Der un­er­war­te­te Durch­bruch

Ser­ge Gn­ab­ry vom FC Ar­senal galt schon als ge­schei­ter­tes Ta­lent. In Rio ist er al­ler­dings der al­les über­ra­gen­de deut­sche Spie­ler. Auch der FC Augs­burg soll in­ter­es­siert sein

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 - VON RE­NÉ LAU­ER

Rio de Janei­ro Schnell wird ei­nem Fuß­ball­spie­ler heu­te das Prä­di­kat „jung, ta­len­tiert, ge­schei­tert“auf­er­legt. Ma­rio Göt­ze wird nach sei­nen drei Jah­ren beim FC Bay­ern nach­ge­sagt, den Sprung vom Ta­lent zum Top­spie­ler nicht ge­schafft zu ha­ben. Mar­ko Ma­rin galt vor we­ni­gen Jah­ren als gro­ße deut­sche Nach­wuchs­hoff­nung, konn­te sich aber we­der bei Chel­sea, Se­vil­la noch bei Flo­renz durch­set­zen.

Lan­ge sah es aus, als dro­he Ser­ge Gn­ab­ry ein ähn­li­ches Schick­sal. Mit 16 Jah­ren und reich­lich Vor­schuss­lor­bee­ren wag­te der ge­bür­ti­ge Stutt­gar­ter den Schritt in die Ju­gend von Ar­senal Lon­don. Sein Va­ter Je­anHer­mann, ehe­ma­li­ger Fuß­ball-Na­tio­nal­spie­ler für die El­fen­bein­küs­te, zog mit sei­nem Sohn nach En­g­land.

Die Zeit bei den Gun­ners be­gann viel­ver­spre­chend. Schon bei den Ju­gend­teams konn­te der Flü­gel­flit­zer, der so­wohl auf der lin­ken als auch der rech­ten Au­ßen­bahn spie­len kann, Trai­ner Ar­sè­ne Wen­ger auf sich auf­merk­sam ma­chen. Der schwärm­te von der Tor­ge­fahr des Deut­schen, von sei­nem An­tritt, von sei­ner tech­ni­schen Raf­fi­nes­se.

Mit 17 de­bü­tier­te Gn­ab­ry in der Pre­mier Le­ague, drei Ta­ge dar­auf durf­te er auch ge­gen Schal­ke in der Cham­pi­ons Le­ague ran. Und ge­nau als er ge­ra­de da­bei war, sich ei­nen Na­men zu ma­chen, er­litt er durch ei­ne mo­na­te­lan­ge Ver­let­zung den ers­ten Rück­schlag sei­ner Kar­rie­re.

Doch Ser­ge Gn­ab­ry kämpf­te sich zu­rück. Der da­mals 18-Jäh­ri­ge durf­te in sei­nem zwei­ten Li­ga­spiel von An­fang an auf dem Platz ste­hen. Gn­ab­ry über­zeug­te, durf­te ei­ne Wo­che spä­ter ge­gen Swan­sea wie­der ran – und schrieb Ver­eins­ge­schich­te. Mit sei­nem Tref­fer zum 2:1-Sieg wur­de Gn­ab­ry zum zweit­jüngs­ten Ar­senal-Tor­schüt­zen al­ler Zei­ten. Die Lon­do­ner Me­di­en wa­ren be­geis­tert von der Schnel­lig­keit und den Dribb­lings des jun­gen Deut­schen. Sein Ver­ein ver­län­ger­te so­fort den Ver­trag. „Ich bin über­zeugt, dass er ein groß­ar­ti­ger Spie­ler sein wird. Er ist nah dran am Stamm­platz“, sag­te Wen­ger zu­ver­sicht­lich. Es kam an­ders.

