War­um die 44 Nord­ho­fe­ner auf ih­ren Wei­ler so stolz sind

Se­rie (2) Von ei­ner Idyl­le, in der er sich auch gut Ur­laub ma­chen lässt, ei­ner be­son­de­ren Ka­pel­le und ei­nem star­ken Zu­sam­men­halt

Mittelschwaebische Nachrichten - - Landkreis - VON PE­TER WIESER

Ja, wo liegt denn Nord­ho­fen? Der Wei­ler ab­seits der Stra­ße zwi­schen Dei­sen­hau­sen und Ober­blei­chen be­fin­det sich ge­ra­de ein­mal drei Ki­lo­me­ter von Krum­bach ent­fernt – auch zu er­rei­chen über den Weg west­lich der B16, ein­ge­bet­tet von Mais­fel­dern und ei­gent­lich nur frei für An­lie­ger. Den­noch: „Nord­ho­fen ken­nat man­che Krum­ba­cher net“, sagt Jo­sef An­drasch­ko la­chend. Er hat recht: Nor­ma­ler­wei­se fährt man dar­an nur vor­bei. Und dann gibt es noch et­was ganz Be­son­de­res in dem klei­nen Wei­ler, den ei­ne ge­ra­de ein­mal 500 Me­ter lan­ge Stra­ße um­schließt: Die Ka­pel­le St. Le­on­hard. Am 7. Ju­li 1747 wur­de das von Nord­ho­fe­ner Bür­gern er­bau­te „Käp­pa­le“fei­er­lich ein­ge­weiht. Ein­mal im Jahr, zu St. Le­on­hard, fin­det dort ei­ne Mes­se statt.

An­sons­ten auch ein­mal ei­ne Tau­fe oder ein Ro­sen­kranz. Die Ka­pel­le ist zwar klein – ge­läu­tet wird noch von Hand – aber groß ge­nug für al­le 44 Be­woh­ner von Nord­ho­fen. „Platz wür­den da al­le fin­den – wenn se kom­ma tätat“, fügt Ma­ria An­drasch­ko schmun­zelnd hin­zu. Von 2011 bis 2013 wur­de die Ka­pel­le üb­ri­gens re­no­viert, al­les was mög­lich war, führ­ten die Nord­ho­fe­ner in Ei­gen­leis­tung aus. Seit 1989 küm­mert sich Jo­sef An­drasch­ko um die Ka­pel­le, jetzt zu­sam­men mit Hans Fi­scher. „S’Käp­pa­le ge­hört zu Nord­ho­fen“, sagt die­ser. Fi­gu­ren be­fin­den sich kei­ne mehr dar­in. In den 70er-Jah­ren wur­de dort ein­ge­bro­chen. Franz-Xa­ver Rött­le – er wohnt gleich ge­gen­über – er­in­nert sich noch dar­an, als da­mals der Hund so ge­bellt hat­te und an die ab­ge­bro­che­ne Hand ei­nes der Hei­li­gen, die an­schlie­ßend in der an­gren­zen­den Wie­se ge­fun­den wur­de. An­hand die­ser ha­be man die Fi­gu­ren aus dem 18. Jahr­hun­dert iden­ti­fi­zie­ren kön­nen, als die­se tat­säch­lich wie­der auf­ge­taucht wa­ren. Jetzt be­fin­den sie sich im Krum­ba­cher Hei­mat­mu­se­um.

Stra­ßen­na­men gibt es in Nord­ho­fen kei­ne – gut, es gibt ja nur die ei­ne um den Wei­ler her­um. Da­für aber Haus­num­mern: Von 1 bis 16, rechts der Stra­ße die ge­ra­den, auf der an­de­ren Sei­te die un­ge­ra­den. War­um es die Num­mern 13 und 15 gibt, kann kei­ner sa­gen. Da­für hat, wie in vie­len an­de­ren Dör­fern auch, je­des Haus sei­nen Haus­na­men, wie „beim Bäsch­te“oder „beim Bau­le“mit dem da­zu­ge­hö­ri­gen „Vers­le“: „Bäsch­te, Räsch­te Uhra­käscht­le – Bau­le, Rau­le, Katz­abau­le – Pe­ter­le, bet – Vö­ge­le pfeift und so wei­ter, quer durch den Ort. Dann gibt es noch ei­ne Schrei­ne­rei und ei­ne Pra­xis für Phy­sio­the­ra­pie. vor zwei Jah­ren gab es so­gar ei­nen Bau­ern­la­den, der zwei­mal die Wo­che ge­öff­net hat­te. Auf­grund der im­mer grö­ßer wer­den­den Auf­la­gen ist er ge­schlos­sen. Un­ter an­de­rem sei die „Hengst­mar­me­la­de“falsch de­kla­riert ge­we­sen, ob­wohl es sich bei „Hengst“ei­gent­lich um die gro­ßen Pflau­men hand­le.

