Arzt soll „Ku­schel­d­ro­ge“in Kli­nik ge­stoh­len ha­ben

„Ko­mi­sches“Ver­hal­ten und kei­ne Do­ku­men­ta­ti­on: Das Pfle­ge­per­so­nal in­for­mier­te die Chefs über den Me­di­zi­ner

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Heimat - VON WOLF­GANG KAH­LER

Günz­burg In ein­schlä­gi­gen Krei­sen gilt das Me­di­ka­ment als „Ku­schel­d­ro­ge“, denn es soll die Man­nes­kraft stär­ken. Es wird aber auch als Be­ru­hi­gungs­mit­tel ver­wen­det. Ein Fach­arzt ha­be sich das Me­di­ka­ment in ei­ner Kli­nik im Kreis Günz­burg or­ga­ni­siert, wirft ihm die Staats­an­walt­schaft vor, min­des­tens 15 Am­pul­len. Der 49-jäh­ri­ge Anäs­the­sist soll die­se im Wert von 300 Eu­ro aus der In­ten­siv­sta­ti­on ge­stoh­len ha­ben, so der Vor­wurf. Da hak­te der Ver­tei­di­ger zum Auf­takt der Ver­hand­lung am Amts­ge­richt Günz­burg gleich ein. Sein Man­dant sei zum ei­nen nicht fest an­ge­stell­ter Arzt in dem Kran­ken­haus und an­de­rer­seits sei der Wert der Me­di­ka­men­te we­sent­lich nied­ri­ger an­zu­set­zen, sag­te Rechts­an­walt Tho­mas Trapp.

Das sei kein Dieb­stahl ge­we­sen, wehr­te sich der An­ge­klag­te – viel­mehr brau­che er das Me­di­ka­ment in „Dring­lich­keits­si­tua­tio­nen“und müs­se es des­halb bei sich ha­ben. Das Per­so­nal hat­te den Fehl­be­stand im Me­di­ka­men­ten­schrank An­fang die­ses Jah­res be­merkt und die Ge­schäfts­füh­rung in­for­miert. Dar­auf­hin wur­de die Po­li­zei ein­ge­schal­tet und die wur­de fün­dig: In der Klei­dung des Arz­tes ent­deck­ten die Be­am­ten zwei Pa­ckun­gen mit zehn Am­pul­len des phar­ma­zeu­tisch als Som­sa­nit be­zeich­ne­ten Prä­pa­rats. Im Pen­si­ons­zim­mer des Anäs­the­sis­ten – der im Kran­ken­haus von ei­ner Per­so­nal­ver­mitt­lung im Di­enst ein­ge­setzt wur­de – fand die Po­li­zei wei­te­re fünf lee­re Am­pul­len. Sein Man­dant ha­be das Me­di­ka­ment re­gel­mä­ßig bei Pa­ti­en­ten ein­ge­setzt, ar­gu­men­tier­te der Ver­tei­di­ger. „Das war wohl ein et­was sorg­lo­ser Um­gang“, mein­te der An­walt. Sein Man­dant ha­be das Me­di­ka­ment aber nie selbst ge­nom­men, ha­be da­für auch kei­nen Grund ge­habt.

Der Zu­griff war leicht. Das Me­di­ka­ment war in ei­nem für je­den zu­gäng­li­chen Schrank auf der Sta­ti­on, sag­te der An­ge­klag­te auf Fra­ge von Rich­te­rin Fran­zis­ka Braun, wie das Me­di­ka­ment auf­be­wahrt wor­den sei. Die Ent­nah­me muss­te nicht do­ku­men­tiert wer­den, die Ver­ab­rei­chung an Pa­ti­en­ten da­ge­gen schon. Das soll­te zwar sein, aber „bei ei­nem Not­fall kann es schon mal ver­ges­sen wer­den“, räum­te der An­ge­klag­te ein. Der Vor­teil des Me­di­ka­ments sei, dass es schnell be­ru­hi­gend wir­ke. Nach zwei St­un­den las­se die Wir­kung be­reits nach und es ge­be kei­ne ne­ga­ti­ven Ef­fek­te, sag­te der Anäs­the­sist. Das Mit­tel fällt nicht un­ter das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz, stell­te Rich­te­rin Braun fest, wer­de aber sti­mu­lie­rend ein­ge­setzt.

