihn in sei­nem Bü­ro zu tref­fen.

Do­nald Trumps Statt­hal­ter in Berlin hat zum Amts­an­tritt mit un­di­plo­ma­ti­schen Äu­ße­run­gen über Deutsch­land Bür­ger und Po­li­ti­ker ver­är­gert. Wie macht sich Richard Gren­ell in­zwi­schen als US-Chef­di­plo­mat?

Er hat­te ei­nen schwie­ri­gen Start, an dem er selbst nicht un­be­tei­ligt war. Er hat sich die Kri­tik hier­zu­lan­de und auch aus den ei­ge­nen Rei­hen in Wa­shing­ton aber zu Her­zen ge­nom­men. Der Bot­schaf­ter scheint an­ge­kom­men, ist sehr an Land und Leu­ten in­ter­es­siert. Er geht in die Pro­vinz, dis­ku­tiert mit Schü­lern und lo­ka­len Un­ter­neh­mern. Er zeigt sich sehr lern­wil­lig. Gleich­wohl blei­ben die in­halt­li­chen Dif­fe­ren­zen be­ste­hen.

Wür­den Sie das deut­schame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis als zer­rüt­tet be­zeich­nen? Nein, das deutsch-ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis ist nicht zer­rüt­tet. Aber es ist schwer be­las­tet. Es kom­men ja durch­aus auch rich­ti­ge Hin­wei­se aus Wa­shing­ton, bei­spiels­wei­se wenn es um das Zwei-Pro­zent-Ziel bei der Na­to geht. Doch der Ton stimmt nicht. Wir brau­chen kei­nen US-Prä­si­den­ten, der im­mer wie­der mit dem Fin­ger auf uns zeigt. Es gibt De­fi­zi­te bei uns im Ver­tei­di­gungs­be­reich, da brau­chen wir nicht drum her­um­zu­re­den. Wir ha­ben als Na­toMit­glied die Zu­sa­ge ge­macht, uns bis 2024 dem Ziel zu nä­hern, zwei Pro­zent des BIP in die Ver­tei­di­gung zu ste­cken. Wir wer­den das aber nicht er­rei­chen. Das fin­de auch ich nicht gut. Aber na­tür­lich tun wir et­was. Wenn man die Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben vom Haus­halt 2014 hoch­pro­ji­ziert auf 2024, wer­den wir bis zu 80 Pro­zent in rea­lem Geld mehr aus­ge­ge­ben ha­ben, al­so vie­le, vie­le Mil­li­ar­den.

Das ist doch was…

Un­ter der von Fi­nanz­mi­nis­ter Scholz vor­ge­leg­ten Haus­halts­pla­nung kom­men wir bis 2024 aber al­len­falls auf et­was mehr als 1,2 Pro­zent des BIP für Ver­tei­di­gung. Das passt wie­der­um nicht zu dem Vor­schlag vom Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter, die trans­at­lan­ti­sche Part­ner­schaft mit ei­nem stär­ke­ren Eu­ro­pa neu aus­zu­ba­lan­cie­ren. Wir müs­sen für un­se­re ei­ge­ne Si­cher­heit mehr tun, das ist rich­tig. Das kos­tet aber auch mehr Geld. Da gibt es of­fen­bar noch viel Ab­stim­mungs­be­darf in der Re­gie­rung.

Was hal­ten Sie von der neu­en Ame­ri­ka-Stra­te­gie?

Wir dür­fen die Über­le­gun­gen von Hei­ko Maas nicht ver­wech­seln mit ei­ner neu­en Stra­te­gie der Bun­des­re­gie­rung ge­gen­über den USA. Der Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter hat wich­ti­ge Denk­an­stö­ße zu ei­nem wich­ti­gen The­ma ge­ge­ben, die in ei­ne rich­ti­ge Rich­tung ge­hen. Die Ant­wort auf Ame­ri­ca First muss Eu­ro­pe Uni­ted lau­ten. Aber bis zur ge­mein­sa­men Ar­mee der Eu­ro­pä­er bei­spiels­wei­se ist es noch weit. An den USA führt bis auf Wei­te­res kein Weg vor­bei. Das heißt aber doch nicht, dass Eu­ro­pa nicht zu mehr ei­ge­ner Kraft zur Ver­tei­di­gung fin­den soll­te.

Die FDP will dar­in ei­nen ge­wis­sen An­ti­ame­ri­ka­nis­mus aus­ge­macht ha­ben. Zu Recht?