Nach neun Sai­son­ein­sät­zen war Schluss mit Gn­ab­rys Hö­hen­flug. Für den Rest der Sai­son stand der Deut­sche nicht mehr für Ar­senal auf dem Platz, wur­de we­gen sei­ner Form­schwä­che wie­der in den U-21-Ka­der ver­scho­ben. Nach ei­nem wei­te­ren Jahr oh­ne Ein­satz hoff­ten die Lon­do­ner, ei­ne Lei­he zu West Brom wür­de Gn­ab­rys Kar­rie- re ei­nen Schub ge­ben. Ver­geb­lich. Der Flü­gel­spie­ler stand für sei­nen zwi­schen­zeit­li­chen Ar­beit­ge­ber nur ein­mal auf dem Platz.

Die Ver­ant­wort­li­chen bei Ar­senal zwei­fel­ten dar­an, ob Ser­ge Gn­ab­ry den Sprung vom Ta­lent zum Top­Spie­ler noch schaf­fen könn­te. Sei­nen Ver­trag woll­ten sie des­halb vor­erst nicht ver­län­gern.

Ei­ner, der im­mer an Gn­ab­ry glaub­te, war DFB-Trai­ner Horst Hru­besch. Als er den Ka­der für die Olym­pi­schen Spie­le zu­sam­men­stell­te, er­in­ner­te er sich an sei­nen Schütz­ling. Gn­ab­ry zahl­te sei­nem Na­tio­nal­trai­ner das Ver­trau­en auf be­ein­dru­cken­de Wei­se zu­rück, war in al­len Spie­len in Rio de Janei­ro der ent­schei­den­de Fak­tor. Schon im Auf­takt­spiel ge­gen Me­xi­ko über­rasch­te er, als er das Re­mis nach sei­ner Ein­wechs­lung für Le­on Go­retz­ka ret­te­te. Beim 10:0 ge­gen Fi­dschi, bei dem auch Nils Pe­ter­sen (5) und Max Mey­er (3) tra­fen, er­ziel­te er sei­ne To­re vier und fünf im Wett­be­werb und trug so da­zu bei, dass die Deut­schen heu­te (13 Uhr) ge­gen die Por­tu­gie­sen im Vier­tel­fi­na­le ste­hen. Le­on Go­retz­ka, des­sen Ver­let­zung Gn­ab­rys Leis­tungs­ex­plo­si­on über­haupt erst mög­lich mach­te, wird nicht mit der Mann­schaft nach Bra­si­lia rei­sen. Er fällt län­ger aus. Ser­ge Gn­ab­ry wird sei­nen Platz auch ge­gen Por­tu­gal ein­neh­men. Denn plötz­lich ist er nicht mehr das ge­schei­ter­te Ta­lent, son­dern der Shoo­ting­star der Mann­schaft.

„Mich är­gert, dass man ihm im Ver­ein nicht das Ver­trau­en ge­ge­ben hat“, sagt Hru­besch. Er traut Gn­ab­ry zu, end­lich den nächs­ten Schritt zu ma­chen. Viel­leicht kann der Deutsch-Ivo­rer in der Hei­mat an al­te Leis­tun­gen an­knüp­fen. An­geb­lich den­ken die Ver­ant­wort­li­chen beim FC Augs­burg dar­über nach, Gn­ab­ry zu ver­pflich­ten, wenn Raul Bo­ba­dil­la oder Alex­an­der Ess­wein den Ver­ein ver­las­sen. Ein­tracht Frank­furt und der Ber­li­ner Her­tha wur­de eben­falls In­ter­es­se am 21-Jäh­ri­gen nach­ge­sagt. Die Klubs de­men­tier­ten je­doch. Weil sein Ver­trag am Sai­son­en­de aus­läuft, dürf­te Gn­ab­ry ver­gleichs­wei­se güns­tig zu ha­ben sein. Falls Ar­senal ihn jetzt noch ab­ge­ben möch­te. (mit dpa)

Fo­to: ima­go

Ser­ge Gn­ab­ry, 21, hat sich beim olym­pi­schen Tur­nier ins Ram­pen­licht ge­spielt. Der ge­bür­ti­ge Stutt­gar­ter traf beim 10:0 über Fi­dschi be­reits zum fünf­ten Mal in drei Par­ti­en.

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