Was von der Re­vo­lu­ti­on üb­rig bleibt

Por­trät Re­bell, Staats­mann, Frau­en­held: Fi­del Cas­tro ist ei­ne der schil­lernds­ten Fi­gu­ren der Welt­po­li­tik. Jetzt wird er 90. War­um die Ku­ba­ner einst so viel Hoff­nung in ihn ge­setzt ha­ben, so bit­ter ent­täuscht wur­den und das Land ein­fach nicht vor­an­kommt

Mittelschwaebische Nachrichten - - Die Dritte Seite - VON SAN­DRA WEISS

Ha­van­na Die Na­tio­nal­hym­ne dröhnt et­was ver­zerrt aus den ur­al­ten Laut­spre­chern, die der Re­vo­lu­ti­ons­rat auf den klei­nen Platz im Zen­trum von Ha­van­na ge­stellt hat. Der An­drang zum „Akt der re­vo­lu­tio­nä­ren Be­kräf­ti­gung“ist grö­ßer als sonst bei Par­tei­ver­samm­lun­gen. Al­le lau­schen ge­spannt den so­zia­lis­ti­schen Pa­ro­len, die ein Of­fi­zier in oliv­grü­ner Uni­form ins Mi­kro­fon brüllt und mit den Wor­ten „Vi­va Raúl!“be­en­det. We­ni­ge Ta­ge zu­vor hat Fi­del Cas­tro aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den die Amts­ge­schäf­te sei­nem jün­ge­ren Bru­der Raúl über­tra­gen. We­gen aku­ter Darm­blu­tun­gen ha­be der Co­man­dan­te sich ei­nem kom­pli­zier­ten chir­ur­gi­schen Ein­griff un­ter­zie­hen müs­sen und sei für ei­ni­ge Wo­chen au­ßer Ge­fecht, heißt es in der im Staats­fern­se­hen ver­le­se­nen Mit­tei­lung – und die gan­ze Welt spe­ku­liert, ob der Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer wohl noch am Le­ben ist.

Zehn Jah­re ist die­se Sze­ne jetzt her. Und Fi­del lebt noch im­mer. Am Sams­tag wird er 90. Sein letz­ter öf­fent­li­cher Auf­tritt liegt knapp vier Mo­na­te zu­rück. Ein Gast­spiel, in­sze­niert mit gro­ßen Ges­ten, Pa­thos und Trä­nen, ei­ne Art Ab­schieds­re­de von die­ser Welt. Cas­tro, grau­er Rau­sche­bart wie eh und je, in ka­rier­tem Hemd und blau-schwar­zer Adi­das-Trai­nings­ja­cke mit wei­ßen Strei­fen, sin­niert über den Tod und liest von sei­nem Ma­nu­skript ab: „Bald wer­de ich wie al­le an­de­ren sein. Für je­den von uns kommt die Zeit.“Und die Par­tei­ge­nos­sen hul­di­gen ihm. Dem Hel­den der Re­vo­lu­ti­on, der Kampf­pa­ro­len ge­prägt hat wie „So­zia­lis­mus oder Tod“.

Heu­te wer­den die Ku­ba­ner, ge­zeich­net von ei­ner da­hin­sie­chen­den Hei­mat, auf ei­nen „pro­spe­rie­ren­den und nach­hal­ti­gen So­zia­lis­mus“ein­ge­schwo­ren. Es ist ja nicht so, dass nichts pas­siert wä­re in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Man hat Wirt­schafts­re­for­men in An­griff ge­nom­men, le­ga­li­siert, die Rei­se­frei­heit ein­ge­führt und die Be­zie­hun­gen zu den USA wie­der­be­lebt. Und doch ist die Insel von ei­ner Auf­bruch­stim­mung wei­ter ent­fernt denn je. 82 Pro­zent der Ein­woh­ner fin­den laut ei­ner Um­fra­ge des ku­ba­ni­schen Zen­trums für Men­schen­rech­te, dass sich die Si­tua­ti­on im Land mit sei­nen elf Mil­lio­nen Ein­woh­nern nicht ver­bes­sert hat.

