Sze­nen, die im Ge­dächt­nis blei­ben

Beim Fes­ti­val in Lo­car­no ist Deutsch­land gut ver­tre­ten. Der Film der St­un­de kommt je­doch aus Frank­reich

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton - VON WIL­FRIED GELDNER

Lo­car­no Mag ein Film­fes­ti­val auch ei­ne noch so gro­ße Tra­di­ti­on ha­ben wie das von Lo­car­no, das vor 70 Jah­ren, im Au­gust 1946, fast zeit­gleich mit Can­nes ge­grün­det wur­de, mag das Pro­gramm mit dies­mal et­wa 700 Fil­men auch aus al­len Näh­ten plat­zen: Am En­de sind es doch we­ni­ge Mo­men­te, die im Ge­dächt­nis blei­ben. Aber wenn auf der Piaz­za von Lo­car­no der Bei­fall der 8000 Zu­schau­er auf­braust, dann ist das ein sol­cher Mo­ment.

Der fran­zö­si­sche Film „Der Him­mel er­war­tet dich“riss das Pu­bli­kum zu mi­nu­ten­lan­gen Ova­tio­nen hin. Die Regisseurin, Au­to­rin und Pro­du­zen­tin Ma­rie-Cas­til­le Men­ti­on-Schaar rech­net hier mit den Ma­chen­schaf­ten is­la­mis­ti­scher Ver­füh­rer ab, die vor al­lem im In­ter­net jun­ge Mäd­chen nach und nach auf ih­re Sei­te zie­hen, wenn sie ih­nen zu­erst Kom­pli­men­te ma­chen, sie dann zu ih­rer künf­ti­gen Frau er­klä­ren und ihr die Hei­rat und selbst den Him­mel beim na­hen Wel­te­nen­de ver­spre­chen. Mit vor­züg­li­chen jun­gen Darstel­le­rin­nen so­wie San­d­ri­ne Bon­nai­re als um Hil­fe rin­gen­de Mut­ter ge­lingt dem Film oh­ne al­le Sen­sa­ti­ons­drü­cker, die na­tür­li­che Re­vol­te der jun­gen Frau­en und die dar­aus re­sul­tie­ren­de Ge­fahr dem Zu­schau­er sehr na­he zu brin­gen. Dass zwi­schen­durch im­mer wie­der ei­ne The­ra­peu­tin wah­ren Is­lam und Is­la­mis­mus zu un­ter­schei­den lehrt, ist dann aber des Gu­ten fast schon zu viel.

Hö­he­punk­te wie die­ser blie­ben auf der Piaz­za eher sel­ten. Mit ei­ner Mi­schung aus Action, Fan­ta­sy und Bio­pics wie dem deut­schen Ko­s­tüm­film „Pau­la“über die Ma­le­rin Pau­la Mo­der­sohn-Be­cker ge­riet die Piaz­za-Mi­schung doch recht kru­de. Die 1985 in Lo­car­no ge­bo­re­ne Car­la Ju­ri („Feucht­ge­bie­te“) holt mit ih­rem er­fri­schend un­ge­bän­dig­ten Spiel die Worps­we­der Künst­le­rin, die sich um 1900 ge­gen al­le männ­li­chen Vor­ur­tei­le durch­zu­set­zen wuss­te, tat­säch­lich aus der Ver­sen­kung em­por. Sie lebt ih­re Frei­heit aus und bringt auf die Mal­lein­wand, was sie sieht, nicht was die männ­li­chen Aka­de­mi­ker ha­ben wol­len. Al­ler­dings folgt der Film von Chris­ti­an Sch­wo­chow da­mit auch nicht we­nig dem längst gras­sie­ren­den Kult um die wich­ti­ge deut­sche Ma­le­rin.

Auch im Haupt­wett­be­werb um den Gol­de­nen Leo­par­den, der es aus Kon­kur­renz­grün­den zu­neh­mend schwe­rer hat, zeig­te Lo­car­no deut­sche Fil­me. Wäh­rend An­ge­la Schan­elecs sur­rea­lis­ti­sche Col­la­ge „Der traum­haf­te Weg“den Ruf nach Lo­car­no wohl in ers­ter Li­nie dem Wil­len des Fes­ti­vals ver­dankt, neue, zu­kunfts­ori­en­tier­ten For­men zu fin­den, griff der in Lu­zern ge­bo­re­ne Re­gis­seur Micha­el Koch ins vol­le Emi­gran­ten­le­ben der Dort­mun­der Nord­stadt. Sei­ne Hel­din, die ti­tel­ge­ben­de Ukrai­ne­rin „Ma­ri­ja“, setzt sich bei der Ver­wirk­li­che­ung ih­res Le­benstrau­mes, ei­nes ei­ge­nen Fri­sier­sa­lons, über al­le Män­ner-De­mü­ti­gun­gen hin­weg. Ma­ri­ja macht sich die Män­ner zu­nut­ze, die sie ha­ben wol­len. Als er­nüch­tern­des Fa­zit bleibt, dass das Fres­sen die Moral und die Lie­be hin­ter sich lässt. Nicht zu­letzt dank der hyp­no­tisch spie­len­den Haupt­dar­stel­le­rin Mar­ga­ri­ta Breit­kreiz war das ein star­kes Spiel­film­de­büt.

Am Sams­tag, wenn die Prei­se ver­lie­hen wer­den, wird sich zei­gen, wer den Gol­de­nen Leo­par­den, die Aus­zei­che­nung für den bes­ten Wett­be­werbs­film, er­hält.

Fo­to: Pan­do­ra, dpa

Car­la Ju­ri spielt die Ma­le­rin Pau­la Mo­der­sohn-Be­cker.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.