Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (5)

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman -

Drei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

In ihm leb­te das Bild sei­nes wun­der­li­chen Va­ters in ei­ner Art ver­zer­ren­der Ver­grö­ße­rung wei­ter. Je­der Zug war zwar be­wahrt; aber das, was bei je­nem ur­sprüng­lich vi­el­leicht nur ei­ne Lau­ne ge­we­sen war, die ih­rer Ex­klu­si­vi­tät hal­ber kon­ser­viert und ge­stei­gert wur­de, hat­te sich in ihm zu ei­ner phan­tas­ti­schen Hoff­nung aus­ge­wach­sen. Je­ne Ei­gen­heit sei­nes Va­ters, die für die­sen im Grun­de ge­nom­men vi­el­leicht doch nur den ge­wis­sen letz­ten Schlupf­win­kel der In­di­vi­dua­li­tät be­deu­te­te, den sich je­der Mensch und sei es auch nur durch die Wahl sei­ner Klei­der schaf­fen muß, um et­was zu ha­ben, das ihn vor an­de­ren aus­zeich­ne, war in ihm zu dem fes­ten Glau­ben ge­wor­den, sich mit­tels un­ge­wöhn­li­cher see­li­scher Kräf­te ei­ne Herr­schaft si­chern zu kön­nen.

Tör­leß kann­te die­se Ge­sprä­che zur Ge­nü­ge. Sie gin­gen an ihm vor­bei und be­rühr­ten ihn kaum.

Er hat­te sich jetzt halb vom Fens­ter ab­ge­wandt und be­ob­ach­te­te Bein­eberg, der sich ei­ne Zi­ga­ret­te dreh­te.

Und er fühl­te wie­der je­nen merk­wür­di­gen Wi­der­wil­len ge­gen die­sen, der zu­zei­ten in ihm auf­stieg. Die­se schma­len dunk­len Hän­de, die eben ge­schickt den Ta­bak in das Pa­pier roll­ten, wa­ren doch ei­gent­lich schön. Ma­ge­re Fin­ger, ova­le, schön ge­wölb­te Nä­gel: es lag ei­ne ge­wis­se Vor­nehm­heit in ih­nen. Auch in den dun­kel­brau­nen Au­gen. Auch in der ge­streck­ten Ma­ger­keit des gan­zen Kör­pers lag ei­ne sol­che. Frei­lich, die Oh­ren stan­den mäch­tig ab, das Ge­sicht war klein und un­re­gel­mä­ßig, und der Ge­samt­ein­druck des Kop­fes er­in­ner­te an den ei­ner Fle­der­maus. Den­noch – das fühl­te Tör­leß, in­dem er die Ein­zel­hei­ten ge­gen­ein­an­der ab­wog, ganz deut­lich – wa­ren es nicht die häß­li­chen, son­dern ge­ra­de die vor­züg­li­che­ren der­sel­ben, die ihn so ei­gen­tüm­lich be­un­ru­hig­ten.

Die Ma­ger­keit des Kör­pers – Bein­eberg selbst pfleg­te die stahl­schlan­ken Bei­ne ho­me­ri­scher Wett­läu­fer als sein Vor­bild zu prei­sen – wirk­te auf ihn durch­aus nicht in die­ser Wei­se. Tör­leß hat­te sich dar­über bis­her noch nicht Re­chen­schaft ge­ge­ben, und nun fiel ihm im Au­gen­bli­cke kein be­frie­di­gen­der Ver­gleich ein. Er hät­te Bein­eberg gern scharf ins Au­ge ge­faßt, aber dann hät­te es die­ser ge­merkt, und er hät­te ir­gend­ein Ge­spräch be­gin­nen müs­sen. Aber ge­ra­de so – da er ihn nur halb an­sah und halb in der Phan­ta­sie das Bild er­gänz­te – fiel ihm der Un­ter­schied auf. Wenn er sich die Klei­der von dem Kör­per wegdach­te, so war es ihm ganz un­mög­lich, die Vor­stel­lung ei­ner ru­hi­gen Schlank­heit fest­zu­hal­ten, viel­mehr tra­ten ihm au­gen­blick­lich un­ru­hi­ge, sich win­den­de Be­we­gun­gen vor das Au­ge, ein Ver­dre­hen der Glied­ma­ßen und Ver­krüm­men der Wir­bel­säu­le, wie man es in al­len Darstel­lun­gen des Mar­ty­ri­ums oder in den gro­tes­ken Schau­bie­tun­gen der Jahr­marktsar­tis­ten fin­den kann.

