Den Po­pu­lis­ten aufs Maul ge­schaut

Leit­ar­ti­kel Wo­mit po­li­tisch rand­stän­di­ge Be­we­gun­gen wie et­wa die AfD der­zeit er­folg­reich sind, wie sie re­den und war­um ih­nen mit In­hal­ten schwer bei­zu­kom­men ist

Mittelschwaebische Nachrichten - - Meinung & Dialog - VON CHRIS­TI­AN IM­MIN­GER cim@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Man könn­te jetzt hier be­gin­nen mit dem schlech­ten Kaf­fee heu­te Mor­gen, dem mie­sen Wet­ter, aber der ei­ne oder an­de­re wür­de sich ge­wiss als­bald fra­gen, was das mit dem The­ma Po­pu­lis­mus zu tun und über­dies in ei­nem Leit­ar­ti­kel ver­lo­ren hat. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Er­war­tung an die­sen Text hät­te sich nicht er­füllt.

(Halb­wegs funk­tio­nie­ren­de) Kom­mu­ni­ka­ti­on muss sich aber im­mer an Er­war­tun­gen aus­rich­ten, und das um­so mehr, je po­li­ti­scher, öf­fent­li­cher sie wird, schließ­lich gilt es ja, ei­nen mög­lichst gro­ßen Adres­sa­ten­kreis an­zu­spre­chen, im bes­ten Fall für sich ein­zu­neh­men. Die al­les ent­schei­den­de Fra­ge ist aber nun, auf wel­che Wei­se das ge­schieht – wo­mit wir dann doch schon mit­ten­drin wä­ren im The­ma. Um den der­zeit zu be­ob­ach­ten­den, glo­ba­len Auf­stieg des Po­pu­lis­mus zu ver­ste­hen, ist es je­den­falls not­wen­dig, den­je­ni­gen, die ver­meint­lich dem „Volk“nach dem Maul re­den, auf das­sel­bi­ge zu schau­en. Wie al­so re­den Po­pu­lis­ten? An wel­chem kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner an Er­war­tun­gen ori­en­tie­ren sie ih­re Kom­mu­ni­ka­ti­on, um da­mit größt­mög­li­che Wir­kung zu er­zie­len?

Noch mal, auch wenn es theo­re­tisch klingt und vi­el­leicht ein biss­chen müh­sam ist: Kom­mu­ni­ka­ti­on zielt im­mer dar­auf ab, ver­stan­den zu wer­den und rich­tet sich des­halb stets am Er­war­tungs­ho­ri­zont des Ge­gen­übers aus. Was aber, wenn das Ge­gen­über eben­falls vor­ran­gig nur ver­stan­den (im Sin­ne von: wahr­ge­nom­men) wer­den will? Dann wird wohl der­je­ni­ge ver­stan­den und er­zielt die größ­te Wir­kung, der dem an­de­ren eben das Ge­fühl gibt, ihn zu ver­ste­hen. Ich ver­ste­he, dass du ver­stan­den wer­den willst – das ist na­tür­lich erst mal le­dig­lich ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on knapp über der Null­li­nie und vor al­lem bar jed­we­der In­hal­te. Das ist aber auch der Grund, war­um es auf In­hal­te gar nicht so sehr an-, war­um der Po­pu­lis­mus in so vie­len Spiel­ar­ten da­her­kommt: Ob la­tein­ame­ri­ka­ni­scher Link­s­po­pu­lis­mus, mit­tel­eu­ro­päi­scher Rechts­po­pu­lis­mus, Trump’scher Ego-Po­pu­lis­mus – im­mer wird ei­ne Grup­pe ver­meint­lich Un­ver­stan­de­ner an­ge­spro­chen. Und un­ver­stan­den kön­nen sich heut­zu­ta­ge vie­le und aus den un­ter­schied­lichs­ten Grün­den füh­len, wes­we­gen ja auch die An­hän­ger­schaft der „Volks­ver­ste­her“he­te­ro­ge­ner ist, als es auf den ers­ten Blick und vor al­lem laut den Selbst­be­kun­dun­gen der Po­pu­lis­ten aus­schaut. Die­se müs­sen sich ja auf ein mög­lichst mo­no­li­thi­sches, frei­lich in die­ser Au­s­prä­gung im­mer ima­gi­nä­res „Volk“be­ru­fen, al­lei­ne, um sich ge­gen je­de Kri­tik zu im­mu­ni­sie­ren und in Stel­lung zu brin­gen: „Wir sind das Volk“, so bei­spiels­wei­se Re­cep Tay­yip Er­do­gan auf ei­ner Par­tei­ver­an­stal­tung, um sich dann an sei­ne Kri­ti­ker zu wen­den mit der rhe­to­ri­schen Fra­ge: „Und wer seid ihr?“Soll hei­ßen: Ihr ge­hört nicht da­zu, eu­re Ar­gu­men­te sind des­we­gen kei­ne, kön­nen igno­riert wer­den, ja, sind so­gar ge­fähr­lich – bis zum „Volks­schäd­ling“ist es da nicht mehr weit.

Die­se dis­kur­si­ve Aus­gren­zung und Ve­rächt­lich­ma­chung An­ders­den­ken­der, mö­gen sie – je nach­dem, wer an der Macht ist – zur Op­po­si­ti­on oder zum Esta­blish­ment ge­hö­ren, ist die ei­ne Stoß­rich­tung po­pu­lis­ti­scher Pa­ro­len. Die an­de­re zielt auf die ei­ge­ne An­hän­ger­schaft, soll die­se grö­ßer er­schei­nen las­sen, zu­sam­men­schwei­ßen, im Be­sitz der (meist ir­gend­wie mo­ra­li­schen) „Wahr­heit“wäh­nen.

Das geht na­tür­lich nicht über ei­ne be­son­ders aus­dif­fe­ren­zier­te Ar­gu­men­ta­ti­on, die im Ge­gen­teil ja wie­der manch ei­nen Un­ver­stan­de­nen aus­schlie­ßen wür­de. Das geht nur über ei­ne di­rekt auf den Bauch zie­len­de Kom­mu­ni­ka­ti­on, die al­les an­de­re im Dif­fu­sen lässt. Zu mie­ses Wet­ter, zu vie­le Aus­län­der, und nicht mal ei­nen or­dent­li­chen Kaf­fee kriegt man mehr für sein Geld.

Um sich ge­gen Kri­tik zu weh­ren, be­ruft man sich aufs „Volk“

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