Ach, die Ma­ri­en­brü­cke

Neu­schwan­stein zieht je­den Tag tau­sen­de Be­su­cher an. Den bes­ten Blick auf das Schloss hat man hoch oben über der Pöl­latschlucht. Zwölf Mo­na­te lang wur­de der Steg sa­niert. Ei­ne Ge­schich­te über 44 Me­ter Ner­ven­kit­zel, ent­täusch­te Ur­lau­ber und ei­ne wa­ge­mu­ti­ge

Mittelschwaebische Nachrichten - - Die Dritte Seite - VON CLAU­DIA GRAF UND ANDREAS FREI

Mein lie­ber Mann, hat­te die Frau Ner­ven! „Stel­len Sie sich fol­gen­de Si­tua­ti­on vor“, sagt Magnus Peres­son, Chef des His­to­ri­schen Ver­eins Alt-Füs­sen – und sein Ki­chern deu­tet an, wie wich­tig ihm die­se An­ek­do­te ist. Al­so: Da steht Bay­erns Kö­ni­gin Ma­rie, zar­te 25 Jah­re jung, Berg­stei­ge­rin, ja Drauf­gän­ge­rin, an der Bau­stel­le der neu­en Ma­ri­en­brü­cke in Ho­hen­schwan­gau. Es ist das Jahr 1850, die ers­te Kon­struk­ti­on aus dem Jahr 1842 muss er­setzt wer­den. Ma­rie macht sich ein Bild von den Ar­bei­ten. Sie ist in Be­glei­tung ei­nes Herrn aus der De­le­ga­ti­on ih­res Sch­wa­gers, des grie­chi­schen Kö­nigs Ot­to, der ge­ra­de zu Be­such ist. Dann pas­siert’s.

Vor ihr: das Bau­ge­rüst, dar­auf auf 44 Me­tern Län­ge zwei Rei­hen Boh­len, zu­sam­men 75 Zen­ti­me­ter breit, kein Ge­län­der. Un­ter ihr: die Pöl­latschlucht mit dem mar­kan­ten Was­ser­fall, 90 Me­ter tief. Erst sagt die jun­ge Kö­ni­gin sinn­ge­mäß zu sich: „Ob es mich wohl trägt?“Dann zum Füs­se­ner Mau­rer­meis­ter Franz Fichtl: „Nicht wahr, Herr Mau­rer­meis­ter, Sie be­glei­ten mich doch.“

Ge­sagt, ge­tan. Schritt für Schritt. Links und rechts: der Tod. „Das

Neu­er Bo­den, an­de­rer Zu­gang und ein Dreh­kreuz

müs­sen Sie sich mal vor­stel­len“, sagt Peres­son noch ein­mal, mit der Be­geis­te­rung ei­nes Hob­by-His­to­ri­kers, der stolz dar­auf ist, auf ei­nen rich­ti­gen Schatz ge­sto­ßen zu sein. Um es ab­zu­kür­zen: So­wohl die Kö­ni­gin als auch der Fichtl Franz ha­ben den wag­hal­si­gen Aus­flug über das Pro­vi­so­ri­um über­lebt.

Wür­den sich heu­te we­ni­ger Leu­te auf die Brü­cke wa­gen, hät­ten sie die Ge­schich­te schon mal ge­hört? Wahr­schein­lich nicht. Der Blick von hier auf Schloss Neu­schwan­stein, den Forg­gen­see und das Hin­ter­land des Ost­all­gäus ist ein­fach zu gut, zu ver­füh­re­risch für die Hun­dert­tau­sen­den, die je­des Jahr die Kö­nigs­schlös­ser be­su­chen und die na­he Ma­ri­en­brü­cke als Zu­ga­be mit­neh­men – na­tür­lich mit Ge­län­der.

