Nachts in der Kü­che

De Moors Ge­schich­te ei­ner Wit­we

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton - Gün­ther Keil

Zwei Uhr nachts, ir­gend­wo in ei­nem nie­der­län­di­schen Dorf. Ei­ne Frau kann nicht schla­fen, geht in die Kü­che und backt. „Nie brau­che ich dar­über nach­zu­den­ken, was ich ma­chen wer­de. Ich weiß es ein­fach.“Herrn­hu­ter Sand­küch­lein, Bre­to­ni­sche Schin­ken­quiche, But­ter­ku­chen mit Zimt, egal. Haupt­sa­che, Ba­cken. Schlaf­wan­deln. Nach­den­ken.

Mit der in Ein­sam­keit und Dun­kel­heit ba­cken­den Frau be­ginnt Mar­griet de Moor ih­re neu über­ar­bei­te­te No­vel­le. In ei­nem lei­sen, zu­rück­hal­ten­den Ton lässt sie ih­re Prot­ago­nis­tin er­zäh­len. Von der kur­zen Ehe mit ih­rem Mann, vom ers­ten Ken­nen­ler­nen beim Schlitt­schuh­lau­fen, vom ge­mein­sa­men Früh­stü­cken un­ter Birn­bäu­men. Und, wie in ei­nem Alp­traum: vom Selbst­mord ih­res Gat­ten vor drei­zehn Jah­ren: „Ein ganz nor­ma­ler Mann, der kei­ne ein­ein­halb Jah­re mei­nes Le­bens mit mir ge­teilt hat, hat­te sich nach ei­nem Schuss in ei­nem Treibhaus in ein wahn­sinn­ma­chen­des Ge­heim­nis ver­wan­delt.“

In schlaf­lo­sen Näch­ten ver­sucht sie hin­ter den Grund des Selbst­mor­des zu kom­men. Doch das, was pas­siert ist, ver­schwimmt im Dunk­len. „Un­se­re Lie­be war von voll­kom­me­ner Ein­fach­heit ge­we­sen“er­in­nert sich die Wit­we, und eben­so ein­fach und voll­kom­men schreibt de Moor. Ihr Stil be­rührt durch Sch­licht­heit und fes­tigt de Moors Ruf als ei­ne der be­deu­tends­ten nie­der­län­di­schen Au­to­rin­nen der Ge­gen­wart.

Mar­griet de Moor: Schlaf­lo­se Nacht. Übs. von He­lag von Beu­nin­gen. Han­ser, 128 S., 16 ¤

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