Breit

Mindelheimer Zeitung - - Feuilleton - VON MICHA­EL SCHREI­NER mls@augs­bur­ger­all­ge­mei­ne.de

Wir le­ben in auf­ge­reg­ten Zei­ten. Es emp­fiehlt sich, sei­ne Wor­te wohl ab­zu­wä­gen. Schreibt man vom Breit­maul­frosch und dem Breitkopf, den­ken wo­mög­lich nicht mehr al­le an Am­phi­bi­en und den 3151 Me­ter ho­hen Berg in der Glock­ner­grup­pe über dem Kä­fer­tal, son­dern an die­sen Un­be­re­chen­ba­ren mit der ge­wal­ti­gen Brei­ten­wir­kung auf Twit­ter (un­ter kon­se­quen­ter Ver­mei­dung epi­scher Brei­te!) und der Vor­lie­be für vol­le Breit­sei­ten ge­gen Ver­bün­de­te. Mot­to: Un­ru­he ver­brei­ten und dann breit lä­cheln…

Blei­ben wir al­so dicht an dem un­schein­ba­ren Fünf­buch­sta­ben­wort, das sich im Deut­schen auf brei­ter Front breit­macht wie we­ni­ge an­de­re. Breit ge­fä­chert sind sei­ne Ein­satz­mög­lich­kei­ten, was auch dar­an liegt, dass breit so un­be­stimmt ist wie hoch oder tief. Man darf mit Recht be­haup­ten, dass es we­ni­ge Wör­ter gibt, die so breit auf­ge­stellt sind.

Wenn bei­spiels­wei­se da­von ge­spro­chen wird, auf der In­nen­mi­nis­ter­kon­fe­renz in Inns­bruck ha­be es „brei­te Zu­stim­mung“für das Pro­jekt der so­ge­nann­ten Aus­schif­fungs­platt­for­men ge­ge­ben, ist das ähn­lich in­ter­pre­ta­ti­ons­fä­hig wie die be­lieb­te For­mu­lie­rung, „brei­te Be­völ­ke­rungs­krei­se“sei­en für oder ge­gen et­was oder es be­ste­he ein „brei­ter Kon­sens“.

Wie weit reicht breit? Fin­ger­breit? Wie viel Breit­schla­gen­las­sen steckt in breit? Der Volks­mund sagt mit Goe­the, ge­tre­te­ner Quark wird breit und nicht stark. Rhe­to­risch schär­fer hat es Mon­tes­quieu aus­ge­drückt: „Wo es den Red­nern an Tie­fe fehlt, da ge­hen sie in die Brei­te.“Die­ses Prin­zip ken­nen wir auch aus dem Fuß­ball, wo die Tak­tik, ein Spiel in die Brei­te zu ver­la­gern, zu al­lem Mög­li­chen führt, bloß sel­ten zu Tref­fern, wie sie bei Päs­sen in die Tie­fe ge­lin­gen.

Es ist kein Zu­fall, dass breit in der Um­gangs­spra­che ei­ne ganz be­son­de­re Be­deu­tung hat. „Breit sein“heißt be­rauscht sein. Die meis­ten sind es von Al­ko­hol, man­che von sich selbst.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.