Wo will die­ser Mann nur hin?

Horst See­ho­fer ist gut dar­in, zu re­den – und da­bei nichts aus­zu­schlie­ßen. Erst recht, wenn es um sei­ne ei­ge­ne Zu­kunft geht. Nun wird spe­ku­liert: Tritt er 2017 als CSU-Spit­zen­kan­di­dat bei der Bun­des­tags­wahl an? Und was heißt das al­les für Bay­ern?

Mittelschwaebische Nachrichten - - Die Dritte Seite - VON JÖRG SIG­MUND

Augs­burg Es ist für Horst See­ho­fer ei­ner der schö­ne­ren Ter­mi­ne in die­sen Ta­gen: Ho­tel Baye­ri­scher Hof in Mün­chen, Aus­zeich­nung mit dem Spar­lö­wen durch den Bund der Steu­er­zah­ler, ge­ball­te Pro­mi­nenz – und ei­ne viel­stim­mi­ge Lo­bes­hym­ne auf den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Das tut gut nach al­le­dem, was zu­letzt auf den 67-Jäh­ri­gen nie­der­ge­pras­selt ist. See­ho­fer ge­nießt es und ver­nimmt dann sicht­lich er­freut je­ne Bot­schaft, die der Öko­nom Han­sWer­ner Sinn am En­de sei­ner Lau­da­tio ins Pu­bli­kum ruft: „Ge­hen Sie in die Bun­des­po­li­tik, und zwar nach ganz oben. Deutsch­land und Eu­ro­pa brau­chen Ih­re Weit­sicht.“

Der Zeit­punkt für Sinns Ap­pell scheint per­fekt ge­wählt. Tags zu­vor hat See­ho­fer im ZDF-Som­mer­inter­view in Ber­lin nicht aus­ge­schlos­sen, dass er zur Bun­des­tags­wahl 2017 als Spit­zen­kan­di­dat sei­ner Par­tei an­tritt. Fra­gen, die be­son­ders span­nend sei­en, wür­den zwar erst nächs­tes Jahr be­ant­wor­tet, sag­te er da. Aber auf Nach­fra­ge, ob es pas­sie­ren könn­te, dass er und nicht Kanz­le­rin Angela Mer­kel (CDU) auf Pla­ka­ten in Bay­ern im Wahl­kampf zu se­hen sein wer­de, ant­wor­te­te See­ho­fer: „Na selbst­ver­ständ­lich.“

Zu­rück in Mün­chen: See­ho­fer be­tritt un­ter Bei­fall die Büh­ne und sagt zu Be­ginn sei­ner mehr als ein­stün­di­gen, völ­lig frei ge­hal­te­nen Re­de über die vor­aus­ge­gan­ge­nen Schmei­che­lei­en mit ei­nem Schmun­zeln: „Al­les, was Sie über mich ge­sagt ha­ben, ist rich­tig.“Der In­gol­städ­ter sagt die­sen Satz ger­ne. Doch an die­sem Tag passt er ir­gend­wie be­son­ders. Es ist ein alt­be­kann­tes Spiel See­ho­fers. Er äu­ßert sich so, dass nichts, aber auch gar nichts aus­ge­schlos­sen ist. Er lässt Spe­ku­la­tio­nen Raum, was auch ein wei­te­res Zi­tat in sei­ner Re­de un­ter­streicht. „Wenn mei­ne Amts­zeit vor­aus­sicht­lich 2018 en­det, wird Bay­ern fünf Mil­li­ar­den Eu­ro Schul­den zu­rück­ge­zahlt ha­ben.“See­ho­fer be­tont das „vor­aus­sicht­lich“. In­go Fried­rich, Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Wirt- schafts­se­nats, schließt die Preis­ver­lei­hung in Mün­chen mit den Wor­ten: „Wir ha­ben heu­te den bes­ten See­ho­fer al­ler Zei­ten er­lebt.“

Seit Wo­chen wird über die po­li­ti­sche Zu­kunft des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und CSU-Vor­sit­zen­den ge­rät­selt. Bleibt er über 2018 hin­aus Re­gie­rungs­chef in Bay­ern oder tritt er bei der Bun­des­tags­wahl 2017 tat­säch­lich als Spit­zen­kan­di­dat an? Die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne ti­tel­te so­gar „Kanz­ler See­ho­fer?“.

