„Wir müs­sen ein­fach et­was tun“

Der Dor­f­la­den in Et­ten­beu­ren war ei­ner der ers­ten in Bay­ern und er bie­tet mehr als vie­le an­de­re. Doch rüs­ti­ge Rent­ner be­rei­ten dem Team Sor­gen

Mittelschwaebische Nachrichten - - Bayern - VON RO­NALD HINZ­PE­TER Fo­to: Bern­hard Weiz­enegger

Et­ten­beu­ren Manch­mal kom­men die Kun­den von weit her, et­wa aus Ulm oder Hei­den­heim. Bei der Ro­sen­nacht sind die Stra­ßen rund um den Et­ten­beu­rer Dor­f­la­den zu­ge­parkt. Das freut na­tür­lich die Be­trei­ber. Al­ler­dings hät­ten sie wohl mehr da­von, wenn je­den Tag ein­fach nur ein Gut­teil der Ein­hei­mi­schen zum Ein­kau­fen kä­me. 160 Kun­den be­su­chen den klei­nen La­den an der Haupt­stra­ße im Schnitt. Das ist nicht wirk­lich schlecht und reicht ei­gent­lich, da­mit sich das Ge­schäft hal­ten kann, doch es wird schwe­rer. Und das hat et­was mit der gu­ten Ge­sund­heit vie­ler al­ter Men­schen zu tun.

Et­ten­beu­ren zählt et­wa 1200 Ein­woh­ner, liegt im schö­nen Kam­mel­tal und bie­tet so ge­se­hen ei­ne ho­he Wohn­qua­li­tät. Es ist nicht weit zur Stadt Ichen­hau­sen, nur et­wa fünf Mi­nu­ten mit dem Au­to – ei­ne ge­fähr­li­che Nä­he, fin­det al­ler­dings Al­f­red Sai­ler. Er ist Ge­schäfts­füh­rer des Et­ten­beu­rer Dor­f­la­dens und be­ob­ach­tet mit Sor­ge, dass nicht nur vie­le jun­ge Men­schen in den Wa­gen stei­gen, um sich in ei­nem der Ichen­hau­ser Su­per­märk­te ein­zu­de­cken, son­dern auch vie­le al­te: „Mitt­ler­wei­le fah­ren die Men­schen ja noch mit 80 Jah­ren Au­to.“Frü­her sei­en die Rent­ner stets in den Dor­f­la­den ge­kom­men, doch den „neu­en Al­ten“macht es nichts aus, mal eben den Su­per­markt im Nach­bar­ort an­zu­steu­ern. „Die­se Ent­wick­lung fin­den wir na­tür­lich nicht so toll“, sagt da­her Al­f­red Sai­ler.

Da­bei gä­be es vie­les, was Rewe und Co in den Re­ga­len ste­hen ha­ben, auch in Et­ten­beu­ren. Das Läd­le mit sei­nen 80 Qua­drat­me­tern Ver­kaufs­flä­che bie­tet er­staun­lich viel in er­staun­li­cher Viel­falt: et­wa sie­ben ver­schie­de­ne But­ter­sor­ten, über 20 un­ter­schied­li­che Tees, fair ge­han­del­ten Kaf­fee und gut ei­nen Re­gal­me­ter an hoch­wer­ti­gen Ölen. Und das al­les zu kon­kur­renz­fä­hi­gen Prei­sen. Das Ge­schäft soll nicht ein­fach ein Tan­te-Em­ma-La­den sein, der all das be­reit hält, was Mut­ti bei ih­rer Su­per­markt­tour ver­ges­sen hat. „Wir wol­len ein brei­tes Sor­ti­ment, auch an re­gio­na­len Pro­duk­ten und ge­hen eher in Rich­tung Fein­kost“, sagt Sai­ler. Da­rin un­ter­schei­den sich die Et­ten­beu­rer von an­de­ren Nah­ver­sor­gern. Sie ti­cken oh­ne­hin et­was an­ders. 1998 hat­ten en­ga­gier­te Bür­ger das Ge­schäft ge­grün­det, denn da, wo es einst drei Lä­den gab, war nichts mehr. Sie gin­gen von Haus zu Haus, ver­kauf­ten An­teils­schei­ne und brach­ten mit viel Zeit, Ge­duld und ei­ner or­dent­li­chen Por­ti­on Wa­ge­mut ei­nen der ers­ten Bür­ger-Dor­f­la­den in Bay­ern auf den Weg, den ers­ten im Land­kreis Günz­burg so­wie­so.

Da­bei stand ih­nen nie­mand zur Sei­te, Zu­schüs­se und ex­ter­ne Be­ra­ter, die da­für auch noch gu­tes Geld be­kom­men, brauch­te das La­den­team nicht. Sie ha­ben das, was die zwei­te Vor­sit­zen­de der La­den­ge­sell- schaft, Bri­git­te Best­ler, „un­ser Ba­by“nennt, gut ge­nährt. Wie viel Lie­be in dem Pro­jekt steckt, zei­gen die ge­schmack­vol­len Bil­der an der Wand und die Gar­di­nen an den Fens­tern, die dem Ge­schäft tat­säch­lich ei­nen Hauch von Wohn­zim­mer ver­lei­hen. Die Leu­te sol­len schließ­lich „ger­ne zu uns kom­men“.

Al­ler­dings be­schränkt sich der La­den nicht nur auf den Ver­kauf gän­gi­ger Wa­ren, son­dern hat auch noch die Kan­ti­ne für den ein­zi­gen Be­trieb am Ort über­nom­men, ei­ne Fahr­zeug­bau-Nie­der­las­sung des Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­mens Al­ko mit ak­tu­ell 85 Mit­ar­bei­tern. Das sei na­tür­lich ei­ne Men­ge Auf­wand, sa­gen die Leu­te vom La­den, der da­für ei­gens ei­nen klei­nen Drei­rad-Lie­fer­wa­gen an­ge­schafft hat. Doch es lohnt sich und ver­schafft dem La­den ein wei­te­res kräf­ti­ges Stand­bein. Der ist mit sei­nen zwölf Teil­zeitVer­käu­fe­rin­nen schon der zweit­größ­te Ar­beit­ge­ber am Ort.

Und er macht ei­ni­ges los, denn ne­ben der Ro­sen­nacht ver­an­stal­tet das Team noch ei­nen drei­tä­gi­gen „Fens­ter­blüm­le­markt“und ei­nen Ro­sen­markt. All das kos­tet (Frei-)Zeit, doch oh­ne sol­che zu­sätz­li­chen Ak­tio­nen wür­de der La­den schlech­ter lau­fen, glaubt Sai­ler: „Man muss was tun, man muss im­mer wie­der auf sich auf­merk­sam ma­chen.“

Denn was wä­re, wenn der La­den ei­nes Ta­ges ein­gin­ge? Dann gä­be es nicht mehr viel, meint der zwei­te Bür­ger­meis­ter Jo­hann An­wan­der: „Wir ha­ben nicht mal ei­nen Arzt. Wenn dann auch noch die Bank zu­macht, dann ist der Ort tot. Man muss das Be­wusst­sein an die Leu­te brin­gen, dass sie sonst nichts mehr ha­ben.“

Seit 1998 gibt es den Dor­f­la­den mit Bür­ger­be­tei­li­gung in Et­ten­beu­ren (Kreis Günz­burg). Das Fo­to zeigt die Ver­käu­fe­rin­nen El­frie­de Mieh­le und Michae­la Mül­ler (rechts) beim Be­die­nen der Kun­den.

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