Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (10)

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman -

Sie ver­viel­fäl­tig­ten sich nur, weil kei­ne das Rech­te be­zeich­ne­te. Sie wa­ren nur Aus­flüch­te, Um­schrei­bun­gen der Tat­sa­che, daß vor­be­wußt, plötz­lich, in­stink­tiv ein see­li­scher Zu­sam­men­hang ge­ge­ben war, der sie vor ih­rem Ent­ste­hen schon in bö­sem Sin­ne be­ant­wor­tet hat­te. Tör­leß sät­tig­te sich mit den Au­gen an Boe­na und konn­te da­bei sei­ner Mut­ter nicht ver­ges­sen; durch ihn hin­durch ver­ket­te­te die bei­den ein Zu­sam­men­hang: Al­les an­de­re war nur ein sich Win­den un­ter die­ser Ide­en­ver­schlin­gung. Die­se war die ein­zi­ge Tat­sa­che. Aber durch die Ver­geb­lich­keit, ih­ren Zwang ab­zu­schüt­teln, ge­wann sie ei­ne fürch­ter­li­che, un­kla­re Be­deu­tung, die wie ein per­fi­des Lä­cheln al­le An­stren­gun­gen be­glei­te­te.

Tör­leß sah im Zim­mer um­her, um dies los­zu­wer­den. Aber al­les hat­te nun schon die­se ei­ne Be­zie­hung an­ge­nom­men. Der klei­ne ei­ser­ne Ofen mit den Rost­fle­cken auf der Plat­te, das Bett mit den wack­li­gen Pfos­ten und der ge­stri­che­nen

La­de, von der die Far­be an vie­len Stel­len ab­blät­ter­te, das Bett­zeug, das schmut­zig durch die Lö­cher des ab­ge­nutz­ten La­kens sah; Boe­na, ihr Hemd, das von der ei­nen Schul­ter ge­glit­ten war, das ge­mei­ne, wüs­te Rot ih­res Un­ter­ro­ckes, ihr brei­tes, schwat­zen­des La­chen; end­lich Bein­eberg, des­sen Be­neh­men ihm im Ver­gleich zu sonst wie das ei­nes un­züch­ti­gen Pries­ters vor­kam, der, toll ge­wor­den, zwei­deu­ti­ge Wor­te in die erns­ten For­men ei­nes Ge­be­tes flicht. All das stieß nach der ei­nen Rich­tung, dräng­te auf ihn ein und bog sei­ne Ge­dan­ken ge­walt­sam im­mer wie­der zu­rück.

Nur an ei­ner Stel­le fan­den sei­ne Bli­cke, die ge­schreckt von ei­nem zum an­dern flüch­te­ten, Frie­den. Das war ober­halb der klei­nen Gar­di­ne. Dort sa­hen die Wol­ken vom Him­mel her­ein und reg­los der Mond.

Das war, als ob er plötz­lich in die fri­sche, ru­hi­ge Nacht­luft hin­aus­ge­tre­ten wä­re. Ei­ne Wei­le wur­den al­le Ge­dan­ken ganz still. Dann kam ihm ei­ne an­ge­neh­me Er­in­ne­rung. Das Land­haus, das sie letz­ten Som­mer be­wohnt hat­ten. Näch­te im schwei­gen­den Park. Ein stern­zit­tern­des, samt­dunk­les Fir­ma­ment. Die Stim­me sei­ner Mut­ter aus der Tie­fe des Gar­tens, wo sie mit Pa­pa auf den schwach schim­mern­den Kies­we­gen spa­zie­ren­ging. Lie­der, die sie halb­laut vor sich hin­sang.

Aber da, es fuhr ihm kalt durch den Leib, war auch wie­der die­ses quä­len­de Ver­glei­chen. Was moch­ten die bei­den da­bei ge­fühlt ha­ben? Lie­be? Nein, der Ge­dan­ke kam ihm jetzt zum ers­ten­mal. Über­haupt war das et­was ganz an­de­res. Nichts für gro­ße und er­wach­se­ne Men­schen; gar für sei­ne El­tern. Nachts am of­fe­nen Fens­ter sit­zen und sich ver­las­sen füh­len, sich an­ders füh­len als die Gro­ßen, von je­dem La­chen und von je­dem spöt­ti­schen Blick miß­ver­stan­den, nie­man­dem er­klä­ren kön­nen, was man schon be­deu­te, und sich nach ei­ner seh­nen, die das ver­stün­de, das ist Lie­be!

Aber da­zu muß man jung und ein­sam sein. Bei ih­nen muß­te es et­was an­de­res ge­we­sen sein; et­was Ru­hi­ges und Gleich­mü­ti­ges. Ma­ma sang ein­fach am Abend in dem dunk­len Gar­ten und war hei­ter.

Aber ge­ra­de das war es, was Tör­leß nicht ver­stand. Die ge­dul­di­gen Plä­ne, wel­che für den Er­wach­se­nen, oh­ne daß er es merkt, die Ta­ge zu Mo­na­ten und Jah­ren zu­sam­men­ket­ten, wa­ren ihm noch fremd. Und eben­so je­nes Ab­ge­stumpf­t­sein, für das es nicht ein­mal mehr ei­ne Fra­ge be­deu­tet, wenn wie­der ein Tag zu En­de geht.