Schwül und drü­ckend liegt die Som­mer­hit­ze über Ha­van­na. Wer kann, ver­zieht sich an die stadt­na­hen Strän­de. Im Zen­trum schlen­dern in­ter­na­tio­na­le Ur­lau­ber durch die Gas­sen. In­zwi­schen sind auch vie­le US-Ame­ri­ka­ner dar­un­ter, 161000 be­such­ten im ver­gan­ge­nen Jahr das Land. Aber die Re­kord­zu­wäch­se im Tou­ris­mus rei­chen nicht, um die Wirt­schaft in Gang zu brin­gen. „Die Re­for­men wa­ren zu zö­ger­lich und ha­ben bis­her kein trag­fä­hi­ges, al­ter­na­ti­ves Wirt­schafts­mo­dell her­vor­ge­bracht“, sagt der Öko­nom Pa­vel Vi­dal.

Nun droht die Kri­se im so­zia­lis­ti­schen Bru­der­land Ve­ne­zue­la, Ku­ba mit in den Ab­grund zu rei­ßen. So­gar von ei­ner „neu­en Son­der­pe­ri­ode“wie nach dem Zu­sam­men­bruch der So­wjet­uni­on re­den man­che an­ge­sichts der wie­der häu­fi­ger auf­tre­ten­den Strom­aus­fäl­le. Von den 100000 Fass Öl, die Ku­ba täg­lich aus Ve­ne­zue­la er­hielt, re­ex­por­tier­te der Staat gut ein Drit­tel und nahm da­durch jähr­lich 700 Mil­lio­nen US-Dol­lar ein. Hin­zu ka­men 1,5 Mil­li­ar­den für ku­ba­ni­sche Ärz­te und Fach­leu­te. Doch Ve­ne­zue­la hat die Ko­ope­ra­ti­on zu­rück­ge­schraubt, der Erd­öl­preis ist im Kel­ler und das Loch in Ku­bas Staats­kas­se wird grö­ßer. Vi­dal rech­net für 2016 mit ei­nem Null­wachs­tum, ei­nem In­ves­ti­ti­ons­ein­bruch von 17 Pro­zent und ei­ner In­fla­ti­on von zehn Pro­zent.

Trotz Neu­ver­hand­lun­gen über die Staats­schul­den, trotz ge­wach­se­nem In­ter­es­se aus­län­di­scher In­ves­to­ren, trotz der Em­bar­go-Er­leich­te­run­gen der USA las­sen die Im­pul­se auf sich war­ten. Die Öff­nung Ku­bas kommt ei­nen Tick zu spät, die Boom­pha­se der Welt­wirt­schaft ist zu En­de. Im neu­en Frei­han­dels­ha­fen von Ma­ri­el, 50 Ki­lo­me­ter west- lich von Ha­van­na, ha­ben sich bis­her nur ei­ne Hand­voll Fir­men an­ge­sie­delt. „Mehr als ein Schiff pro Tag legt dort nicht an“, er­zählt der Ar­bei­ter ei­ner na­hen Ze­ment­fa­brik.

Die In­ves­to­ren sto­ßen auf zahl­rei­che Pro­ble­me. „Ich ra­te zur Vor­sicht. Die le­ga­len und bü­ro­kra­ti­schen Hür­den sind hoch, und der Staat zahlt mit bis zu zwölf Mo­na­ten Ver­zö­ge­rung“, warnt der me­xi­ka­ni­sche Un­ter­neh­mer Jor­ge Man­za­nil­la. Ei­nes der größ­ten Pro­ble­me ist, dass der Staat den Fir­men die Ar­beits­kräf­te ver­mit­telt und die Löh­ne nied­rig sind. Das för­dert den Schlen­dri­an. Im­mer wie­der ver­schwin­det Ma­te­ri­al und wird auf den Schwarz­markt ab­ge­zweigt. Fach­leu­te und mo­der­ne Tech­no­lo­gi­en feh­len. Das staat­li­che Tou­ris­mus­un­ter­neh­men Ga­vio­ta – im Be­sitz der Mi­li­tärs – hat für den Neu­bau ei­nes Ho­tels im Zen­trum von Ha­van­na erst­mals in­di­sche und afri­ka­ni­sche Ar­bei­ter ein­ge­stellt, was den Un­mut der Ku­ba­ner weckt.

Raúl Cas­tro, auch schon 85, gilt als Be­wun­de­rer des chi­ne­si­schen Mo­dells der Markt­wirt­schaft mit ei­nem Ein­par­tei­en­staat. Doch Ku­ba hat es da­mit un­gleich schwe­rer. Die in­ne­ren Wi­der­stän­de sind groß und der Draht­seil­akt zwi­schen Re­for­men und Still­stand ist nicht leicht. Deu­tet der his­to­ri­sche Be­such von US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma im März noch auf ei­nen Auf­bruch hin, legt der Par­tei­tag im April ei­ne Voll­brem­sung hin. Es gibt we­der per­soK­lein­un­ter­neh­mer nel­le noch pro­gram­ma­ti­sche Re­form­plä­ne, die Ba­sis ist von den De­bat­ten aus­ge­schlos­sen.