Zu dem Vor­halt, dass er an­ge­kün­digt ha­be, 2018, am En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode, auf­zu­hö­ren, sagt er jetzt: „2018 – das sind zwei Jah­re. Wer möch­te das vor­her­sa­gen.“Die Bun­des­tags­wahl sei im Sep­tem­ber 2017. „Ich will dem Schick­sal nicht ins Hand­werk pfu­schen.“Sei­ne Ab­sicht sei, ei­nen „or­ga­ni­schen Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel“in der CSU her­bei­zu­füh­ren. „Das heißt: mög­lichst im Ein­ver­neh­men mit Per­sön­lich­kei­ten, die den Er­folg der Par­tei fort­füh­ren kön­nen.“Es könn­ten je­doch Um­stän­de ein­tre­ten, dass Plä­ne nicht wie vor­ge­se­hen er­füllt wer­den kön­nen: „Aber ich wün­sche mir die­se Um­stän­de nicht.“

Es sind ge­nau die­se Sät­ze, die nichts aus­schlie­ßen und mit de­nen der CSU-Chef seit lan­gem ko­ket­tiert. Nach dem Mot­to „Un­si­cher­heit ver­brei­ten si­chert die ei­ge­ne Macht“lässt er sei­ne Plä­ne im Ne­bu­lö­sen.

der Op­ti­on Ber­lin hält sich See­ho­fer nun ei­ne wei­te­re Tür in die­sem Macht­spiel of­fen. Er wird bei der Bun­des­tags­wahl 68 Jah­re alt sein – es wä­re ei­ne spä­te Rück­kehr in die Bun­des­po­li­tik, die er die meis­te Zeit sei­nes po­li­ti­schen Le­bens be­trieb. 2008, als Ed­mund Stoi­ber ge­hen muss­te, fiel ihm der Wech­sel nach Mün­chen nicht leicht. „Ich ha­be es ge­tan, weil sich ei­ni­ge an­de­re nicht ei­nig wa­ren“, wie­der­holt er im­mer wie­der. Dass er als CSUVor­sit­zen­der ei­ne macht­po­li­ti­sche Grö­ße in Ber­lin blieb, mach­te ihm den Ent­schluss, Mi­nis­ter­prä­si­dent zu wer­den, ein­fa­cher.

Und nun al­so zu­rück von der Baye­ri­schen Staats­kanz­lei an den Ka­bi­netts­tisch in der Haupt­stadt? Soll­te er 2017 tat­säch­lich als Spit­zen­kan­di­dat sei­ner Par­tei an­tre­ten, dann müss­te er „auch glaub­wür­dig sa­gen, nach Ber­lin zu ge­hen“, heißt es in CSU-Krei­sen. „Er muss ei­ne kla­re Ant­wort ge­ben.“

Ei­ne kla­re Ant­wort hat­te See­ho­fer im Früh­jahr 2012 selbst vom da­ma­li­gen Bun­des­um­welt­mi­nis­ter Nor­bert Rött­gen ge­for­dert. Der CDUPo­li­ti­ker war Spit­zen­kan­di­dat sei­ner Par­tei in Nord­rhein-West­fa­len, ließ sich je­doch die Op­ti­on of­fen, bei ei­ner Nie­der­la­ge ins Ber­li­ner Mi­nis­te­ri­um zu­rück­zu­keh­ren, statt in NRW in die Op­po­si­ti­on zu ge­hen. Die CDU stürz­te auf 26,3 Pro­zent der Stim­men ab und ver­lor die Wahl kra­chend. See­ho­fer sag­te da­mals, Rött­gens Vor­sprung in Um­fra­gen sei in­ner­halb von sechs Wo­chen „weg­ge­schmol­zen wie ein Eis­be­cher in der Son­ne“. Es är­ge­re ihn, „dass sich Rött­gen den Not­aus­gang nach Ber­lin nicht zu­ge­macht hat“. Dies sei ein gro­ßer Feh­ler ge­we­sen.