Man hört da­von, man liest da­von, ist aber vi­el­leicht nicht auf dem neu­es­ten Stand. Fährt hin. Schaut sich um. Ges­tern bei­spiels­wei­se. „Ma­ri­en­brü­cke“steht in wei­ßer, ge­schwun­ge­ner Schrift auf den blau­en Bus­sen, vor de­nen die Men­schen Schlan­ge ste­hen. Neu­schwan­stein ist nur ein paar Mi­nu­ten Fahr­zeit ent­fernt. Dann: End­hal­te­stel­le. Schloss: toll, gre­at, fan­tas­ti­co. Und die Ma­ri­en­brü­cke? Von we­gen. Statt­des­sen me­ter­lan­ge Bau­zäu­ne, Warn- und Ver­bots­schil­der, ei­ne gro­ße Ta­fel, auf der steht: Der Frei­staat Bay­ern sa­niert.

Ju­li­an Stitz und Re­bec­ca Gies aus in Hes­sen sind ein klei­nes biss­chen auch we­gen der Brü­cke her­ge­kom­men. „Ich war zwar schon öf­ter da“, sagt der 20-Jäh­ri­ge. Aber jetzt im Ur­laub woll­te er mal sei­ner gleich­alt­ri­gen Freun­din die atem­be­rau­ben­de Aus­sicht zei­gen. Dass sie die­se Chan­ce nun um ei­nen Tag ver­pas­sen, ist är­ger­lich. Auf der an­de­ren Sei­te: „Vi­el­leicht kom­men wir noch ein­mal“, sagt Stitz.

Auf den Tag ge­nau ein Jahr lang al­so Tou­ris­mus oh­ne Ma­ri­en­brü­cke. Das spek­ta­ku­lä­re Bau­werk hat ei­nen neu­en Bo­den­be­lag er­hal­ten, Zu­gangs­we­ge wur­den ver­än­dert, ein Dreh­kreuz soll künf­tig re­geln, wie vie­le Per­so­nen sich dar­auf auf­hal­ten. An­fangs war von 365000 Eu­ro Kos­ten die Re­de. Aber es gab Ver­zö­ge­run­gen, weil man aus Si­cher­heits­grün­den auch noch an den Fel­s­an­kern Hand an­ge­legt hat. So auf­wen­dig sa­niert wur­de die Brü­cke zu­letzt vor 35 Jah­ren. Wie teu­er das Gan­ze am En­de ge­wor­den ist, soll erst heu­te bei der Wie­der­er­öff­nung be­kannt ge­ge­ben wer­den.

Die gan­ze Zeit über war nur ein Blick aus der Fer­ne mög­lich. Fo­tos von der Brü­cke gin­gen erst kürz­lich durch die Me­di­en, als die Po­li­zei auf der Su­che nach zwei ver­schwun­de­nen chi­ne­si­schen Ur­lau­bern auch die Pöl­latschlucht durch­fors­te­te. Oh­ne Er­geb­nis. Bis heu­te tap­pen die Be­hör­den im Dun­keln.

Nun dür­fen Tou­ris­ten die Brü­cke wie­der be­tre­ten. CSU-Mi­nis­ter Mar­kus Sö­der gibt sie am Nach­mit­tag frei. Sö­der des­halb, weil sein Fi­nanz­res­sort für die Ver­wal­tung der baye­ri­schen Schlös­ser zu­stän­dig ist. Au­ßer­dem ver­spricht der Ter­min ei­ni­ge schö­ne Fo­to­mo­ti­ve, wo­ge­gen der Fran­ke er­fah­rungs­ge­mäß sel­ten et­was ein­zu­wen­den hat.

Viel gibt es für die Ar­bei­ter ges­tern of­fen­kun­dig nicht mehr zu tun. Nur ein paar Ham­mer­schlä­ge sind zu hö­ren. Je mehr man sich Neu­schwan­stein nä­hert, des­to lau­ter wird es, des­to grö­ßer wird der TruFul­da bel. Der ganz nor­ma­le Wahn­sinn im Hoch­som­mer. Brü­cke hin, Brü­cke her, das Mär­chen­schloss zieht.