Über all­dem schwebt noch im­mer der Schat­ten von Fi­del Cas­tro. Re­vo­lu­tio­när, De­s­pot, stu­dier­ter Ju­rist, jahr­zehn­te­lang Staats- und Par­tei­chef, ei­ne der um­strit­tens­ten po­li­ti­schen Ge­stal­ten des 20. Jahr­hun­derts, die an­geb­lich mehr als 600 Mord­an­schlä­ge über­lebt hat. Ein Mann, 1926 als Sohn ei­nes Plan­ta­gen­be­sit­zers ge­bo­ren, des­sen ers­tes mi­li­tä­ri­sches Aben­teu­er 1953 der fehl­ge­schla­ge­ne Sturz von Dik­ta­tor Ful­gen­cio Ba­tis­ta ist.

Kurz dar­auf ver­sucht er es noch ein­mal, mit 81 Re­bel­len an sei­ner Sei­te. Dies­mal ge­lingt es. Nach der Lan­dung an der Ost­küs­te, der so­ge­nann­ten Schwei­ne­bucht, wer­den sie von der Ar­mee an­ge­grif­fen. Nur zwölf Re­bel­len, un­ter ih­nen Cas­tro und Er­nes­to „Ché“Gue­va­ra, über­le­ben. Nach mehr als zwei Jah­ren Gue­ril­la­kampf flüch­tet Ba­tis­ta am 1. Ja­nu­ar 1959 schließ­lich aus Ku­ba.

Fort­an ist der „Ma­xi­mo Li­der“der Hoff­nungs­trä­ger der Na­ti­on. Er­run­gen­schaf­ten wie kos­ten­freie Bil­dung und die bes­te Ge­sund­heits­ver­sor­gung in Latein­ame­ri­ka si­chern ihm lan­ge die Sym­pa­thi­en der Lands­leu­te, auch wenn er mit har­ter Hand re­giert und selbst die ei­ge­ne Fa­mi­lie ent­eig­net. Castros öf­fent­li­ches Bild grün­det auf ei­nem sorg­fäl­tig in­sze­nier­ten Per­so­nen­kult. Sein Cha­ris­ma sei „so­wohl die größ­te Stär­ke als auch die größ­te Schwä­che der ku­ba­ni­schen Re­vo­lu­ti­on“, ur­teilt Castros Freund, der 2014 ge­stor­be­ne ko­lum­bia­ni­sche Schrift­stel­ler Ga­b­ri­el Gar­cía Már­quez.

Sei­ne Re­den, die in frü­he­ren Zei­ten bis zu zehn St­un­den dau­ern kön­nen, be­ste­hen vor al­lem aus scharf­zün­gi­gen Atta­cken auf den „ewi­gen im­pe­ria­lis­ti­schen Feind“, die USA. Mit der Land­re­form bringt er den mäch­ti­gen Nach­barn ge­gen sich auf. Wa­shing­ton ver­hängt ein Han­dels­em­bar­go ge­gen die Ka­ri­bik­in­sel und ver­sucht mit der In­va­si­on von be­waff­ne­ten Exil­ku­ba­nern in der Schwei­ne­bucht, das Ru­der noch ein­mal her­um­zu­rei­ßen. Ei­nen neu­en Ver­bün­de­ten fin­det Cas­tro in Mos­kau. Die Sta­tio­nie­rung so­wje­ti­scher Ra­ke­ten auf Ku­ba bringt die Welt 1962 an den Rand ei­nes Atom­kriegs.

Aus Castros Pri­vat­le­ben ist nur we­nig be­kannt – au­ßer, dass er ein ziem­lich aus­schwei­fen­des Lie­bes­le­ben ge­führt ha­ben soll. Mit sei­ner Ehe­frau Da­lia So­to del Val­le soll er fünf Kin­der ha­ben: Alexis, Alex, Ale­jan­dro, Án­gel und An­to­nio. Die Vor­lie­be für den An­fangs­buch­sta­ben A soll ei­ne Hom­mage an Alex­an­der den Gro­ßen sein. Drei wei­te­re Kin­der ent­stam­men frü­he­ren Be­zie­hun­gen. Toch­ter Ali­na setzt sich in die USA ab.