Sein Le­ben war auf je­den Tag ge­rich­tet. Je­de Nacht be­deu­te­te für ihn ein Nichts, ein Gr­ab, ein Aus­ge­löscht wer­den. Das Ver­mö­gen, sich je­den Tag ster­ben zu le­gen, oh­ne sich dar­über Ge­dan­ken zu ma­chen, hat­te er noch nicht er­lernt.

Des­we­gen hat­te er im­mer et­was da­hin­ter ver­mu­tet, das man ihm ver­ber­ge. Die Näch­te er­schie­nen ihm wie dunk­le To­re zu ge­heim­nis­vol­len Freu­den, die man ihm ver­heim­licht hat­te, so daß sein Le­ben leer und un­glück­lich blieb.

Er er­in­ner­te sich an ein ei­gen­tüm­li­ches La­chen sei­ner Mut­ter und sich wie scherz­haft fes­ter an den Arm ih­res Man­nes Drü­cken, das er an ei­nem je­ner Aben­de be­ob­ach­tet hat­te. Es schien je­den Zwei­fel aus­zu­schlie­ßen. Auch aus der Welt je­ner Unan­tast­ba­ren und Ru­hi­gen muß­te ei­ne Pfor­te her­über­füh­ren. Und nun, da er wuß­te, konn­te er nur mit je­nem ge­wis­sen Lä­cheln dar­an den­ken, ge­gen des­sen bö­ses Miß­trau­en er sich ver­geb­lich wehr­te.

Boe­na er­zähl­te un­ter­des­sen wei­ter. Tör­leß hör­te mit hal­ber Auf­merk­sam­keit hin. Sie sprach von ei­nem, der auch fast je­den Sonn­tag kam. ,,Wie heißt er nur? Er ist aus dei­nem Jahr­gang.“,,Reit­ing?“,,Nein.“,,Wie sieht er aus?“,,Er ist un­ge­fähr so groß wie der da“, Boe­na wies auf Tör­leß, ,,nur hat er ei­nen et­was zu gro­ßen Kopf.“,,Ah, Ba­si­ni?“,,Ja, ja, so nann­te er sich. Er ist sehr ko­misch. Und no­bel; er trinkt nur Wein. Aber dumm ist er. Es kos­tet ihm ei­ne Men­ge Geld, und er tut nichts, als mir er­zäh­len. Er re­nom­miert mit den Lieb­schaf­ten, die er zu Hau­se ha­ben will; was er nur da­von hat? Ich se­he ja doch, daß er zum ers­ten­mal in sei­nem Le­ben bei ei­nem Frau­en­zim­mer ist. Du bist ja auch noch ein Bub, aber du bist frech; er da­ge­gen ist un­ge­schickt und hat Angst da­vor, des­we­gen er­zählt er mir lang und breit, wie man als Genuß­mensch – ja, so hat er ge­sagt – mit Frau­en um­ge­hen müs­se. Er sagt, al­le Wei­ber sei­en nichts an­de­res wert; wo­her wollt ihr denn das schon wis­sen?!“

Bein­eberg grins­te sie zur Ant­wort spöt­tisch an.

,,Ja lach nur!“herrsch­te ihn Boe­na be­lus­tigt an, ,,ich ha­be ihn ein­mal ge­fragt, ob er sich denn nicht vor sei­ner Mut­ter schä­men wür­de. ,Mut­ter? Mut­ter?‘; sagt er drauf, ,was ist das? Das exis­tiert jetzt nicht. Das ha­be ich zu Hau­se ge­las­sen, be­vor ich zu dir ging‘; Ja, mach nur dei­ne lan­gen Oh­ren auf, so seid ihr! Net­te Söhn­chen, ihr fei­nen jun­gen Her­ren; eu­re Müt­ter könn­ten mir bei­na­he leid tun!“

Bei die­sen Wor­ten be­kam Tör­leß wie­der die frü­he­re Vor­stel­lung von sich selbst. Wie er al­les hin­ter sich ließ und das Bild sei­ner El­tern ver­riet. Und nun muß­te er se­hen, daß er da­mit nicht ein­mal et­was fürch­ter­lich Ein­sa­mes, son­dern nur et­was ganz Ge­wöhn­li­ches tat. Er schäm­te sich. Aber auch die an­de­ren Ge­dan­ken wa­ren wie­der da. Sie tu­en es auch! Sie ver­ra­ten dich! Du hast ge­hei­me Mit­spie­ler! Vi­el­leicht ist es bei ih­nen ir­gend­wie an­ders, aber das muß bei ih­nen das glei­che sein: ei­ne ge­hei­me, fürch­ter­li­che Freu­de. Et­was, in dem man sich mit all sei­ner Angst vor dem Gleich­maß der Ta­ge er­trän­ken kann Vi­el­leicht wis­sen sie so­gar mehr?! Et­was ganz Un­ge­wöhn­li­ches? Denn sie sind am Ta­ge so be­ru­higt; und die­ses La­chen sei­ner Mut­ter? als ob sie mit ru­hi­gem Schrit­te gin­ge, al­le Tü­ren zu schlie­ßen. In die­sem Wi­der­strei­te kam ein Au­gen­blick, wo Tör­leß sich auf­gab und sich mit er­würg­tem Her­zen dem Sturm über­ließ. Und ge­ra­de in die­sem Au­gen­bli­cke stand Boe­na auf und trat zu ihm hin.

,,War­um spricht denn der Klei­ne nichts? Hat er Kum­mer?“

»11. Fort­set­zung folgt

Drei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

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