Wie fle­xi­bel ist der Fle­xi­bus?

Das An­ge­bot will den Spa­gat zwi­schen in­di­vi­du­el­len Fahrt­wün­schen und der Pl­an­bar­keit von öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln schaf­fen. Ob das ge­lingt, hängt von ganz un­ter­schied­li­chen Din­gen ab

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Heimat - VON GER­TRUD AD­LASS­NIG

Land­kreis An­ru­fen, ein­stei­gen, mo­bil sein. Der Wer­be­slo­gan des Fle­xi­bus­ses kommt an. Im ver­gan­ge­nen Jahr nutz­ten 153000 Men­schen die klei­nen Busse. Der Er­folg der 2012 flä­chen­de­ckend ein­ge­führ­ten neu­ar­ti­gen Per­so­nen­be­för­de­rung ist un­zwei­fel­haft, selbst wenn nicht je­der Trans­port­wunsch er­füllt wer­den kann. Doch ge­ra­de auf dem Land war die An­bin­dung der Dör­fer über den Li­ni­en­ver­kehr bis vor we­ni­gen Jah­ren stre­cken­wei­se am ei­gent­li­chen Be­darf vor­bei­ge­lau­fen. Groß­raum­bus­se, die zu fes­ten Zei­ten auf fest­ge­leg­ten Rou­ten un­ter­wegs sind, kön­nen nur we­nig zu ei­ner ech­ten Mo­bi­li­tät der Land­be­völ­ke­rung bei­tra­gen, die in ex­trem ho­hem Ma­ße auf den In­di­vi­du­al­ver­kehr setzt.

Mo­bi­li­tät mit dem ÖPNV will und kann der Fle­xi­bus bie­ten. Das Ide­al: ein Klein­bus, der dann kommt, wenn ein ech­ter Be­darf da ist. Ei­ne ge­nia­le Idee, aus­ge­dacht von Bus­un­ter­neh­mer Jo­sef Brand­ner, der Ver­kehrs­kon­zep­te in ganz Bay­ern ent­wi­ckelt hat und es ver­stand, im Land­kreis die not­wen­di­gen Mit­strei­ter für das Vor­ha­ben zu ge­win­nen: sei­ne Kol­le­gen mit Li­ni­en­ge­neh­mi­gun­gen, denn oh­ne de­ren Zu­stim­mung ging nichts. Aber auch der Land­kreis und der Frei­staat, die die In­fra­struk­tur­ver­bes­se­rung um­set­zen muss­ten. „Es war“, er­in­nert sich die im Land­rats­amt für den ÖPNV zu­stän­di­ge Ani­ta Mül­ler, „ei­ne Si­sy­phus­ar­beit.“

Der Fle­xi­bus soll und darf den Li­ni­en nicht die Kun­den weg­neh­men, son­dern die Zwi­schen­zei­ten ab­de­cken. Das Land­rats­amt leg­te grund­sätz­li­che Leis­tungs­vor­ga­ben fest: 30-Mi­nu­ten-An­mel­de­frist, die Busse ver­keh­ren fle­xi­bel in­ner­halb von Wa­ben statt auf star­ren Li­ni­en, Kno­ten­punk­te und den Fahr­plan­rah­men. Prin­zi­pi­ell ist der Fle­xi­bus ein pri­vat­wirt­schaft­li­ches An­ge­bot, das nicht sub­ven­tio­niert wird. Der Land­kreis und der Frei­staat er­mög­li­chen le­dig­lich, den Fahr­preis güns­tig zu hal­ten.

Die Fahr­auf­trä­ge ge­hen im Call­cen­ter, mit dem die Fah­rer on­li­ne ver­bun­den sind, ein. Nur so kann über­haupt die 30-Mi­nu­ten-Vor­an­mel­dung funk­tio­nie­ren, ja manch­mal kann so­gar ei­ne kurz­fris­ti­ge An­fra­ge noch be­dient wer­den. Dann muss sich die Da­me an der Re­ser­vie­rung al­ler­dings gut aus­ken­nen im und die Blo­ckie­rung auf­he­ben, wenn sie durch die GPS-Ver­bin­dung mit den Fah­rern sieht, dass ein Fle­xi­bus in der Nä­he des Kun­den un­ter­wegs ist.

Das Call­cen­ter in Krum­bach ist der zen­tra­le Dreh- und An­gel­punkt des Fle­xi­bus-Sys­tems. In der per­fek­ten Trans­port­lo­gis­tik liegt die größ­te Her­aus­for­de­rung des Sys­tems. Die 30-Mi­nu­ten-Vor­lauf­zeit er­weist sich im All­tags­ge­schäft oft als from­mer Wunsch, das wis­sen die re­gel­mä­ßi­gen Fle­xi­bus­nut­zer nur all­zu gut. Es ist ein Spa­gat, den die be­tei­lig­ten Un­ter­neh­mer nicht im­mer und nicht oh­ne Mü­he voll­zie­hen kön­nen. Im Ta­ges­ge­schäft wer­den die Busse so gut ge­bucht, dass die Bus­fah­rer sel­ten Däum­chen dre­hend auf ei­nen kurz­fris­ti­gen Fahrt­ein­satz war­ten. Im­mer wie­der müs­sen auch lang­fris­tig an­ge­mel­de­te Trans­port­wün­sche ab­ge­wie­sen wer­den. Fa­mi­lie Clauß aus Krum­bach ge­hört zu den Kun­den, die schon mal ab­schlä­gi­ge Be­schei­de be­kom­men ha­ben.