Der „Co­man­dan­te“ist mü­de ge­wor­den. Aber er ist noch prä­sent auf vie­len Schau­ta­feln, wäh­rend es von sei­nem Bru­der Raúl kaum Pro­pa­gan­da gibt. Dies al­les wirkt al­ler­dings mehr wie ein Ab­ge­sang an ei­nen My­thos, den vie­le Ku­ba­ner zwar noch hoch­hal­ten, der aber für ih­ren All­tag und vor al­lem für die Zu­kunft nichts mehr be­deu­tet. Man hört noch von den Äl­te­ren so Sät­ze wie „Un­ter Fi­del war al­les bes­ser“. Aber in den Köp­fen ist er schon Ver­gan­gen­heit. Die Par­tei ist nicht mehr at­trak­tiv, den so­zia­len und wirt­schaft­li­chen Auf­stieg se­hen die Ju­gend­li­chen heu­te im Pri­vat­sek­tor. Drei Vier­tel aller Ku­ba­ner wur­den nach der Re­vo­lu­ti­on ge­bo­ren. Sie ver­glei­chen sich nicht mehr mit Leu­ten aus den blu­ti­gen Dik­ta­tu­ren der Vor-Cas­tro-Zeit, son­dern mit Freun­den und Ver­wand­ten im USKon­sum­pa­ra­dies Mia­mi.

Ei­ni­ge ha­ben es ge­schafft – die Kin­der der Castros oder an­de­rer Par­tei­bon­zen, die sich auf Golf­plät­zen und schi­cken Par­tys tum­meln, aber auch Mu­si­ker, Künst­ler, Sport­ler, die im Aus­land ge­bucht wer­den. An­de­re wol­len ihr Schick­sal noch stär­ker in die ei­ge­ne Hand neh­men, als es der Staat er­laubt – und wan­dern aus. Im Vor­jahr gin­gen 43000 in die USA, wo sie auf­grund ei­ner

Sein letz­ter Auf­tritt: vol­ler Pa­thos und gro­ßer Ges­ten De­mo­kra­ti­sche Wah­len? Nie­mals!

Son­der­re­ge­lung po­li­ti­sches Asyl er­hal­ten. Drit­te or­ga­ni­sie­ren Pro­tes­te wie un­längst die Rik­scha-Fah­rer in Ha­van­na ge­gen die aus ih­rer Sicht un­ge­rech­ten Buß­gel­der, ver­hängt von kor­rup­ten Po­li­zei­be­am­ten. Ei­ne hal­be Mil­li­on Ku­ba­ner ar­bei­tet be­reits auf ei­ge­ne Rech­nung. Und die neu­en Klein­ka­pi­ta­lis­ten wer­den zu­neh­mend selbst­be­wusst, for­dern Groß­märk­te, Im­port­li­zen­zen und Steu­er­er­leich­te­run­gen.

Die Füh­rung zeigt sich um des so­zia­len Frie­dens wil­len fle­xi­bel, ver­han­delt, lässt zu, dass sich ei­ni­ge be­rei­chern und die Un­gleich­heit wächst – au­ßer es geht um po­li­ti­sche For­de­run­gen oder die Loya­li­tät zum Re­gime. De­mo­kra­ti­sche Wah­len oder ein Mehr­par­tei­en­sys­tem ste­hen nicht zur De­bat­te; Dis­si­den­ten wer­den wei­ter­hin schi­ka­niert und in­haf­tiert. „Es ist ein biss­chen wie beim Dan­zón“, sagt der un­ab­hän­gi­ge Jour­na­list An­gel un­ter An­spie­lung auf den in Ku­ba ent­stan­de­nen lang­sa­men Paar­tanz. „Man be­wegt sich stän­dig, bleibt aber doch im­mer auf der Stel­le.“(mit epd, dpa und anf)

Fo­tos: Mau­ri­ti­us Images, No­b­le Images, Ala­my / Oma­ra Gar­cia Me­de­ros, dpa

„Un­se­rer Ge­schich­te treu“, steht an die­ser Wand un­ter den Köp­fen der ku­ba­ni­schen Staats­hel­den (von links) Che Gue­va­ra, Fi­del Cas­tro und Ju­lio An­to­nio Mel­la.

Fi­del Cas­tro bei sei­nem letz­ten öf­fent­li­chen Auf­tritt im April.

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