Auch die Hän­de, die er ja ge­wiß eben­so­gut in dem Ein­dru­cke ir­gend­ei­ner form­vol­len Ges­te hät­te fest­hal­ten kön­nen, dach­te er nicht an­ders als in ei­ner fin­gern­den Be­weg­lich­keit. Und ge­ra­de an ih­nen, die doch ei­gent­lich das Schöns­te an Bein­eberg wa­ren, kon­zen­trier­te sich der größ­te Wi­der­wil­le. Sie hat­ten et­was Un­züch­ti­ges an sich. Das war wohl der rich­ti­ge Ver­gleich. Und et­was Un­züch­ti­ges lag auch in dem Ein­dru­cke ver­renk­ter Be­we­gun­gen, den der Kör­per mach­te. In den Hän­den schien es sich nur ge­wis­ser­ma­ßen an­zu­sam­meln und schien von ih­nen wie das Vor­ge­fühl ei­ner Be­rüh­rung aus­zu­strah­len, das Tör­leß ei­nen ek­li­gen Schau­er über die Haut jag­te. Er war selbst über sei­nen Ein­fall ver­wun­dert und ein we­nig er­schro­cken. Denn schon zum zwei­ten­mal an die­sem Ta­ge ge­schah es, daß sich et­was Ge­schlecht­li­ches un­ver­mu­tet und oh­ne rech­ten Zu­sam­men­hang zwi­schen sei­ne Ge­dan­ken dräng­te. Bein­eberg hat­te sich ei­ne Zei­tung ge­nom­men, und Tör­leß konn­te ihn jetzt ge­nau be­trach­ten. Er war tat­säch­lich kaum et­was zu fin­den, das dem plötz­li­chen Auf­tau­chen ei­ner sol­chen Ide­en­ver­knüp­fung auch nur ei­ni­ger­ma­ßen hät­te zur Ent­schul­di­gung die­nen kön­nen.

Und doch wur­de das Miß­be­ha­gen al­ler Un­be­grün­dung zu Trotz im­mer leb­haf­ter. Es wa­ren noch kei­ne zehn Mi­nu­ten des Schwei­gens zwi­schen den bei­den ver­stri­chen, und den­noch fühl­te Tör­leß sei­nen Wi­der­wil­len be­reits auf das äu­ßers­te ge­stei­gert. Ei­ne Grund­stim­mung, Grund­be­zie­hung zwi­schen ihm und Bein­eberg schien sich dar­in zum ers­ten Ma­le zu äu­ßern, ein im­mer schon lau­ernd da­ge­we­se­nes Miß­trau­en schien mit ei­nem Ma­le in das be­wuß­te Emp­fin­den auf­ge­stie­gen zu sein.

Die Si­tua­ti­on zwi­schen den bei­den spitz­te sich im­mer mehr zu. Be­lei­di­gun­gen, für die er kei­ne Wor­te wuß­te, dräng­ten sich Tör­leß auf. Ei­ne Art Scham, so als ob zwi­schen ihm und Bein­eberg wirk­lich et­was vor­ge­fal­len wä­re, ver­setz­te ihn in Un­ru­he. Sei­ne Fin­ger be­gan­nen un­ru­hig auf der Tisch­plat­te zu trom­meln.

End­lich sah er, um die­sen son­der­ba­ren Zu­stand los­zu­wer­den, wie­der zum Fens­ter hin­aus. Bein­eberg blick­te jetzt von der Zei­tung auf; dann las er ir­gend­ei­ne Stel­le vor, leg­te das Blatt weg und gähn­te.

Mit dem Schwei­gen war auch der Zwang ge­bro­chen, der auf Tör­leß ge­las­tet hat­te. Be­lang­lo­se Wor­te ran­nen nun voll­ends über die­sen Au­gen­blick hin­weg und ver­lösch­ten ihn. Es war ein plötz­li­ches Auf­hor­chen ge­we­sen, dem nun wie­der die al­te Gleich­gül­tig­keit folg­te.

,,Wie lan­ge ha­ben wir noch Zeit?“frag­te Tör­leß. ,,Zwei­ein­halb St­un­den.“Dann zog er frös­telnd die Schul­tern hoch. Er fühl­te wie­der die läh­men­de Ge­walt der En­ge, der es ent­ge­gen­ging. Der St­un­den­plan, der täg­li­che Um­gang mit den Freun­den. Selbst je­ner Wi­der­wil­le ge­gen Bein­eberg wird nicht mehr sein, der für ei­nen Au­gen­blick ei­ne neue Si­tua­ti­on ge­schaf­fen zu ha­ben schien.

,,Was gibt es heu­te zum Abend­es­sen?“

,,Ich weiß nicht.“

,,Was für Ge­gen­stän­de ha­ben wir mor­gen?“,,Ma­the­ma­tik.“,,Oh? Ha­ben wir et­was auf?“,,Ja, ein paar neue Sät­ze aus der Tri­go­no­me­trie; doch du wirst sie tref­fen, es ist nichts Be­son­de­res an ih­nen.“,,Und dann?“,,Re­li­gi­on.“,,Re­li­gi­on? Ach ja. Das wird wie­der et­was wer­den. Ich glau­be, wenn ich so recht im Zug bin, könn­te ich ge­ra­de so gut be­wei­sen, daß zwei­mal zwei fünf ist, wie daß es nur ei­nen Gott ge­ben kann.“

Bein­eberg blick­te spöt­tisch zu Tör­leß auf. ,,Du bist dar­in über­haupt ko­misch; mir scheint fast, daß es dir selbst Ver­gnü­gen be­rei­tet; we­nigs­tens glänzt der Ei­fer nur so aus den Au­gen.“

,,War­um nicht?! Ist es nicht hübsch? Es gibt im­mer ei­nen Punkt da­bei, wo man dann nicht mehr weiß, ob man lügt oder ob das, was man er­fun­den hat, wah­rer ist als man sel­ber.“,,Wie­so?“,,Nun, ich mei­ne es ja nicht wört­lich. Man weiß ja ge­wiß im­mer, daß man schwin­delt; aber trotz­dem er­scheint ei­nem selbst die Sa­che mit­un­ter so glaub­wür­dig, daß man ge­wis­ser­ma­ßen, von sei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken ge­fan­gen ge­nom­men, still­steht.“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.