Ein Haus aus Sperr­müll als Sym­bol

Der tür­ki­sche Ein­wan­de­rer Os­man Ka­lin hat auf ei­ner Ver­kehrs­in­sel in Berlin ei­ne Lau­be ge­baut. Sie stand di­rekt an der Ber­li­ner Mau­er und ist in­zwi­schen ei­ne Tou­ris­ten­at­trak­ti­on

Mittelschwaebische Nachrichten - - Panorama - VON WIL­LI­AM HARRISON-ZEHELEIN

Berlin Der 90-jäh­ri­ge Os­man Ka­lin sitzt vor sei­nem Haus in ei­nem wei­ßen Plas­tik­stuhl und winkt den vor­bei­lau­fen­den Tou­ris­ten zu. Manch­mal gibt der Tür­ke mit dem lan­gen, wei­ßen Bart und der Ge­bets­kap­pe den Vor­bei­lau­fen­den auch ei­nen Hand­kuss. Ka­lin ist zu ei­ner Ber­li­ner Se­hens­wür­dig­keit ge­wor­den – bes­ser ge­sagt sein Gar­ten­haus. Es ist aus­schließ­lich aus Sperr­müll ge­baut und steht samt Gar­ten auf ei­ner klei­nen Ver­kehrs­in­sel mit­ten in Kreuz­berg. Ge­nau an die­ser Stel­le ver­lief frü­her die Ber­li­ner Mau­er, die die Stadt in Ost und West teil­te.

Als der pen­sio­nier­te Bau­ar­bei­ter 1925 im ana­to­li­schen Yoz­gat ge­bo­ren wur­de, ahn­te er nicht, dass er zu ei­nem Sym­bol der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung wer­den wür­de. In den sech­zi­ger Jah­ren kam er nach Deutsch­land. 1980 zo­gen er und sei­ne Frau mit ih­ren sechs Kin­dern nach West­ber­lin. Im da­mals noch her­un­ter­ge­kom­me­nen Kreuz­berg fand die Fa­mi­lie ne­ben der Mau­er am Betha­ni­en­damm ei­ne Woh­nung, aber Ka­lin ver­miss­te ei­nen Gar­ten.

Doch ge­nau vor der Woh­nung gab es ei­nen klei­nen, un­be­bau­ten Grün­strei­fen. Das drei­ecki­ge Stück Land lag di­rekt im Mau­er­strei­fen, galt so­mit als Nie­mands­land, ge­hör­te aber zur DDR. Ka­lin war das egal. Er fing an, Zwie­beln, Knob­lauch und tür­ki­schen Schwarz­kohl an­zu­pflan­zen, sam­mel­te in Kreuz­berg Sperr­müll und bau­te sich um ei­nen Baum ein Gar­ten­häus­chen.

Al­te Lat­ten­ros­te und La­mi­nat­bö­den, ver­ros­te­te Kühl­schrank­git­ter oder Bau­zäu­ne. Für al­les fand Ka­lin noch ei­ne Ver­wen­dung. Das einst klei­ne Gar­ten­häus­chen wuchs zu ei­nem Wohn­haus. Die Gren­zer der DDR, die das Trei­ben zu­nächst sorg­los be­trach­te­ten, wur­den skep­tisch: Will da je­mand ei­nen Flucht­tun­nel bau­en und tarnt ihn als Schre­ber­gar­ten? Der Gas­t­ar­bei­ter be­kam bald Be­such von zwei DDRSol­da­ten. Sie woll­ten wis­sen, was er treibt. „Le­dig­lich ei­nen klei­nen Ge­mü­se­gar­ten für mich und mei­ne Fa­mi­lie an­bau­en. Ich bin ein Mann, der auf sei­ne al­ten Ta­ge ein biss­chen gärt­nern möch­te“, er­wi­der­te Ka­lin, so er­zählt es sein Sohn Meh­met Ka­lin. Auf DDR-Sei­ten sei man nicht dar­über er­freut, sag­te ei­ner der Grenz­sol­da­ten. Es wur­de laut, die Si­tua­ti­on droh­te zu es­ka­lie­ren. „Ich weiß nicht wie, aber mein Va­ter hat es ir­gend­wann ge­schafft, die Sol­da­ten da­von zu über­zeu­gen, dass er das klei­ne Stück Land wei­ter be­woh­nen und be­wirt­schaf­ten darf“, schil­dert Meh­met Ka­lin. Un­ter ei­ner Be­din­gung: Das Haus durf­te nicht hö­her als die Mau­er wer­den.