Der An­ge­klag­te war in der Kli­nik auf der In­ten­siv­sta­ti­on im Be­reit­schafts­dienst und im Nacht­dienst ein­ge­setzt, be­stä­tig­te der frü­he­re Ge­schäfts­füh­rer als Zeu­ge. Er sei im Ja­nu­ar vom Pfle­ge­dienst über den Fehl­be­stand des Som­sa­nit in­for­miert wor­den. Was ihm aber we­gen der hoch­kom­ple­xen Fäl­le in der Kli­nik be­son­ders gro­ße Sor­ge be­rei­te­te, war die Aus­sa­ge des Pfle­ge­per­so­nals, der Arzt ha­be sich nachts manch­mal „ko­misch“ver­hal­ten und nicht auf An­spra­che von Schwes­tern re­agiert. Au­ßer­dem sei kei­ne Do­ku­men­ta­ti­on vor­han­den. So ha­be sich der Ver­dacht ge­gen den Me­di­zi­ner er­här­tet, sag­te der Zeu­ge, und er ha­be den Chef­arzt in­for­miert.

Im Un­ter­schied zu den rich­ti­gen Be­täu­bungs­mit­teln, die in ei­nem ver­schlos­se­nen Schrank lie­gen, sei das Som­sa­nit frei zu­gäng­lich. Ob es üb­lich sei, dass ein Arzt das Me­di­ka­ment bei sich in der Ta­sche ha­be, frag­te Rich­te­rin Braun. Das kön­ne er nicht be­ant­wor­ten, sag­te der Zeu­ge, da­zu müs­se ein Me­di­zi­ner ge­hört wer­den. Zu­min­dest aber wis­se er, dass die­ses spe­zi­el­le Me­di­ka­ment ganz sel­ten ver­ab­reicht und üb­li­cher­wei­se nur als Re­ser­veme­di­ka­ment ver­wen­det wer­de.

Som­sa­nit wird auch „Li­quid Ecs­ta­sy“ge­nannt. Es wird un­ter an­de­rem in der Chir­ur­gie, aber auch als Do­ping­mit­tel im Sport ein­ge­setzt, gilt aber eben­so als Par­ty­dro­ge mit aphro­di­sie­ren­der Wir­kung. Som­sa­nit ist ein ver­schrei­bungs­pflich­ti­ges Me­di­ka­ment.

Weil sie me­di­zi­ni­scher Laie sei, so die Rich­te­rin, hal­te sie es für ge­bo­ten, den lei­ten­den Anäs­the­sis­ten als Sach­ver­stän­di­gen zu hö­ren. Der Ver­tei­di­ger ver­such­te, das Ver­fah­ren ab­zu­kür­zen. Er ver­wies auf den ge­rin­gen ma­te­ri­el­len Scha­den und plä­dier­te auf Ein­stel­lung des Pro­zes­ses. Da in solch ei­nem Fall min­des­tens ei­ne Geld­auf­la­ge fäl­lig wird, sei es frag­lich, ob dies für den An­ge­klag­ten vor­teil­haft ist, mein­te Rich­te­rin Braun. Die Staats­an­walt­schaft ließ sich auf den De­al oh­ne­hin nicht ein. Nach Rück­fra­ge beim Ober­staats­an­walt wur­de ei­ne Ein­stel­lung auf­grund der Wich­tig­keit des Be­ru­fes und der Stel­lung des An­ge­klag­ten ab­ge­lehnt. „Dann wird wei­ter er­mit­telt“, sag­te die Rich­te­rin, die jetzt den Fach­arzt als Zeu­gen lädt, und setz­te die Ver­hand­lung aus.

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