War­um Kern der Tür­kei die Ro­te Kar­te zeigt

Der Wie­ner Kanz­ler will Pro­fil ge­win­nen. Da­zu bleibt ihm nicht viel Zeit

Mittelschwaebische Nachrichten - - Politik -

Wi­en In ei­ner Schu­le für an­ge­hen­de Di­plo­ma­ten gä­be es für sol­che Äu­ße­run­gen ein glat­tes „Un­ge­nü­gend“. Auf Twit­ter be­zeich­ne­te Bur­han Ku­zu, Chef­be­ra­ter des tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan, Ös­ter­reichs Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern (SPÖ) als „Un­gläu­bi­gen“und spot­te­te: „Die EU geht so­wie­so un­ter.“Zu­vor hat­te schon der tür­ki­sche Au­ßen­mi­nis­ter Mev­lüt Ca­vu­sog­lu Wi­en als „Haupt­stadt des ra­di­ka­len Ras­sis­mus“be­zeich­net.

Die brüs­ken For­mu­lie­run­gen wa­ren die Re­ak­ti­on auf Kerns An­sa­ge, dass die EU die Bei­tritts­ge­sprä­che mit der Tür­kei so­fort ab­bre­chen soll­te. Ei­ne Mit­glied­schaft sei wohl für Jahr­zehn­te „ein Ding der Un­mög­lich­keit“, die ak­tu­el­len Kon­tak­te ei­ne „di­plo­ma­ti­sche Fik­ti­on“. Der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Neu-Kanz­ler stellt sich nach An­sicht von Po­li­ti­k­ex­per­ten vor al­lem aus in­nen­po­li­ti­schen Grün­den an die Spit­ze der An­ti-An­ka­ra-Be­we­gung.

„Das ist ge­ra­de­zu ein Mus­ter­bei­spiel po­li­ti­scher Psy­cho­lo­gie“, sagt der Po­li­to­lo­ge der Uni­ver­si­tät Krems, Pe­ter Filz­mai­er. De­mons­tra­tiv lie­gen der 50-jäh­ri­ge Re­gie­rungs­chef Kern und sein in Ös­ter­reich über­aus po­pu­lä­rer Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz, 29, von der kon­ser­va­ti­ven ÖVP beim Tür­keiBa­shing auf ei­ner Li­nie.

So will Kurz beim EU-Au­ßen­mi­nis­ter­rat sein Ve­to ge­gen wei­te­re Schrit­te der EU im Bei­tritts­pro­zess ein­le­gen. Den von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ein­ge­fä­del­ten Tür­keiFlücht­lings­de­al sieht Ös­ter­reichs Top­di­plo­mat oh­ne­hin vor dem En­de. „Bei­de Re­gie­rungs­par­tei­en wa­ren sich noch nie so ei­nig wie bei dem The­ma Tür­kei-Bei­tritt“, meint Filz­mai­er. Der Ef­fekt: Ein bis­her weit­ge­hend von den Rechts­po­pu­lis­ten der FPÖ be­setz­tes Ge­biet wird nun von SPÖ und ÖVP strei­tig ge­macht. „Re­gie­rung lässt FPÖ we­nig Luft“, ti­tel­te ent­spre­chend das Bou­le­vard­blatt Kro­nen Zei­tung jüngst und glaubt ei­nen „Rechts­ruck“der Re­gie­rung zu er­ken­nen. FPÖ-Chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che je­den­falls blieb nichts an­de­res üb­rig, als den Kanz­ler zu lo­ben. Er sei er­freut, dass Kern „of­fen­bar be­ginnt, mich zu ko­pie­ren“.

So­wohl die Tür­kei wie Ös­ter­reich nut­zen laut Ex­per­ten das Po­li­ti­kSchar­müt­zel, um bei ih­ren Lands­leu­ten Punk­te zu ma­chen. „Das ist ein ri­si­ko­lo­ses Un­ter­fan­gen“, meint Filz­mai­er. Für den seit rund 100 Ta­gen re­gie­ren­den Kern bricht die Zeit an, sich und sei­ne SPÖ vor den nächs­ten Wah­len in ei­ne aus­sichts­rei­che Po­si­ti­on zu brin­gen. In­zwi­schen ge­hen vie­le Be­ob­ach­ter da­von aus, dass es 2017 zu vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len kom­men wird. Auf Bun­des­ebe­ne gilt ein Du­ell Kern ge­gen Kurz als wahr­schein­lich.

Die nächs­te Wahl ist aber die des Bun­des­prä­si­den­ten am 2. Ok­to­ber. Hier dürf­te es der FPÖ-Kan­di­dat Nor­bert Ho­fer mit sei­ner EU- und tür­kei­kri­ti­schen Hal­tung schwe­rer als bis­her ha­ben, wenn die rot­schwar­ze Re­gie­rung der FPÖ ein Lieb­lings­the­ma strei­tig macht.

Mat­thi­as Rö­der, dpa

Chris­ti­an Kern

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