Sie­ben Hö­fe gibt es in Nord­ho­fen, fünf da­von sind noch land­wirt­nicht schaft­lich ak­tiv. Al­le wir­ken ir­gend­wie grö­ßer als an­ders­wo und in­mit­ten dar­in steht ein gro­ßer „Hof­baum“, ei­ne Lin­de, ei­ne Kas­ta­nie oder ein Ahorn. Ei­nen die­ser Hö­fe be­wirt­schaf­tet Bern­hard May­er zu­sam­men mit sei­ner Frau Sil­via, 90 Hekt­ar und zwei Bio­gas­an­la­gen. Nach und nach stellt er auf Bul­len­mast um, we­gen dem Milch­preis. Frü­her sei­en al­le Mil­cher­zeu­ger geBis we­sen, er­zählt er. Sein Va­ter An­ton May­er, der dritt­äl­tes­te Nord­ho­fe­ner, er­in­nert sich an frü­her und be­rich­tet von dem Mit­ein­an­der, das nach wie vor herrscht. Auch da­von, wenn es dar­um ging, grö­ße­re Ma­schi­nen ge­mein­sam zu nut­zen, oh­ne Kon­kur­renz­den­ken. Oder ein­fach nur zu­sam­men­zu­sit­zen, als man noch mehr Zeit hat­te - zu­meist in der Wirt­schaft in Dei­sen­hau­sen, von der man oft­mals „ganz nett“heim­ge­kom­men sei.

„Wir wis­sen, dass wir’s schön ha­ben“, sagt Ka­rin Ho­fen­zitz, die ein paar Häu­ser wei­ter di­rekt ge­gen­über dem Mais­feld wohnt. In der Stadt, selbst in Krum­bach, wür­de sie sich nicht rich­tig wohl füh­len. Schon als Kind sei man im Wei­ler in je­dem Haus zu­hau­se ge­we­sen, die äl­te­ren Nord­ho­fe­ner sei­en ent­we­der die Oma oder der Opa ge­we­sen. Jetzt sind es Han­nah (9), Emi­lia und Jo­na­than (bei­de 5), drei der sie­ben Kin­der aus Nord­ho­fen, die ge­ra­de ganz un­be­schwert auf dem gro­ßen Holz­stoß spie­len mit Pfeil und Bo­gen. Der Ge­dan­ke an „Die Kin­der aus Bul­ler­bü“, nach dem Ro­man von As­trid Lind­gren, ist tat­säch­lich gar nicht so ab­we­gig.

„Wir sind wie ei­ne gro­ße Ver­wandt­schaft“, sagt Jo­sef An­drasch­ko an­schlie­ßend in der klei­nen Run­de bei Kaf­fee und Ame­ri­ka­nern. Er er­zählt von den spo­ra­di­schen „Weil­er­fes­ten“, zu de­nen die Nord­ho­fe­ner im­mer wie­der zu­sam­men­kom­men. „Wenn Geld üb­rig bleibt, wird die­ses groß­zü­gig für die Ka­pel­le ge­spen­det.“

In Nord­ho­fen lässt sich so­gar Ur­laub ma­chen. „Zur Idyl­le“, so der tref­fen­de Na­me der Fe­ri­en­woh­nung von Mo­ni­ka und Die­ter Mö­nich. „Die Gäs­te kom­men an und ge­nie­ßen zu­erst ein­mal die Ru­he“, sagt Mo­ni­ka. Und wenn wäh­rend der Ern­te die Trak­to­ren zwan­zig Mal auf und ab fah­ren, dann sei das eben so. „Al­les ist grün und idyl­lisch, so viel Na­tur“, be­stä­tigt Ma­the­js Bak­ker, der so­eben mit sei­ner Frau Yvan­ka und den bei­den Söh­nen aus dem über 800 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Bols­ward in Hol­land an­ge­kom­men ist. Für drei Tage wer­den sie ne­ben dem Be­such von Le­go­land auch die Re­gi­on ge­nie­ßen, be­vor sie nach Kärn­ten wei­ter­rei­sen. Eben Na­tur pur, wo auch ein­mal ein paar Brenn­nes­seln wach­sen dür­fen, oh­ne viel Stress, und das im Grun­de ge­nom­men vor der Haus­tür.

Fo­tos: Pe­ter Wieser

Nord­ho­fen von oben: An­ton May­er mit ei­nem Bild des Wei­lers vor ei­ni­gen Jahr­zehn­ten.

Blick ins In­ne­re der Nord­ho­fe­ner Ka­pel­le St. Le­on­hard. Nach An­ton May­er (Mit­te) küm­mert sich seit 1989 Jo­sef An­drasch­ko (rechts) zu­sam­men mit Hans Fi­scher um das „Käp­pa­le“.

Im Dei­sen­hau­ser Orts­teil Nord­ho­fen gab es bis vor zwei Jah­ren so­gar ei­nen Bau­ern­la­den. Franz-Xa­ver Rött­ler mit dem Schild von da­mals. Ge­führt hat­te den La­den sei­ne Frau.

Ur­laub in Nord­ho­fen. So­gar ei­ne Fe­ri­en­woh­nung gibt es in dem klei­nen Wei­ler.

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