Ein Dorf baut sein ei­ge­nes Ärz­te­haus

Um Me­di­zi­ner und The­ra­peu­ten aufs Land zu lo­cken, hat die klei­ne Ge­mein­de Stött­wang ein Pra­xis­ge­bäu­de er­rich­tet. Das Pro­jekt läuft gut, aber ein ent­schei­den­der Mie­ter fehlt noch

Mittelschwaebische Nachrichten - - Bayern - VON MAR­TIN FREI

Stött­wang liegt, wie man so schön sagt, auf dem fla­chen Land, wo­bei flach auch im nord­öst­li­chen All­gäu re­la­tiv ist. In je­dem Fall kann man in der land­schaft­lich reiz­voll und et­was ab­seits der gro­ßen Ver­kehrs­ach­sen ge­le­ge­nen Kom­mu­ne noch die dörf­li­che Idyl­le fin­den, die vie­le Städ­ter su­chen. Doch we­der Land­wirt­schaft und Ge­wer­be, die in der Ge­mein­de stark ver­tre­ten sind, noch die In­fra­struk­tur mit Kin­der­gar­ten, Grund­schu­le und Mehr­zweck­hal­le kön­nen ver­hin­dern, dass die Ein­woh­ner­zahl sta­gniert und die Be­völ­ke­rung zu­neh­mend äl­ter wird. Um ins­be­son­de­re auf letz­te­re Ent­wick­lung zu re­agie­ren, hat die Ge­mein­de ei­nen un­kon­ven­tio­nel­len Schritt ge­tan: In Ei­gen­re­gie er­rich­te­te die Kom­mu­ne ein Ärz­te­haus, um Me­di­zi­ner und The­ra­peu­ten ver­schie­de­ner Spar­ten aufs Land zu lo­cken und auch dau­er­haft dort zu hal­ten.

Rund 1,3 Mil­lio­nen Eu­ro in­ves­tier­te die 1800-Ein­woh­ner-Ge­mein­de in den statt­li­chen, mo­der­nen Neu­bau im Orts­teil Thal­ho­fen. Bür­ger­meis­ter Chris­ti­an Schle­gel, im Haupt­be­ruf Ar­chi­tekt, ist zu­ver­sicht­lich, dass sich das Pro­jekt tra­gen wird. Auch die eher un­ge­wöhn­li­che Rol­le der Ge­mein­de als Bau­her­rin ei­nes sol­chen Vor­ha­bens er­gibt für Schle­gel Sinn: „Als Ver­mie­ter ha­ben wir Ein­fluss dar­auf, wer die Räu­me be­zieht.“Zu­dem sei­en auf die­se Wei­se lang­fris­ti­ge Ver­trä­ge mög­lich. „Das kommt den Mie­tern und uns ent­ge­gen“, sagt der 42-jäh­ri­ge Bür­ger­meis­ter. Au­ßer­dem be­fand sich das be­tref­fen­de Grund­stück be­reits im Ei­gen­tum der Ge­mein­de.

Im Früh­jahr wur­de das Ärz­te­haus fer­tig­ge­stellt und im Mai er­öff­ne­ten ei­ne Zahn­ärz­tin und ei­ne Sprachthe- ra­peu­tin ih­re Pra­xen in dem Ge­bäu­de. Der Be­trieb läuft in­zwi­schen nor­mal. Auch Pa­ti­en­ten aus dem wei­te­ren Um­kreis fin­den den Weg ins Stött­wan­ger Ärz­te­haus und die Ein­rich­tung ist mitt­ler­wei­le so­gar wei­ter ge­wach­sen. Die Ge­mein­de hat das be­nach­bar­te Ge­bäu­de, in dem frü­her ei­ne Bank­fi­lia­le un­ter­ge­bracht war, er­wor­ben und ver­mie­tet dort eben­falls Pra­xis­räu­me. Seit An­fang Au­gust hat sich ein Heil­prak­ti­ker ein­ge­mie­tet, im Herbst wird ei­ne phy­so­the­ra­peu­ti­sche Pra­xis dort ei­ne Zweig­stel­le er­öff­nen. Auf ei­ne Bank-Nie­der­las­sung und so­gar auf ei­nen Geld­au­to­ma­ten müs­sen die Stött­wan­ger da­ge­gen schon seit län­ge­rer Zeit ver­zich­ten.

Ein ent­schei­den­der Mie­ter für die wohn­ort­na­he Ver­sor­gung fehlt al­ler­dings noch: ein All­ge­mein­me­di­zi­ner. Hat­te die Ge­mein­de zu­nächst ei­nen In­ter­es­sen­ten in Aus­sicht, der in sei­ner Pra­xis auch noch Sprech­zei­ten für Haut- und Kin­der­heil­kun­de an­bie­ten woll­te, mach­te die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung vo­r­erst ei­nen Strich durch die Rech­nung. Ei­ne Be­darfs­er­mitt­lung in der Um­ge­bung ha­be er­ge­ben, dass ei­ne Haus­arzt­pra­xis in Stött­wang nicht für not­wen­dig er­ach­tet wer­de. Bür­ger­meis­ter Schle­gel geht aber da­von aus, dass es trotz­dem noch zu ei­ner Ei­ni­gung und ei­nem Miet­ver­trag kom­men wird. „Auf­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels le­ben im­mer mehr äl­te­re Menschen in der Ge­mein­de, die an­sons­ten mit Bus oder Au­to in an­de­re Or­te fah­ren müss­ten.“Aber auch für jün­ge­re Bür­ger und vor al­lem für El­tern be­deu­te ein gut be­setz­tes Ärz­te­haus kur­ze We­ge und letzt­lich mehr Wohn- und Le­bens­qua­li­tät. Die wie­der­um könn­te auch Neu­bür­ger an­zie­hen.

Ne­ben der Ver­bes­se­rung der ärzt­li­chen Ver­sor­gung hat die Re­gi­on west­lich von Kauf­beu­ren auch bei der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung im Not­fall die Ei­gen­in­itia­ti­ve er­grif­fen. Da Ret­tungs­wa­gen zum Teil lan­ge brau­chen, bis sie aus den be­nach­bar­ten Städ­ten vor Ort sind, gibt es seit ei­ni­gen Jah­ren die First Re­spon­der. Dies sind eh­ren­amt­li­che Erst­hel­fer, die den Feu­er­weh­ren in den Stött­wan­ger Nach­bar­ge­mein­den Markt Kal­ten­tal und Os­ter­zell an­ge­hö­ren. Sie rü­cken im Not­fall mit ei­nem ei­ge­nen, pro­fes­sio­nell aus­ge­rüs­te­ten Fahr­zeug aus und über­neh­men die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung bis zum Ein­tref­fen des Ret­tungs­diens­tes. Die First Re­spon­der sind auch in den an­gren­zen­den länd­li­chen Ge­mein­den im Ein­satz, wo­bei die Kom­mu­nen an­tei­lig für die Kos­ten der Erst­hel­fer auf­kom­men. „Das über­neh­men wir ger­ne“, sagt Bür­ger­meis­ter Schle­gel, „ob­wohl die Ver­bes­se­rung des Ret­tungs­diens­tes ei­ne Sa­che ist, für die ei­gent­lich nicht die Kom­mu­nen be­zah­len soll­ten.“

Fo­to: Ma­thi­as Wild

In Stött­wang le­ben 1800 Menschen – und sie ha­ben es neu­er­dings al­le nicht weit, wenn sie zum Arzt müs­sen. Im Früh­jahr ist das Ärz­te­haus der Ge­mein­de fer­tig ge­wor­den.

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