Mit­ten­drin: ein sin­gen­der Kay Rein­hardt. Der Mitt­fünf­zi­ger hat am We­ges­rand ein schat­ti­ges Plätz­chen ge­fun­den. Er steckt in ei­nem his­to­ri­schen Ko­s­tüm mit brau­nem Hut, Woll­so­cken und San­da­len und hat sei­ne höl­zer­ne Dreh­lei­er auf dem Schoß. Ein wei­te­rer Hut liegt vor ihm auf dem Bo­den, ein paar sil­ber­ne und gol­de­ne Mün­zen lie­gen dar­in. Seit 2007 spielt der Künst­ler aus Rott am Lech im Kreis Lands­berg hier oben al­ter­tüm­li­che Lie­der. Jah­re­lang hat­te er ei­nen fes­ten Platz na­he der Ma­ri­en­brü­cke. Bis die Schloss­ver­wal­tung ihm 2014 das Mu­si­zie­ren ver­bot. Dass rund um Neu­schwan­stein we­der Sän­ger auf­tre­ten, noch Ma­ler ih­rem Ge­schäft nach­ge­hen dür­fen, konn­te der frü­he­re Mu­se­ums­lei­ter und freie Jour­na­list nicht nach­voll­zie­hen. Er reich­te ei­ne Pe­ti­ti­on im Land­tag ein und hat­te schließ­lich Er­folg: Fi­nanz­mi­nis­ter Sö­der ließ sich er­wei­chen. Ganz vom Tisch, sagt Rein­hardt, sei die Sa­che aber bis heu­te nicht. Es ge­be noch im­mer Dis­kus­sio­nen zwi­schen Schloss­ver­wal­tung und Künst­lern.

In den letz­ten Mo­na­ten war so­wie­so vie­les an­ders. „We­gen der Ein­schrän­kun­gen und gro­ßen Ver­bots­schil­der ist die Stim­mung ein biss­chen schlech­ter“, sagt Rein­hardt. Es sei­en spür­bar we­ni­ger Tou­ris­ten un­ter­wegs. Dass aus Si­cher­heits­grün­den auch die Pöl­latschlucht ge­sperrt ist und ei­ne be­kann­te Wan­der­rou­te über den Te­gel­berg und die Ma­ri­en­brü­cke so lan­ge nicht be­geh­bar war, „ist ei­gent­lich ei­ne Ka­ta­stro­phe“.

Ist das wirk­lich so? We­ni­ger Tou­ris­ten we­gen der ge­sperr­ten Brü­cke? Tho­mas Gün­ter, Mar­ke­ting­lei­ter des Wit­tels­ba­cher Aus­gleichs­fonds, will das nicht be­stä­ti­gen. Zwar wür­den vie­le Men­schen seit den An­schlä­gen von Pa­ris im No­vem­ber Se­hens­wür­dig­kei­ten mei­den, „aber mit der Ma­ri­en­brü­cke hat das über­haupt nichts zu tun“.

Ach, die Ma­ri­en­brü­cke. „Vie­le ver­lieb­te Paa­re ha­ben am Ge­län­der Schlös­ser mit ih­ren Initia­len zu­rück ge­las­sen“, so­ge­nann­te Lie­bes­schlös­ser, er­zählt Kay Rein­hardt, der Sän­ger, der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so man­chen ro­man­ti­schen Mo­ment aus der Nä­he mit­er­lebt hat. Kurz vor der Schlie­ßung im Au­gust 2015 bei­spiels­wei­se ist ein Paar ex­tra aus Ko­lum­bi­en an­ge­reist, um dort oben sei­ne Hoch­zeit zu ze­le­brie­ren.