See­ho­fer wird die­sen Feh­ler nun nicht selbst be­ge­hen, glau­ben sie in der CSU. Bei der Bun­des­tags­wahl an­zu­tre­ten, mit der Aus­sicht, im Fall ei­ner Nie­der­la­ge in Bay­ern ja Mi­nis­ter­prä­si­dent blei­ben zu kön­nen, sei un­denk­bar, sagt ein Par­tei­vor­de­rer. Franz Jo­sef Strauß (1980) und Ed­mund Stoi­ber (2002) hat­ten es ge­tan und ihr ge­won­ne­nes Bun­des­tags­man­dat wie­der zu­rück­ge­ge­ben. Die SPD im Baye­ri­schen Land­tag hat See­ho­fer re­flex­ar­tig zu ei­ner Klar­stel­lung auf­ge­for­dert. An­sons­ten droh­ten ei­ne „groß an­ge­leg­te Wäh­ler­täu­schung und durch­schau­ba­re Ma­nö­ver“, er­klär­te Frak­ti­ons­chef Mar­kus Rin­der­spa­cher. Mit „in­sze­nier­ten Thea­ter­stü­cken“sei es nicht ge­tan. Rin­der­spa­cher: „Wer A sagt, muss auch B sa­gen.“

Gleich­wohl stellt sich in der CSU die ernst­haf­te Fra­ge, wer denn Spit­zen­kan­di­dat und Zug­pferd bei der Bun­des­tags­wahl sein soll. Ger­da Has­sel­feldt, die es 2013 war, tritt nicht mehr an. Ge­gen Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt gibt es dem Ver­neh­men nach in­ner­par­tei­li­che Wi­der­stän­de, Ent­wickMit lungs­hil­fe­mi­nis­ter Gerd Mül­ler wer­de wohl kei­ne Mehr­heit in der CSU hin­ter sich ha­ben und bei Land­wirt­schafts­mi­nis­ter Chris­ti­an Schmidt stel­le sich die Fra­ge erst gar nicht. „Er hat nicht ein­mal das ei­ge­ne Kli­en­tel, die Bau­ern, auf sei­ner Sei­te“, heißt es in CSU-Rei­hen. Al­so doch See­ho­fer?

Aus­ge­schlos­sen ist nichts mehr. Auch des­halb nicht, weil es in der Par­tei er­heb­li­che Zwei­fel an der Po­li­tik von Angela Mer­kel gibt. Seit die Kanz­le­rin im ver­gan­ge­nen Herbst die Gren­ze für Flücht­lin­ge ge­öff­net hat, ist See­ho­fer die kon­ser­va­ti­ve Stim­me der Uni­on. Sei­ne Pro­tes­te ge­gen Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik sind längst kei­ne Tak­tik mehr. Das macht er auch bei je­der Ge­le­gen­heit deut­lich, um sich dann je­des Mal aufs Neue ge­gen Po­pu­lis­mus-Vor­wür­fe weh­ren zu müs­sen. Bei den Wäh­lern aber kommt das an: Sei­ne Po­pu­la­ri­täts­wer­te sind nach dem neu­es­ten „Deutsch­land­Trend“der ARD sprung­haft ge­stie­gen, Mer­kel ver­liert da­ge­gen zu­neh­mend an Rück­halt in der Be­völ­ke­rung.