Nein, das se­he ich über­haupt nicht. Wer in das Maas’ sche Pa­pier zur Neu­aus­rich­tung der trans­at­lan­ti­schen Be­zie­hun­gen An­ti­ame­ri­ka­nis­mus hin­ein­liest, liegt kom­plett da­ne­ben. We­der wen­den wir uns von den USA ab, noch wen­den wir uns ge­gen sie. Es muss doch er­laubt sein, kri­ti­sche Din­ge zu be­nen­nen.

Do­nald Trump hat Sank­tio­nen als na­he­zu ein­zi­ges au­ßen­po­li­ti­sches In­stru­ment sa­lon­fä­hig ge­macht, auch auf Kos­ten von Part­nern. Bei­spiel Iran-Ab­kom­men. Die USA ha­ben es ge­kün­digt und wol­len Staa­ten ab­stra­fen, die noch Ge­schäf­te mit Iran ma­chen. Ist das ziel­füh­rend?

Die­ser An­satz ist ver­hee­rend. So geht man im zi­vi­li­sier­ten 21. Jahr­hun­dert nicht mit­ein­an­der um. In der Re­gel iden­ti­fi­ziert man stra­te­gi­sche Part­ner, mit de­nen man ei­ge­ne In­ter­es­sen er­rei­chen möch­te. Part­ner vor den Kopf zu sto­ßen ist kon­tra­pro­duk­tiv. Die Mi­schung aus Recht des Stär­ke­ren, ex­ter­ri­to­ria­ler Wir­kung von Sank­tio­nen und Pro­tek­tio­nis­mus scha­det den USA öko­no­misch lang­fris­tig selbst und wird sie Jobs kos­ten. In­zwi­schen lau­fen ja so­gar Wirt­schafts­ver­bän­de und Un­ter­neh­men in Scha­ren Sturm ge­gen den ein­ge­schla­ge­nen Weg.

Un­ter­neh­men wie Daim­ler und Deut­sche Bahn ha­ben ih­re Ge­schäf­te im Iran we­gen des US-Drucks ein­ge­fro­ren. Zu Recht?

Ja, das kann ich nach­voll­zie­hen. Die Rech­nung ist re­la­tiv ein­fach. Wenn sie die Ge­schäfts­tä­tig­keit im Iran mit der in den USA ge­gen­rech­nen, liegt die Sa­che auf der Hand. Im Zwei­fel ent­schei­den sich Un­ter­neh­men für das Ame­ri­ka­ge­schäft.

Al­so kommt Trump mit sei­ner har­ten Hand durch. Ist das nicht ein trau­ri­ges po­li­ti­sches Si­gnal?

Die Un­ter­neh­men müs­sen se­hen, dass sie ihr Ge­schäft und da­mit Tau­sen­de Jobs si­chern. Sie tra­gen Ver­ant­wor­tung für zig­tau­send Mit­ar­bei­ter und auch für ih­re Ak­tio­nä­re. Da kann die Po­li­tik schlecht sa­gen: Na ja, wenn der USMarkt weg­bricht, da müsst ihr jetzt durch. Es ist nicht an uns, die Un­ter­neh­men zu schel­ten. Sie ha­ben recht mit der For­de­rung, Po­li­tik müs­se sie schüt­zen.

Fin­det die deut­sche Au­ßen­po­li­tik in Wa­shing­ton über­haupt noch Ge­hör?

Wir wer­den schon ge­hört. Manch­mal ist es aber schwie­rig, durch­zu­drin­gen mit un­se­ren An­lie­gen, das ist ein Boh­ren di­cker Bret­ter. In­halt­lich gibt es ein­fach zum Teil gra­vie­rend un­ter­schied­li­che Sicht­wei­sen. Bei­spiels­wei­se was die Las­ten­tei­lung in der Na­to an­geht oder die ge­plan­te Gas­pipe­line Nord­stream II, mit der rus­si­sches Gas durch die Ost­see nach Deutsch­land kom­men soll. Da sind wir schnell wie­der bei der Sank­tio­nie­rung der am Bau oder der Fi­nan­zie­rung be­tei­lig­ten Un­ter­neh­men. Der Streit um Nord­stream II ist nicht aus­ge­stan­den, da zie­hen durch­aus noch wei­te­re düs­te­re Wol­ken am Ho­ri­zont auf. Ich hal­te es nicht für aus­ge­schlos­sen, dass der Kon­gress hin­sicht­lich der Sank­tio­nen noch vor den Zwi­schen­wah­len ei­ne kla­re Spra­che spre­chen wird, die dann deut­sche und eu­ro­päi­sche Un­ter­neh­men be­trifft.

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Fo­to: Th. Lud­wig

Pe­ter Bey­er

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