Die Flücht­lings­fra­ge ent­schei­det über Mer­kels po­li­ti­sches Schick­sal

Das An­se­hen der Kanz­le­rin hat ge­lit­ten. Die Spit­zen­kan­di­da­tur für die Bun­des­tags­wahl 2017 kann ihr nie­mand strei­tig ma­chen – auch See­ho­fer nicht

Mittelschwaebische Nachrichten - - Meinung & Dialog - VON WAL­TER ROL­LER ro@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Um­fra­gen über die Be­liebt­heit des po­li­ti­schen Füh­rungs­per­so­nals sind Mo­ment­auf­nah­men. Wer heu­te in der Gunst des Pu­bli­kums weit oben steht, kann mor­gen schon ins Hin­ter­tref­fen ge­ra­ten. Des­halb soll­te auch der Ab­sturz der Kanz­le­rin, die zu­letzt nur noch ei­ne Zuf­rie­den­heits­quo­te von 47 Pro­zent er­ziel­te, nicht über­be­wer­tet wer­den. An­ge­la Mer­kel, die gro­ße Sie­ge­rin von 2013, ver­fügt wei­ter über ei­nen be­mer­kens­wer­ten Rück­halt. Auch im elf­ten Jahr ih­rer Kanz­ler­schaft ist nichts von je­nem Über­druss zu spü­ren, der Hel­mut Kohl in den letz­ten sei­ner 16 Amts­jah­re ent­ge­gen­schlug. Die CDU-Vor­sit­zen­de zehrt von dem Ver­trau­ens­kre­dit, den sie als Kri­sen­ma­na­ge­rin und Welt­staats­frau er­wor­ben hat. Und es gibt, we­der in den ei­ge­nen Rei­hen noch in der SPD, ei­ne Per­sön­lich­keit, die mit bes­se­ren Aus­sich­ten in den nächs­ten Wahl­kampf zie­hen könn­te.

Mer­kels star­ke Po­si­ti­on in der Uni­on kommt ja auch da­her, dass die CDU über kei­nen ad­äqua­ten Er­satz ver­fügt und sich ganz in die Hän­de der Kanz­le­rin be­ge­ben hat. Sie ist nun mal die Frau, die am ehes­ten für den Er­halt der Macht bürgt. Wenn sie, wor­auf al­les hin­deu­tet, 2017 noch ein­mal an­tre­ten will, kann und wird ihr nie­mand – auch See­ho­fer nicht – die Spit­zen­kan­di­da­tur strei­tig ma­chen. CDU und CSU sind zwar wei­ter aus­ein­an­der als je­mals zu­vor; ins­be­son­de­re die Flücht­lings­fra­ge hat die Schwes­tern ent­zweit. Vor dem le­bens­ge­fähr­li­chen Ri­si­ko je­doch, ge­trennt zu mar­schie­ren und den Streit bis zum Bruch zu trei­ben, scheu­en bei­de zu­rück. Die CSU braucht die CDU, um im Bund wirk­lich mit­re­den zu kön­nen. Die CDU braucht die CSU, weil die Bay­ern ein Fünf­tel der Stim­men ein­brin­gen und See­ho­fer als kon­ser­va­ti­ve Leit­fi­gur der deut­schen Po­li­tik die von Mer­kel ent­täusch­ten Uni­ons­an­hän­ger bei der Stan­ge hal­ten soll. Al­so wird man sich bei­zei­ten ar­ran­gie­ren und ge­mein­sam ver­su­chen, 2017 die mit Ab­stand stärks­te Kraft zu blei­ben und so das Kanz­ler­amt zu ret­ten – sei es mit Hil­fe der SPD, sei es in ei­ner Ko­ali­ti­on mit den von Mer­kel fa­vo­ri­sier­ten Grü­nen.

Ob die­se Rech­nung auf­geht, hängt in ho­hem Ma­ße von der Zug­kraft der Kanz­le­rin ab. Nie­mand weiß, wie es dar­um im Herbst 2017 be­stellt sein wird. Si­cher ist: Das An­se­hen der Kanz­le­rin hat arg ge­lit­ten. Zwei Drit­tel der Deut­schen sind mit ih­rer Flücht­lings­po­li­tik wei­ter­hin nicht ein­ver­stan­den, ob­wohl die Zahl der Neu­an­kömm­lin­ge dras­tisch ge­sun­ken ist und Mer­kel ope­ra­tiv in vie­lem auf die Li­nie der CSU ein­ge­schwenkt ist. Die Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen war eben ein schwe­rer Feh­ler, weil sie oh­ne Rück­sicht auf die Mei­nung der Be­völ­ke­rungs­mehr­heit durch­ge­zo­gen wur­de. Das „Wir schaf­fen das“hät­te ei­nes gleich­zei­ti­gen Han­delns im Hin­blick auf die na­tur­ge­mäß be­grenz­ten In­te­gra­ti­ons­mög­lich­kei­ten be­durft. Die Kanz­le­rin hat ei­ne his­to­ri­sche Ent­schei­dung ge­trof­fen, oh­ne dar­zu­le­gen, wo­hin die Rei­se ge­hen soll. Und bis heu­te lässt Mer­kel in ih­rem trot­zig an­mu­ten­den Be­har­ren auf ih­rem Kurs ein Ge­fühl für die Sor­gen all je­ner ver­mis­sen, die um die Si­cher­heit des Lan­des und die Fol­gen der Mas­sen­ein­wan­de­rung für das in­ne­re Ge­fü­ge der Ge­sell­schaft ban­gen. Da­her rührt die Ent­frem­dung, die zwi­schen der Kanz­le­rin und vie­len Bür­gern, zu­mal vie­len ih­rer frü­he­ren An­hän­ger, statt­ge­fun­den hat.

Es ist die­ser Ver­trau­ens­ver­lust, der den Auf­stieg der AfD be­wirkt und der Uni­on er­heb­li­che Ver­lus­te be­schert hat. In­so­fern gilt mehr denn je, was schon auf dem Hö­he­punkt des Flücht­lings­an­sturms ab­zu­se­hen war: Im Um­gang mit die­ser his­to­ri­schen, noch nicht an­nä­hernd ge­lös­ten Kri­se wird sich das po­li­ti­sche Schick­sal so­wohl der Kanz­le­rin als auch der Volks­par­tei­en CDU und CSU ent­schei­den.

Zu we­nig Ge­fühl für die Sor­gen der Be­völ­ke­rung

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