Le­bens­beich­te an ei­nen To­ten

Hans-Ul­rich Trei­chels be­we­gen­de Er­zäh­lung

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton -

Ei­ne Mut­ter sitzt bei Ta­ges­an­bruch in ih­rer Woh­nung und spricht ru­hig zu ih­rem er­wach­se­nen Sohn, den sie in den Ar­men hält und des­sen Kopf schwer auf ih­rer Brust liegt. „Es gibt Din­ge, die ver­schweigt man so­gar den To­ten“, sagt die Frau in ih­rem lan­gen Mo­no­log. Ihr Kind, längst ein Mann, ist ge­stor­ben nach lan­ger Krank­heit – für sein Ster­ben war der Sohn heim­ge­kehrt zur Mut­ter. Die ver­ge­gen­wär­tigt sich jetzt in ih­rer Re­de an den To­ten ihr Le­ben, ih­re Ge­schich­te, ihr Schick­sal, das Fa­mi­li­en­le­ben, das es ein­mal gab.

Im Zen­trum die­ser be­we­gen­den Beich­te steht ein le­bens­lang ge­hü­te­tes Ge­heim­nis, ein un­ge­heu­res Er­leb­nis, das die Frau um­kreist, ab­wehrt, be­schweigt – und dann das Un­fass­ba­re doch of­fen­bart. Zugleich recht­fer­tigt sich die Mut­ter vor sich und ih­rem Kind für das jahr­zehn­te­lan­ge Schwei­gen. „Man kann auch nicht al­les er­klä­ren. Man kann nicht nur sei­nen Kin­dern nicht al­les er­klä­ren, man kann auch sich selbst nicht al­les er­klä­ren.“

In Hans-Ul­rich Trei­chels Er­zäh­lung „Ta­ges­an­bruch“wird sehr sub­til ein Trau­ma of­fen­ge­legt, das zum Ta­bu wur­de: der Zwei­te Welt­krieg. Ein jun­ges Paar ent­geht auf der Flucht vor den Rus­sen wie durch ein Wun­der dem Tod, es gibt ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung… und die Ge­burt des Soh­nes. Es ist ei­ne ex­em­pla­ri­sche Ge­schich­te von Ver­drän­gung und Ent­frem­dung zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen, die Trei­chel er­zählt. Er fin­det da­für ei­nen au­then­ti­schen Ton, mit dem in die­ser Le­bens­beich­te Ba­na­les und Un­fass­ba­res mit­ein­an­der ver­knüpft ist.

Hans-Ul­rich Trei­chel: Ta­ges­an­bruch. Suhr­kamp, 86 S., 17,95 ¤

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