Bald wuch­sen To­ma­ten, Gur­ken, Wein, Mi­ra­bel­len und Kir­schen. Un­be­hel­ligt schaff­te sich der Rent­ner ei­ne Oa­se. Tags­über ar­bei­te­te er in Haus und Gar­ten, abends ging er zum Schla­fen in die ge­gen­über­lie­gen­de Woh­nung. Die West­ber­li­ner lie­ßen ihn in Ru­he und die Grenz­sol­da­ten, die er nun auf sei­ner Sei­te hat­te, schenk­ten ihm Wein und Kek­se zu Weih­nach­ten. Das ging so lan­ge gut, bis die Mau­er fiel.

„In­ner­halb von ei­nem Tag war sie ein­fach weg“, er­in­nert sich sein Sohn. „Ich bin früh­mor­gens zur Ar­beit und als ich abends wie­der nach Hau­se kam, war sie ver­schwun­den.“Plötz­lich war das An­we­sen nicht mehr am Ran­de West­ber­lins, son­dern mit­ten in ei­ner wie­der­ver­ein­ten Stadt. „Das war schon ge­wöh­nungs­be­dürf­tig“, er­in­nert er sich.

Mit dem Fall der Mau­er war die Ru­he vor­bei. Das zu­stän­di­ge Be­zirks­amt Berlin-Mit­te mel­de­te sich bei Os­man Ka­lin, droh­te ihn we­gen il­le­ga­ler Nut­zung mit ei­nem Ent­zug der Flä­che. Doch Ka­lin wei­ger­te sich, zu ge­hen. An­woh­ner, das Be­zirks­amt Kreuz­berg und die Kir­chen­ge­mein­de un­ter­stütz­ten ihn. Sein Haus ge­hö­re zum Stadt­bild, so das Ar­gu­ment. Schließ­lich durf­te er das Grund­stück be­hal­ten. Als sich 2004 die Ber­li­ner Zu­stän­dig­keits­be­rei­che än­der­ten und das Grund­stück an Kreuz­berg über­ging, er­hielt Os­man Ka­lin ei­ne Son­der­nut­zungs­ge­neh­mi­gung auf Le­bens­zeit.

Gar­ten­ar­beit macht Os­man Ka­lin nicht mehr, denn in­zwi­schen ist er an Alz­hei­mer er­krankt. Er ge­nießt es aber, täg­lich in sei­nem Stuhl zu sit­zen und den Haupt­stadt­ver­kehr zu be­ob­ach­ten. Weil der Mau­erTou­ris­mus in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu­ge­nom­men hat, lau­fen täg­lich hun­der­te Tou­ris­ten an sei­nem Haus vor­bei – und Ka­lin grüßt sie freund­lich. Das Baum­haus an der Mau­er, wie es of­fi­zi­ell heißt, ist ein fes­ter Pro­gramm­punkt je­der ge­führ­ten Mau­er-Tour ge­wor­den. Die Be­su­cher be­wun­dern das zer­brech­lich wir­ken­de Baum­haus. Mitt­ler­wei­le ist es mit viel bun­tem Graf­fi­ti voll­ge­sprüht und hat so­gar ei­nen zwei­ten Stock hin­zu­be­kom­men – mit ei­nem Bal­kon aus Lat­ten­ros­ten.

„Die Not macht er­fin­de­risch. Das war schon im­mer das Mot­to mei­nes Va­ters“, sagt Meh­met Ka­lin. Der Sohn hofft, das An­we­sen auch nach dem Tod sei­nes Va­ters wei­ter nut­zen zu kön­nen. Das Grund­stück ste­he schließ­lich für die Wen­de und die tür­ki­schen Gas­t­ar­bei­ter im wie­der­ver­ein­ten Deutsch­land. „Das kann uns doch kei­ner mehr neh­men.“

Als das Haus wuchs, wur­den DDR-Sol­da­ten miss­trau­isch

Fo­tos: Wil­li­am Harrison-Zehelein

Aus Sperr­müll, den er in Kreuz­berg zu­sam­men­ge­tra­gen hat, hat Os­man Ka­lin ein Haus ge­baut. Erst war es nur ei­ne Gar­ten­lau­be, in­zwi­schen hat es zwei Stock­wer­ke. Es steht dort, wo frü­her die Ber­li­ner Mau­er ver­lief.

Der 90-jäh­ri­ge Os­man Ka­lin hat das Haus an der Mau­er er­baut.

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