In der CSU ge­be es längst zwei Strö­mun­gen, sa­gen sie in der Par­tei. Die­je­ni­gen, die Mer­kel wei­ter un­ter­stüt­zen wol­len, und die­je­ni­gen, die sich deut­lich von ihr ab­gren­zen. Fest­ge­macht wird dies auch an der Tat­sa­che, dass die CDU in den Um­fra­gen ab­stürzt, wäh­rend die CSU sta­bil ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit hält. See­ho­fer trei­be um, dass es für Schwarz-Rot in Ber­lin nicht mehr rei­chen könn­te, sagt ei­ner, der ihm ganz na­he ist. „Wir sind in ei­ner Si­tua­ti­on, in der ich gar nichts mehr aus­schlie­ßen kann.“Ei­nes ste­he je­doch fest: See­ho­fer will zwar „Front­mann“sein, aber nicht Kanz­ler wer­den.

Bei all der Dis­kus­si­on um ei­ne mög­li­che Spit­zen­kan­di­da­tur See­ho­fers bei der Bun­des­tags­wahl rückt völ­lig in den Hin­ter­grund, dass auch in Bay­ern ei­ne Fra­ge längst nicht be­ant­wor­tet ist: Bleibt See­ho­fer wo­mög­lich über das Jahr 2018 hin­aus Mi­nis­ter­prä­si­dent? Der Aus­gang ist of­fen. Er könn­te sich im Herbst 2017 als CSU-Vor­sit­zen­der be­stä­ti­gen und sich bei der Land­tags­wahl 2018 noch­mals als Zug­pferd ins Ge­schirr

„Deutsch­land und Eu­ro­pa brau­chen Ih­re Weit­sicht“ „Er hat ein gu­tes Ge­spür für die Chan­cen an­de­rer“

span­nen las­sen. An der Spit­ze der Ober­bay­ern-Lis­te könn­te er so ein gu­tes CSU-Er­geb­nis ein­fah­ren und da­mit viel­leicht die ab­so­lu­te Mehr­heit sei­ner Par­tei si­chern. Das al­les ist zur St­un­de Spe­ku­la­ti­on. Fakt ist, dass in den Mi­nis­te­ri­en des Frei­staats der Ein­druck wächst, See­ho­fer könn­te doch noch wei­ter­ma­chen, weil er „al­les an sich zie­he“. Auch aus der Staats­kanz­lei ist zu hö­ren, der Chef den­ke nicht an ei­nen Ab­schied. Wie­der an­de­re sa­gen, See­ho­fer ha­be zwar ein gu­tes Ge­spür für die Chan­cen an­de­rer. „Aber er ver­liert das Ge­spür, wenn es um ihn selbst geht.“

Tat­säch­lich gin­gen Amts­über­ga­ben in der Ge­schich­te der CSU sel­ten oh­ne schmerz­haf­te Er­fah­run­gen über die Büh­ne. Au­ßer­dem kann See­ho­fer die An­kün­di­gung, sei­ne bei­den Äm­ter – CSU-Chef und Mi­nis­ter­prä­si­dent – 2018 zur Ver­fü­gung zu stel­len, nicht ein­fach ei­gen­mäch­tig re­vi­die­ren. Ei­ni­ge Gran­den in der CSU müss­ten ihn schon dar­um bit­ten.

See­ho­fer selbst macht nun erst mal Ur­laub zu Hau­se im Alt­mühl­tal. Er wer­de die Som­mer­pau­se nach all den Stra­pa­zen, die nicht spur­los an ihm vor­bei­ge­gan­gen sind, nut­zen, um mit sich ins Rei­ne zu kom­men, sagt ein lang­jäh­ri­ger Weg­ge­fähr­te.

Fo­to: Mat­thi­as Balk, dpa

Auf­ge­merkt: Horst See­ho­fer unkt ein­mal mehr über sei­ne ei­ge­ne Zu­kunft. Kanz­ler­kan­di­dat? Mi­nis­ter­prä­si­dent auch nach 2018? Al­les scheint mög­lich.

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