Passt ja auch zur Ge­schich­te. Der spä­te­re Kö­nig Ma­xi­mi­li­an II. hat den höl­zer­nen Steg 1842 nicht nur bau­en las­sen, weil er den Weg hoch zum Schwan­gau­er Haus­berg, dem Te­gel­berg, ver­kür­zen woll­te. Die Brü­cke war auch ein Ge­schenk für sei­ne Braut Ma­rie, die er im sel­ben Jahr hei­ra­te­te. Am letz­ten Tag der Flit­ter­wo­chen, am 17. De­zem­ber, wur­de das Bau­werk ein­ge­weiht.

Die wei­te­ren Etap­pen kann Füs­sens Hei­mat­for­scher Peres­son im Schlaf her­un­ter­be­ten: 1850 Brü­cke Num­mer zwei, 1866 Num­mer drei, ei­ne neu­ar­ti­ge Ei­sen­kon­struk­ti­on, in Auf­trag ge­ge­ben von „Tech­ni­kF­reak“Lud­wig II., Ma­ries Sohn, ge­baut von der Vor­gän­ger­ge­sell­schaft der heu­ti­gen MAN. Zu ei­ner

Die Ein­woh­ner sa­gen: Zeit wird’s

Zeit, als der Mär­chen­kö­nig Neu­schwan­stein zwar schon im Kopf hat­te, die Grund­stein­le­gung aber erst drei Jah­re spä­ter er­folg­te. Der traum­haf­te Blick von der Brü­cke aufs Schloss war da al­so noch Il­lu­si­on. 1978 schließ­lich ein wei­te­rer Neu­bau. Und jetzt die Groß­sa­nie­rung.

„Zeit wird’s“, sagt Axel Rohr­bach drun­ten im Haupt­ort Schwan­gau. Tags­über, sagt der Mann, mei­de er ja ger­ne den „Hy­pe“rund um die Schlös­ser. „Aber das ist schon ein tol­ler Ort, an den man sei­ne Gäs­te führt oder wo man mit der Fa­mi­lie Fo­tos für die Oma macht.“Auch dem ge­bür­ti­gen Schwan­gau­er Ge­org Ort­hu­ber hat die Ma­ri­en­brü­cke ge­fehlt. Nicht nur, weil sie wich­tig für den Tou­ris­mus in der Re­gi­on sei. „Sie ge­hört zu Schwan­gau und zum Schloss ein­fach da­zu.“

Wie die vie­len, vie­len Ge­schich­ten dar­über auch. Lud­wig, so er­zählt man sich, soll ger­ne mal al­le Ker­zen im Schloss an­ge­zün­det ha­ben, um dann von der Ma­ri­en­brü­cke aus den Blick auf das er­leuch­te­te Ge­bäu­de zu ge­nie­ßen. Oder: Ei­ne Ver­eh­re­rin soll auf der Brü­cke ge­war­tet ha­ben, bis der Kö­nig ei­ne Ker­ze ans Fens­ter stellt – als Zei­chen sei­ner Zu­nei­gung. „Die Ge­schich­te al­ler­dings“, sagt Magnus Peres­son, und ki­chert dann wie­der, „die muss man nicht wirk­lich glau­ben.“

Ar­chiv­fo­to: Pe­ter Sa­mer

Ei­nes der letz­ten Bil­der, be­vor die Ma­ri­en­brü­cke im Au­gust 2015 ge­sperrt wur­de: Tou­ris­ten, die den Blick in Rich­tung Neu­schwan­stein ge­nie­ßen – oder zu­min­dest für ein Fo­to nut­zen. Zwölf Mo­na­te lang wur­de die Brü­cke sa­niert. Heu­te wird sie wie­der er­öff­net.

Fo­to: C. Graf

Hat­te jah­re­lang ei­nen fes­ten Platz na­he der Ma­ri­en­brü­cke: Kay Rein­hardt, der Bar­de von Neu­schwan­stein.

Fo­to: B. Sie­gert

Oben die Ma­ri­en­brü­cke, un­ten die Pöl­latschlucht, wo zu­letzt nach ver­miss­ten Chi­ne­sen ge­sucht wur­de.

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