Als es in Min­del­heim noch Aus­sät­zi­ge gab

Ge­schich­te Ein Büch­lein er­laubt ei­nen Blick fast 500 Jah­re in die Ver­gan­gen­heit zu­rück

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Nachbarschaft -

Min­del­heim Vor Stadt­ar­chi­var Andre­as Stei­ger­wald liegt ein dün­nes Buch, ge­ra­de ein­mal 54 Sei­ten stark. Das frei­lich ist noch nicht au­ßer­ge­wöhn­lich, sein Al­ter und der In­halt aber sind es sehr wohl: Die Sei­ten sind bei­na­he 500 Jah­re alt und die Ein­trä­ge nur müh­sam zu ent­zif­fern. Das liegt zum ei­nen dar­an, dass die Schrift vor mehr als 480 Jah­ren ein­fach noch an­ders aus­sah als heu­te und auch die Spra­che ei­ne an­de­re war. Und zum an­de­ren dar­an, dass ei­ni­ge der Schrei­ber ziem­lich ge­schmiert oder die Ein­trä­ge kur­zer­hand durch­ge­stri­chen ha­ben. Das Büch­lein war für sie wohl we­nig mehr als ein No­tiz­buch: Sie ha­ben da­rin ver­merkt, wer zwi­schen 1535 und 1654 im Min­del­hei­mer Son­der­sie­chen­haus ge­lebt hat.

Da­bei han­del­te es sich um kei­ne Bes­se­rungs­an­stalt für die aus dem Schwä­bi­schen be­kann­ten „Si­acha“, al­so un­ge­zo­ge­ne oder zu­min­dest vor­wit­zi­ge Bu­ben. Statt­des­sen wur­den dort Min­del­hei­mer ver­sorgt, die mit ei­ner schwe­ren, an­ste­cken­den Krank­heit wie Le­pra, Cho­le­ra oder Ty­phus sie­chend dar­nie­der­la­gen.

Für sie war be­reits um 1350 ein Le­pro­sen­spi­tal ge­stif­tet wor­den, das heu­te noch steht und di­rekt an die Lieb­frau­en­ka­pel­le an­schließt. Über ei­ne Em­po­re hat­ten die Kran­ken di­rek­ten Zu­gang zur Ka­pel­le, oh­ne mit an­de­ren Be­su­chern der Got­tes­diens­te in Kon­takt zu kom­men.

Aus­lö­ser für die wohl­tä­ti­ge Stif­tung dürf­te die gro­ße Pest ge­we­sen sein, die da­mals auch die Be­woh­ner Min­del­heims in Scha­ren da­hin­ge­rafft hat. „Das war ein un­vor­stell­ba­rer Schock für die Men­schen“, sagt Chris­ti­an Sched­ler, Lei­ter des Kul­tur­amts. Schließ­lich konn­ten sie sich nicht er­klä­ren, wo­her die töd­li­che Krank­heit kam. Klar war aber, dass sich ei­ne An­ste­ckung am ehes­ten ver­hin­dern ließ, wenn Kran­ke von den Ge­sun­den ge­trennt wur­den.

Die Auf­nah­me im Son­der­sie­chen­haus war al­ler­dings nicht kos­ten­los. Die Be­trä­ge, die die An­ge­hö­ri­gen da­für be­zah­len muss­ten, dass sich zwei Pfle­ger um die Kran­ken und die Ver­wal­tung küm­mer­ten, va­ri­ier­ten je­doch er­heb­lich. „Es galt wohl das Prin­zip der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit“, ver­mu­tet Sched­ler. Wer reich war, wur­de stär­ker zur Kas­se ge­be­ten als ei­ner, bei dem oh­ne­hin kaum et­was zu ho­len war.

Und so geht es in dem Büch­lein um Be­trä­ge in Gul­den, al­so Gold­stü­cken, aber auch in Schil­ling und De­nar. Auch ei­ne Ra­ten­zah­lung ist fest­ge­hal­ten: Die An­ge­hö­ri­gen muss­ten 17 Gul­den und vier Pfen­nig in bar zah­len, als der Kran­ke auf­ge­nom­men wur­de, und dann jähr­lich im Herbst drei Gul­den. Und schon da­mals scheint ge­gol­ten zu ha­ben: Nur Ba­res ist Wah­res. Das An­ge­bot ei­nes An­ge­hö­ri­gen, die Pfle­ge mit Rin­der- und Schwei­ne­fleisch ab­zu­gel­ten, wur­de je­den­falls rund­her­aus ab­ge­lehnt.

Um die Stif­tungs­gel­der auf­zu­bes­sern, war es den Kran­ken laut Sched­ler au­ßer­dem er­laubt, an der Mem­min­ger Stra­ße zu sit­zen und zu bet­teln. Da­ne­ben hat­ten sie – dank der Je­sui­ten, die sich um ihr see­li­sches Heil küm­mer­ten – auch re­li­giö­se Pflich­ten. Aus dem Jahr 1657 ist ei­ne geist­li­che Ord­nung er­hal­ten, die aus­ge­dehn­te And­achts­übun­gen vor­sieht. Auch der „Sie­chen-Ko­dex“, ei­ne Art Haus­ord­nung von 1486 er­in­nert stark an Or­dens­re­geln. 1678 leb­ten im Le­pro­sen­spi­tal nur noch ei­ne le­di­ge Frau und zwei Män­ner, hun­dert Jah­re spä­ter nur noch ein Kran­ker. 1830 wur­de das Sie­chen­haus schließ­lich ver­kauft.

Dass das klei­ne Büch­lein in all den Jah­ren nie weg­ge­wor­fen wur­de, grenzt fast an ein Wun­der. Ein Ar­chi­var des Haupt­staats­ar­chivs in Mün­chen hat­te es un­ter ebay-Klein­an­zei­gen im In­ter­net ent­deckt und sei­nen Min­del­hei­mer Kol­le­gen dar­auf auf­merk­sam ge­macht. Die VRBank hat schließ­lich den Kauf mög­lich ge­macht. Für Chris­ti­an Sched­ler ist das Buch „et­was ganz Be­son­de­res“, das sehr in­ter­es­sant sei für die Ge­schich­te der Stadt und für die For­schung. Und auch Bür­ger­meis­ter Ste­phan Win­ter be­zeich­ne­te es als „hoch­in­ter­es­san­tes Stück der Min­del­hei­mer Stadt­ge­schich­te, das an die Zeit Ge­org von Frunds­bergs an­knüpft“. Ver­wahrt wird das wert­vol­le Schrift­stück aus Per­ga­ment und Pa­pier künf­tig im Min­del­hei­mer Stadt­ar­chiv. (baus)

Fo­tos: San­dra Baum­ber­ger

Das ehe­ma­li­ge Sie­chen­haus gibt es im­mer noch und auch der Zu­gang zur Lieb­frau­en­ka­pel­le ist noch zu se­hen. Durch ihn ge­lang­ten die Kran­ken di­rekt in die Ka­pel­le, oh­ne mit an­de­ren Be­su­chern in Kon­takt zu kom­men.

Für Stadt­ar­chi­var Andre­as Stei­ger­wald (links) und Kul­tur­amts­lei­ter Chris­ti­an Sched­ler ist das fast 500 Jah­re al­te Büch­lein et­was ganz Be­son­de­res.

Die Sei­ten ste­cken in ei­nem Um­schlag aus Per­ga­ment.

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