Wan­der­se­rie

Un­ter­wegs im All­gäu

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Heimat - VON UL­RICH WEI­GEL

Oberst­dorf-Rei­chen­bach Was­ser be­glei­tet den Weg. Nicht nur als Durst­lö­scher im Ruck­sack, son­dern auch ent­lang des Gaisalp­ba­ches. Über den fließt das kla­re Ge­birgs­was­ser vom Obe­ren in den Un­te­ren Gaisalp­see und letzt­lich über die Il­ler in die Do­nau. Ziel der Wan­de­rung ist der un­te­re der zwei Se­en, ma­le­risch ge­le­gen auf ei­ner Ho­ch­ebe­ne auf gut 1500 Me­tern Hö­he.

Der et­wa 3,5 Hekt­ar gro­ße See ist bei­lei­be kein Ge­heim­tipp, son­dern trotz al­pi­ner La­ge ein be­lieb­tes Ziel. Für vie­le dient er auch als Zwi­schen­sta­ti­on für grö­ße­re Tou­ren – et­wa aufs Ru­bi­horn, zum Ent­schen­kopf oder Ne­bel­horn. Nach dem Start am Park­platz in Oberst­dorf-Rei­chen­bach geht es schon nach we­ni­gen Hun­dert Me­tern von der Fahr­stra­ße nach links in den Rei­chen­bacht­o­bel. Schritt für Schritt be­glei­tet den Wan­de­rer das Rau­schen des Gaisalp­ba­ches. Laut. Kraft­strot­zend. Der Bach bringt im Jahr et­wa zehn Mil­lio­nen Ku­bik­me­ter Was­ser ins Tal, schätzt das Was­ser­wirt­schafts­amt. Das sind im Mit­tel 300 Li­ter pro Se­kun­de – nach Re­gen­ta­gen ent­spre­chend mehr.

Wahr­schein­lich ist es dem trü­ben Wet­ter zu ver­dan­ken, dass an die­sem Mor­gen nie­mand in dem To­bel un­ter­wegs ist. Ers­ter Kon­takt sind vier Eich­hörn­chen, die sich ne­ben dem Weg auf Nah­rungs­su­che be­fin­den – und husch, husch auf die Bäu­me ver­schwin­den. Durch den To­bel führt ein zu­meist brei­ter Schot­ter­weg. Stahl­trep­pen und -brü­cken hal­ten den Wan­de­rer dicht an dem Wild­bach, der meh­re­re klei­ne Was­ser­kraft­wer­ke an­treibt.

Nicht Was­ser-, son­dern Mus­kel­kraft war in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten ge­fragt, als auch am na­hen Ent­schen­kopf Erz ab­ge­baut wur­de. Die Un­te­re Rich­ter­al­pe dien­te einst als Amts­haus, wo für Ei­sen­erz ei­ne Ab­ga­be an den Augs­bur­ger Bi­schof kas­siert wur­de, weiß Hüt­ten­wirt Jo­han­nes Hol­der­ried. Da­zu passt, was in der All­gäu­er Chro­nik von Al­f­red Weit­nau­er steht: 1471 wur­de auch bei Rei­chen­bach ei­ne Ei­sen­gru­be er­öff­net. 1521 ge­stan­den die Gra­fen von Mont­fort dem Bi­schof ein Drit­tel ih­rer Er­zer­trä­ge zu.

Hol­der­ried fand beim Um­bau der Al­pe so­gar ver­gra­be­ne Gieß­for­men, un­ter an­de­rem für Glo­cken. Im Kel­ler der Al­pe ent­deck­te er die Zahl 1710 im Mau­er­werk; der Holz­bo­den der Gast­stu­be da­tiert auf 1836. In ei­ner Hüt­te er­lebt man al­ler­hand. So hat Hol­der­ried, der im Tal ei­ne Land­wirt­schaft be­treibt, mehr auf La­ger: et­wa die Ge­schich­te von dem Hol­län­der, der mit gel­ben Gum­mi­stie­feln und eben­so leuch­ten­dem Frie­senn­erz aufs Ru­bi­horn stieg. Die Kun­de da­von kam schnel­ler in der Al­pe an als der Hol­län­der selbst.

Doch An­ek­do­ten und ei­ne Ein­kehr sind erst auf dem Rück­weg an­ge­sagt. Es geht an den Häu­sern vor­bei über ei­ne Wie­se mit wei­den­dem Jung­vieh nach oben. Ei­ne klei­ne Pas­sa­ge im Wald folgt, dann ist der Ge­birgs­pfad er­reicht, der sich am Hang ent­lang nach oben schlän­gelt. Wer auf der Stre­cke an ei­nen Punkt ge­langt, an dem er sich un­si­cher fühlt, kehrt ein­fach oh­ne Scheu um. Das ist bes­ser als ein Berg­wach­tEin­satz ...

Ku­ri­os ist die Fra­ge nach Schreib­wei­se und Her­kunft der Na­men, denn für die Al­pe, die Se­en und um­lie­gen­de Ber­ge gibt es ver­schie­de­ne Va­ri­an­ten mit Gais, Gaiß, Geis und Geiß. Nicht al­les, was nach Zie­ge klingt, hat auch Zie­ge „drin“. Der Geis­fuß (Gais­fuß) et­wa hat sei­nen Na­men vom „Gän­se­fuß“. Von dort führ­ten die Oberst­dor­fer frü­her Heu ein und fühl­ten sich von den hoch ge­le­ge­nen Gras­flä­chen an Schwimm­häu­te ei­nes Gän­se­fu­ßes er­in­nert, schreibt Dr. Th­ad­dä­us St­ei­ner im Buch All­gäu­er Ber­g­na­men.

Schön­wet­ter­wan­dern kann je­der. Der Un­te­re Gaisalp­see ist auch un­ter Wol­ken ein schö­nes Ziel. Weil meh­re­re Bä­che den Weg kreu­zen, ist gu­tes Schuh­werk ge­fragt. Denn rechts geht es teils steil run­ter.

Rund neun Ki­lo­me­ter lang ist un­se­re Tour, bei der et­wa 660 Hö­hen­me­ter zu über­win­den sind. Wir star­ten in Oberst­dorf-Rei­chen­bach.

Durch den Rei­chen­bacht­o­bel (auch Gaisalp­to­bel ge­nannt) führt ent­lang des Gaisalp­ba­ches die ers­te Etap­pe der Wan­de­rung zu den Gaisalp­se­en.

Fo­tos: Wei­gel

Kunst am Baum – ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu den oft zu se­hen­den St­ein­man­derln.

Schön­heit am We­ges­rand: Das Statt­li­che Kn­a­ben­kraut (Or­chis mas­cu­la) leuch­tet auch bei trü­bem Wet­ter.

So ist’s rich­tig: Fa­mi­lie Sut­ter hat auf der Alp­wie­se ih­ren Hund an der Lei­ne.

Ei­ni­ge Pas­sa­gen ha­ben ei­ne Seil­si­che­rung, an der man sich fest­hal­ten kann.

Die­ser zah­me Wolf war in Be­glei­tung ei­nes Wan­de­rers un­ter­wegs.

All­gäu­er Rin­der wei­den auch auf den Wie­sen ober­halb von Rei­chen­bach.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.