Die Viel­nut­zer, die zahl­rei­che und The­ra­pie­ter­mi­ne ein­hal­ten müs­sen und aus me­di­zi­ni­schen Grün­den nicht mehr selbst Au­to fah­ren kön­nen, ge­hö­ren mit den un­ter 18-Jäh­ri­gen zur ty­pi­schen Fle­xi­bus­kli­en­tel. „Wenn 20 Pro­zent der An­fra­gen ab­ge­wie­sen wer­den, ob­wohl ich die Fahr­ten zwei Wo­chen im Vor­feld an­ge­mel­det ha­be, ist das pro­ble­ma­tisch“är­gert sich Horst Clauß. „Dass ich auf mei­ne Be­schwer­de dann aber ei­nen An­ruf be­kom­me und mir ge­sagt wird, das Zu­stan­de­kom­men von vier der fünf ge­wünsch­ten Fahr­ten sei doch sehr gut, ist das wirk­lich ein Witz. Das sind im­mer­hin 20 Pro­zent, die nicht durch­ge­führt wer­den. An­de­rer­seits pas­siert es, dass zwei Busse ab­so­lut par­al­lel fah­ren. Das muss doch nicht sein. Ich ver­mu­te, das ei­gent­lich sehr gu­te Sys­tem hakt in der Lo­gis­tik.“Jo­sef Brand­ner und Pe­tra Wendt-Ma­isch neh­men die Be­schwer­de ernst und wür­den ger­ne den Ur­sa­chen für Ver­är­ge­run­gen von Kun­den auf den Grund ge­hen. „Nur so kön­nen wir Feh­ler im Sys­tem ab­stel­len und uns wei­ter op­tiSys­tem mie­ren. Wir be­nö­ti­gen da­zu al­ler­dings ganz ge­naue An­ga­ben, um al­le Fak­to­ren ab­glei­chen zu kön­nen“, er­klärt Pe­tra Wendt-Ma­isch. „Die Kun­den­zu­frie­den­heit steht bei uns an obers­ter Stel­le“, ver­si­chert der Un­ter­neh­mer Brand­ner.

Nach der in­ter­nen Sta­tis­tik kom­men pro Tag zwei bis drei Fahr­ten in­ner­halb der To­le­ranz­gren­ze von ei­ner St­un­de nicht zu­stan­de. Je­de nicht ge­leis­te­te Fahrt ist für die Wahr­neh­mung des Ein­zel­kun­den är­ger­lich und für den Be­trei­ber ein wirt­schaft­li­cher Fak­tor. Des­halb wird in der Or­ga­ni­sa­ti­on des Fle­xi­bus­ses viel Wert auf Op­ti­mie­rung ge­legt.

Die Lo­gis­tik des Call­cen­ters re­gis­triert je­den An­ruf, die an­ge­frag­ten Or­te und Zei­ten, das Zu­stan­de­kom­men von Fahr­ten und den Grund bei Ab­sa­gen. Es kann auf Knopf­druck auch ge­nau auf­zei­gen, wie vie­le Per­so­nen an wel­chem Tag wo trans­por­tiert wur­den. „Die Be­darfs­pla­nung ist ein we­sent­li­cher Be­stand­teil un­se­rer Ar­beit. Wir müs­sen die lau­fend er­ho­be­nen DaArzt- ten her­neh­men und mit den ge­gen­wär­ti­gen Um­stän­den kom­bi­nie­ren: Der Ein­fluss von Wet­ter, ge­sell­schaft­li­chen An­ge­bo­ten, Jah­res­zeit, Ur­laubs­zeit und vie­ler an­de­rer Pa­ra­me­ter auf die Be­darfs­struk­tur ist rie­sig. Und da­nach set­zen wir die Busse ein“, er­klärt Brand­ner. Das Fle­xi­bus­sys­tem muss wirt­schaft­lich ar­bei­ten, um Be­stand ha­ben zu kön­nen. Zu vie­le Busse in War­te­schlei­fen sind ein ho­her Kos­ten­fak­tor für den Trans­port­un­ter­neh­mer, eben­so wie un­nö­ti­ge Dop­pel­fahr­ten.

Um­so mehr hängt der Er­folg des in­di­vi­dua­li­sier­ten öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs von der ge­konn­ten Rou­ten­ein­tei­lung ab: Der Fle­xi­bus lebt vom Call­cen­ter mit sei­nem aus­ge­fuchs­ten Re­ser­vie­rungs- und Ana­ly­se­pro­gramm. In ihm ver­su­chen zwölf Mit­ar­bei­ter an 365 Ta­gen im Jahr ei­nen mög­lichst kun­den­freund­li­chen Be­för­de­rungs­ser­vice zu or­ga­ni­sie­ren und im Ge­spräch mit dem Kun­den wenn nicht die per­fek­te, so doch ei­ne zeit­na­he und preis­wer­te Trans­port­mög­lich­keit im Fle­xi­bus zu fin­den.

Ar­chiv­fo­to: Bern­hard Weiz­enegger

Mit ei­nem Klein­bus die Mo­bi­li­tät auf dem Land ver­bes­sern: Das ist die Idee des Fle­xi­bus­ses. Die Be­trei­ber be­mü­hen sich, je­de Fahrt zu er­mög­li­chen – das klappt oft, aber nicht im­mer.

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