His­to­ri­sche St­un­de im Atom­kraft­werk

Vor 50 Jah­ren wur­de Block A in Gund­rem­min­gen in Be­trieb ge­nom­men. Wal­ter Reim war in ver­ant­wort­li­cher Po­si­ti­on da­bei. Mit Geg­nern der An­la­ge kann er bis heu­te nichts an­fan­gen

Mittelschwaebische Nachrichten - - Landkreis - VON CHRIS­TI­AN KIRSTGES

Gund­rem­min­gen In der Nacht auf Sonn­tag, 14. Au­gust 1966, al­so vor ge­nau 50 Jah­ren, ist im Atom­kraft­werk (Akw) Gund­rem­min­gen Block A in Be­trieb ge­nom­men wor­den. Zum ers­ten Mal wur­de dort die ato­ma­re Ket­ten­re­ak­ti­on ein­ge­lei­tet. Bis zum En­de des Jah­res soll­te das Werk sei­ne vol­le Leis­tung er­rei­chen, heißt es im Ar­ti­kel un­se­rer Zei­tung vom 16. Au­gust 1966. Wei­ter wird dort be­rich­tet: „Der Atom­re­ak­tor wird kri­tisch – das hört sich so an, als wä­re in die­sem Au­gen­blick ir­gend­et­was Ge­fähr­li­ches zu er­war­ten (...). Doch die­ses Kri­ti­sch­wer­den ist beim Re­ak­tor ein durch­aus not­wen­di­ger, von lan­ger Hand vor­be­rei­te­ter, sorg­fäl­tig be­ob­ach­te­ter und mit mi­nu­tiö­ser Ge­nau­ig­keit ge­lenk­ter Vor­gang: Es wird ge­prüft, ob der Re­ak­tor wirk­lich nach sei­ner Fer­tig­stel­lung und der La­dung mit den Uran­stä­ben den Be­rech­nun­gen ent­spre­chend auf Be­fehl ar­bei­tet.“

In die­ser his­to­ri­schen St­un­de kurz nach Mit­ter­nacht war auch Wal­ter Reim da­bei. Nach dem Stu­di­um der Elek­tro­tech­nik ar­bei­te­te der In­ge­nieur zu­nächst im Ver­suchs­re­ak­tor Kahl am Main, be­vor er dann nach Gund­rem­min­gen kam. „Es war ei­ne tol­le Sa­che da­mals, es war ein gro­ßer Fort­schritt“, er­in­nert er sich an die Schicht, die er lei­te­te. „Aber wir wa­ren na­tür­lich al­le an­ge­spannt.“Für ihn war es das zwei­te Er­eig­nis die­ser Art, zum ers­ten Mal hat­te er das Spal­ten von Kern­brenn­stoff im Re­ak­tor­druck­be­häl­ter in Kahl er­lebt. Spä­ter, 1977, gab es je­doch gleich zwei tra­gi­sche Un­fäl­le im Kraft­werk Gund­rem­min­gen: Bei ei­nem Dampf­aus­tritt star­ben zwei Ar­bei­ter – und An­fang des Jah­res, so die Akw-Be­trei­ber, „nach ei­nem wet­ter­be­ding­ten Kurz­schluss im Hoch­span­nungs­netz au­ßer­halb der An­la­ge führ­te ein Feh­ler in der Re­ge­lung der Tur­bi­ne zu ei­nem er­heb­li­chen Scha­den“. Drei Jah­re spä­ter fiel die Ent­schei­dung, Block A end­gül­tig still­zu­le­gen. Wie­der­um drei Jah­re spä­ter kam die Ge­neh­mi­gung für den Ab­bau der An­la­ge. Das Ge­bäu­de dient in­zwi­schen als Tech­no­lo­gie­zen­trum.

