Pad­deln für Ste­fan

Tra­gi­scher Un­fall­tod des Ka­nu­sla­lom-Trai­ners be­schäf­tigt die Re­gatt­aka­nu­ten. War­um Sebastian Bren­del sich schon früh sei­ner Gold­me­dail­le si­cher ist und wel­che Zie­le er noch hat

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 - VON PETER DEININGER

Rio de Janei­ro Es hat an­ge­neh­me 23 Grad auf der La­goa Ro­d­ri­go de Frei­tas in Rio. Sebastian Bren­del kniet in sei­nem Ca­na­di­er­boot, Zug um Zug setzt er sein Stech­pad­del ins Was­ser und kommt nach ei­nem Blick aus dem Au­gen­win­kel zu ei­ner über­ra­schen­den Er­kennt­nis. Der Bra­si­lia­ner Isaqui­as Quei­roz dos San­tos auf der Ne­ben­bahn ist ihm nicht ent­eilt.

„Nor­ma­ler­wei­se führt er am An­fang meis­tens mit zwei, drei Län­gen Vor­sprung“, kennt der Pots­da­mer die Tak­tik sei­nes Wi­der­sa­chers. Der 28-jäh­ri­ge Ti­tel­ver­tei­di­ger ist bei Halb­zeit (500 m) auf ei­ner Hö­he mit dem Bra­si­lia­ner und spürt 200 Me­ter spä­ter be­reits die ers­te Vor­freu­de. „Ich bin stark im End­spurt und ha­be schnell ge­merkt, dass ich das Ding in Gold nach Hau­se fah­ren kann.“

„Das kann man nicht aus­blen­den. Wir sind heu­te al­le für Ste­fan ge­pad­delt.“Sebastian Bren­del

Nach 1000 Me­tern hat Bren­del ei­ne Län­ge Vor­sprung und ist wie­der Olym­pia­sie­ger. „Vor vier Jah­ren in Lon­don war ich nicht der Fa­vo­rit, hier in Rio schon.“

Bren­del hat die Bran­che im Ca­na­di­er-Ei­ner ein­drucks­voll be­herrscht. „Je­des Ren­nen ist ein Kampf und for­dert viel Ener­gie. Es ist nicht ein­fach, mit dem Druck um­zu­ge­hen.“Bei der Sie­ger­eh­rung ist er des­halb sicht­lich be­wegt. Trä­nen flie­ßen. Auch der Un­fall­tod des Ka­nu­sla­lom-Trai­ners Ste­fan Hen­ze be­schäf­tigt ihn. „Das kann man nicht aus­blen­den. Wir sind heu­te al­le für Ste­fan ge­pad­delt.“

Tho­mas Ko­nietz­ko, der Prä­si­dent des Deut­schen Kanu-Ver­ban­des (DKV), um­armt Bren­del, als die­ser wie­der fes­ten Bo­den un­ter sich hat, und schwelgt in Eu­pho­rie. „Sebastian hat ei­ne Ge­ne­ra­ti­on ge­prägt und ist schon jetzt in den Fuß­stap­fen ei­ner Birgit Fi­scher an­ge­kom­men.“

Das ist dem zwei­ma­li­gen Olym­pia­sie­ger dann doch ein biss­chen zu viel der Eh­re. „An de­ren Er­fol­ge wer­de ich nie her­an­kom­men.“Fi­scher ge­wann acht olym­pi­sche Gold­me­dail­len und vier­mal Sil­ber.

Bren­del als fünf­fa­cher Welt­meis­ter und neun­ma­li­ger Eu­ro­pa­meis­ter ist wie al­le Kol­le­gen in Rio vom Zeit­plan­ge­stal­ter zur Früh­schicht ver­don­nert wor­den. „Um 5.30 Uhr hat der We­cker ge­klin­gelt.“Zwei St­un­den spä­ter sticht er in See – die Auf­wärm­pha­se be­ginnt. Auf sei­nen üb­li­chen Schluck Was­ser aus dem See („Ich be­kom­me schnell ei­nen tro­cke­nen Mund“) ver­zich­tet er hier aus Si­cher­heits­grün­den. Um die Was­ser­qua­li­tät steht es nicht zum Bes­ten.

Bren­del greift statt­des­sen zu ei­ner Fla­sche Mi­ne­ral­was­ser und er­lebt kurz dar­auf ei­ne Schreck­se­kun­de. Die Wel­len in der La­gu­ne er­hö­hen den Wi­der­stand des Was­sers. „Nach ei­nem ko­mi­schen Pad­del­schlag hat­te ich des­halb plötz­lich Rü­cken­schmer­zen. Im Len­den­wir­bel­be­reich war al­les fest. Da wur­de ich schon ein biss­chen ner­vös.“Der Phy­sio­the­ra­peut muss ran und leis­tet gan­ze Ar­beit.

Im Ren­nen ist der Rü­cken kein Pro­blem mehr. „Da wa­ren die Schmer­zen im Arm und den an­de­ren Kö­per­tei­len viel grö­ßer“, sagt der Bun­des­po­li­zist, der aus Schwedt an der Oder stammt und mit sei­ner Fa­mi­lie (zwei Kin­der) in Pots­dam lebt.

Jetzt kann er sich zwei Ta­ge er­ho­len und sich auf den Vor­lauf am Frei­tag im Zwei­er vor­be­rei­ten. „Das ist ei­ne schö­ne Zu­ga­be“, fin­det Bren­del. Er kann mit Jan Vandrey pad­deln, weil nach Aus­schlüs­sen ei­ni­ger Na­tio­nen we­gen Do­ping­ver­dachts Start­plät­ze frei wa­ren. „Erst ein­mal müs­sen wir das Fi­na­le er­rei­chen, dann ist ein Platz zwi­schen drei und sechs rea­lis­tisch“, glaubt der Gold­me­dail­len­ge­win­ner.

Be­reits ein Ren­nen spä­ter kann DKV-Prä­si­dent Ko­nietz­ko noch ein­mal freu­de­strah­lend gra­tu­lie­ren. „Das war das bes­te Ren­nen des Ka­jak-Zwei­ers in die­ser Sai­son“, lobt er und klopft dem Frau­en-Bun­des­sonst trai­ner Kay Ve­se­ly auf die Schul­ter. Nur ge­nau 0,051 Se­kun­den sind Fran­zis­ka We­ber (Pots­dam) und Ti­na Diet­ze (Leip­zig) lang­sa­mer als die Un­ga­rin­nen Ga­b­ri­el­la Sz­abo und Da­nu­ta Ko­z­ak. „Wir ha­ben uns nichts vor­zu­wer­fen, es war ein Su­per­ren­nen“, be­tont Diet­ze, die mit ih­rer Part­ne­rin 2012 Gold ge­won­nen hat­te. So sieht es auch der Trai­ner. „Kürz­lich in Mos­kau ha­ben uns die Un­ga­rin­nen noch deut­lich ab­ge­hängt“, er­zählt Ve­se­ly.

Prä­si­dent Ko­nietz­ko ist mit dem Auf­takt rund­her­um zu­frie­den. „Es ist schön, wenn die bes­te Leis­tung beim Sai­son­hö­he­punkt ab­ge­ru­fen wird.“

Nur Max Hoff aus Köln hat im Ka­jak-Ei­ner Pech. Blät­ter ver­fan­gen sich in sei­nem Steu­er. Des­halb reicht es nur zu Rang sie­ben.

Fo­to: Soe­ren St­a­che, dpa

Un­ter­wegs zur Gold­me­dail­le: Sebastian Bren­del.

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