Heu­te lau­fen die Vor­be­rei­tun­gen für den Rück­bau von Block B, des­sen Be­trieb En­de 2017 en­den soll, Block C läuft noch bis En­de 2021. Nach Aus­kunft von Kraft­werks­spre­cher To­bi­as Schmidt ist die Er­stel­lung des Si­cher­heits­be­richts, der Um­welt­ver­träg­lich­keits­un­ter­su­chung und der Kurz­be­schrei­bung des Ab­bau­vor­ha­bens weit vor­an­ge­schrit­ten. „Wir ge­hen da­von aus, die­se An­trags­un­ter­la­gen in den nächs­ten Wo­chen beim Baye­ri­schen Um­welt­mi­nis­te­ri­um ein­rei­chen zu kön­nen.“Dass „sein“Kraft­werk tat­säch­lich ab­ge­schal­tet wird, kann der ehe­ma­li­ge tech­ni­sche Lei­ter Wal­ter Reim al­ler­dings noch nicht so recht glau­ben. „We­der die Wind­noch die So­lar­ener­gie sind so weit ent­wi­ckelt, dass sie das er­set­zen kön­nen“, be­tont der In­ge­nieur, der am 27. No­vem­ber 1997, dem Tag sei­nes 65. Ge­burts­tags, in den Ru­he­stand ging. „Das al­les tut schon weh, vor al­lem, weil die An­la­ge ja in Ord­nung ist.“Noch im­mer ist er dem Akw ver­bun­den, geht zu Tref­fen der Ru­he­ständ­ler und ge­gen­sei­ti­ge Ge­burts­tags­be­su­che bei ihm und sei­ner Se­kre­tä­rin, die heu­te dem jet­zi­gen tech­ni­schen Ge­schäfts­füh­rer Micha­el Tro­bitz as­sis­tiert, sind selbst­ver­ständ­lich. Ger­ne er­zählt er von den ver­gan­ge­nen Ta­gen, als es am An­fang nicht mehr als ei­nen nor­ma­len Zaun rund um das Ge­län­de ge­ge­ben ha­be. Erst durch den Ter­ror der Ro­ten Ar­mee Frak­ti­on (RAF) ha­be ein Um­den­ken ein­ge­er­klä­ren setzt. Reim ist auch Initia­tor und Grün­der der Volks­stern­war­te in Gund­rem­min­gen.

Die Si­cher­heit der An­la­ge ist auch heu­te noch ein The­ma, das in der Öf­fent­lich­keit dis­ku­tiert wird. Vor al­lem der Fund ei­ner Schad­soft­ware auf Rech­nern des Kraft­werks im Früh­jahr sorg­te für Auf­se­hen. Da­zu er­klärt Spre­cher Schmidt, die Un­ter­su­chun­gen und die kom­plet­te Über­prü­fung al­ler re­le­van­ten ITSys­tem­tech­nik sei weit fort­ge­schrit­ten. Es hät­ten sich da­bei bis­her kei­ner­lei Hin­wei­se auf ge­ziel­te An­grif­fe auf die An­la­ge oder vor­sätz­li­ches Han­deln er­ge­ben. „Auch gab es kei­ne wei­te­ren Be­fun­de an si­cher­heits­tech­nisch wich­ti­gen Ein­rich­tun­gen.“Die Schad­soft­ware zie­le nicht spe­zi­ell auf Kern­kraft­wer­ke ab und ha­be durch die tech­ni­sche Aus­le­gung kei­nen Ein­fluss auf den si­che­ren Kraft­werks­be­trieb neh­men kön­nen. „Den­noch ha­ben wir un­se­re prä­ven­ti­ven Maß­nah­men ge­gen das Ein­drin­gen von Schad­soft­ware noch wei­ter ver­stärkt.“Die Ana­ly­se zum Schwel­brand in ei­nem Ent­sor­gungs­fass vom Ju­ni daue­re noch an. Bis zu ih­rem Ab­schluss wer­de vo­r­erst auf der­ar­ti­ge Trock­nungs­vor­gän­ge ver­zich­tet, er­klärt Schmidt.

Reim ver­folgt noch im­mer mit In­ter­es­se, was im Kraft­werk in Gund­rem­min­gen vor sich geht. Und er ist nach wie vor stolz auf sei­ne Ar­beit. Über die For­de­run­gen von Bür­ger­initia­ti­ven oder Par­tei­en, die An­la­ge we­gen ei­ner ver­meint­li­chen Un­si­cher­heit am bes­ten so­fort ab­zu­schal­ten, är­ger­te er sich da­mals so sehr wie er es heu­te tut. „Es gibt ein­fach zu vie­le Si­cher­heits­maß­nah­men“, be­tont er. Doch mit den Geg­nern ha­be man nie sach­lich dis­ku­tie­ren kön­nen. Bis heu­te nicht.

Re­pro: Weiz­enegger

So be­rich­te­te un­se­re Zei­tung 1966 über die his­to­ri­sche St­un­de im Atom­kraft­werk Gund­rem­min­gen.

Fo­to: Weiz­enegger

Wal­ter Reim war tech­ni­scher Lei­ter des Kern­kraft­werks Gund­rem­min­gen. Sei­ne Mit­ar­bei­ter schenk­ten ihm zum Ru­he­stand ei­ne Tur­bi­nen­schau­fel.

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